„Wie Räder in einer Maschinerie“

Fabian Scheidler seziert in seinem neuen Buch „Das Ende der Megamaschine“ die Geschichte des Kapitalismus – und gibt Antworten darauf, wie eine „menschlichere“ Wirtschaft aussehen könnte. Redakteur Richard Solder hat mit ihm gesprochen.

Was ist das, die Megamaschine?
Fabian Scheidler: Darunter verstehe ich ein soziales, wirtschaftliches, politisches und ideologisches System, das vor etwa 500 Jahren in Europa entstanden ist. Es wird auch kapitalistische Weltwirtschaft oder modernes Weltsystem genannt. „Megamaschine“ ist eine Metapher dafür.

Klingt ein bisschen nach Science-Fiction. Worauf bezieht sich der Begriff?
Der US-Historiker Lewis Mumford (1895-1990, Anm.) prägte den Begriff „Megamaschine“. Als sich das System formierte, einschließlich der ersten Aktiengesellschaften, haben führende Denker der Neuzeit wie Thomas Hobbes oder René Descartes die Welt und die Gesellschaft als eine Maschine dargestellt. Das Vorbild dafür war das Militär. Menschen sollten in den ökonomischen und militärischen Apparaten funktionieren wie Räder in einer Maschinerie.

Das war in gewisser Weise eine radikale Utopie, Science Fiction. Dagegen gab es aber von Anfang an auch Widerstand, Gegenutopien. Und heute sehen wir, dass diese Maschinerie an planetare Grenzen stößt.

Ihr Buch suggeriert, dass es nun, nach 500 Jahren, zu einem systemischen Wandel kommt. Wieso jetzt?
Aus zwei Gründen denke ich, dass die Megamaschine im 21. Jahrhundert an ihr Ende kommen wird: Zum einen bietet das ökonomische System heute immer weniger Menschen Perspektive, Einkommen und Lebensinhalt. Der Glaube an den Mythos, dass der Kapitalismus uns alle reicher, schöner und glücklicher macht, beginnt zu bröckeln.

Der zweite, noch wichtigere Grund liegt in den ökologischen Grenzen. Der Klimawandel ist nur ein Teil davon. Wir bewegen uns, zum Beispiel, in eine globale Süßwasserkrise hinein, bei den Böden ist es ähnlich, überall werden die Grenzen der Biosphäre erreicht.

Können wir rechtzeitig noch eine Kehrtwende schaffen?
Ich glaube nicht, dass wir von Regierungen den Wandel zu erwarten haben, die Klimaverhandlungen zeigen das. Wir brauchen Bewegungen von unten, auf lokaler und auch globaler Ebene. In Deutschland hat etwa die Anti-Atomkraft-Bewegung einen Unterschied gemacht, und jetzt bewirkt hoffentlich auch die Anti-Kohle-Bewegung etwas. Engagement lohnt sich! Letztlich geht es darum, die großen Strukturen zu ändern, aber das wird nicht von oben kommen.

Es gibt allerdings viele Bevölkerungsgruppen, die nicht aktiv sind. Wie und wann springt der Funke auf sie über?
Es haben sich in den vergangenen Jahren immer wieder Bewegungen gebildet, bei denen man das Gefühl hatte, dass sie aus dem Nichts aufgetaucht sind. Lange dachten wir, dass die US-Amerikaner die Finanzkrise einfach so hinnehmen. Und plötzlich wird der Zuccotti Park in New York besetzt und es entwickelt sich mit Occupy eine Bewegung, die sich über ganz Nordamerika und darüber hinaus ausbreitet.

Ich denke, solche Phänomene werden wir immer häufiger sehen. Viele werden ja als Eintagsfliegen abgetan. Im Fall der spanischen Bewegung 15-M kam die Kritik, dass sie keine politischen Forderungen habe. Jetzt gibt es Podemos, eine neue Partei, die daraus entstanden ist. Umfragen zufolge könnte Podemos die spanischen Parlamentswahlen Ende 2015 gewinnen.

Bewegungen und neue politische Parteien bekommen trotz allem Gegenwind …
Es ist natürlich ein sehr harter Kampf, wie man beim Widerstand gegen das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP oder am Fall Griechenland sieht. Ich denke, dass sich solche Kämpfe über die nächsten Jahrzehnte erstrecken werden. Es gibt dabei auch rechte, fundamentalistische oder faschistische Kräfte, die in der systemischen Krise erstarken. Und es ist überhaupt nicht ausgemacht, wer gewinnt.

Sie plädieren dafür, unsere ganze Gesellschaft inklusive Wirtschaft zu „rekultivieren“. Was meinen Sie damit?
Dazu ein Beispiel von der indonesischen Insel Bali: Reisbauern haben über tausend Jahre ein Bewässerungssystem entwickelt, das eine gerechte Wasserverteilung, Basisdemokratie und Ökologie eng miteinander verbindet. Dazu gehören auch Feste und Zeremonien. In den 1970er Jahren kamen dann Schweizer Ingenieure, die sagten, diese ganzen Diskussionen und Feste seien unproduktiv und ineffizient. Sie setzten auf maximale Ertragssteigerung und Pestizide.

Das Ergebnis war eine ökologische und soziale Katastrophe, man kehrte zur ursprünglichen Methode zurück. Wir müssen uns vom Effizienzdiktat befreien und die Ökonomie als Teil unseres Lebens rekultivieren.

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