„Wie wenn man ein Huhn schlachtet“

Wilson Obette war Kindersoldat und Rekrut einer ugandischen Rebellengruppe. 2001 entführte die Lord’s Resistance Army (LRA) seine drei Söhne. Brigitte Voykowitsch sprach mit ihm über das Töten und die Schwierigkeit, wieder ein ziviles Leben aufzubauen.

Von Brigitte Voykowitsch
Sie sagten: Wenn man den Befehl, einen anderen zu töten, nicht ausführt, wird man selbst getötet. Also tötet man den anderen. Ich fragte sie: Hattet ihr denn keine Angst? Sie antworteten: Wie denn? Wenn man nur ein Anzeichen von Angst zeigt, wird man getötet. Also haben wir es getan, weil wir leben wollten, weil wir zurückkommen und unsere Mutter wieder sehen wollten. Daher sagen sie heute: Töten ist ganz einfach; es ist so, wie wenn man ein Huhn schlachtet.“
Sie, die minderjährigen Burschen, von denen Wilson Obette erzählt, sind seine eigenen Söhne: Jimmy (16), Oscar (13) und Ivan (11), Opfer eines Krieges, dessen Ende nicht abzusehen ist. Mehr als vier Jahrzehnte sind seit der Unabhängigkeit Ugandas von den Briten vergangen, die Diktaturen unter Milton Obote und Idi Amin sind seit knapp zwei Jahrzehnten überwunden, und das Land hat unter Präsident Yoweri Museveni bedeutende demokratiepolitische und ökonomische Fortschritte gemacht. Den Krieg im Norden Ugandas aber konnten die Regierungstruppen bis heute nicht beenden. Seit 1986 haben dort Rebellengruppen an die 25.000 Kinder entführt, zu SoldatInnen gemacht und zum Töten gezwungen. Zahllose Dörfer sind zerstört, unzählige Menschen ermordet worden. 1,5 Millionen UganderInnen leben als intern Vertriebene in Lagern (s. SWM 2/04 S. 14-17).

Wilson Obette, Sohn eines Soldaten, hat selbst eine wechselvolle Geschichte als Kindersoldat und später als Rekrut einer Rebellengruppe hinter sich. Als 22-Jährigem gelang ihm 1988 die Flucht. In der Hauptstadt Kampala lernte er den Leiter der von der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit unterstützten Ndere-Theatertruppe kennen. Der engagierte ihn und finanzierte ihm auch eine Ausbildung als Lehrer. Das normale zivile Leben, das Obette angestrebt hatte, schien Wirklichkeit zu werden.
„2001 erkrankte dann meine Mutter, und meine Kinder besuchten sie im Dorf. Am selben Tag, an dem sie ankamen, wurden sie von der Lord’s Resistance Army (LRA) entführt. Ihre Mutter, die sich gegen die Entführer zur Wehr setzte, wurde schwer misshandelt“, erzählt Obette, der sich kürzlich auf Einladung des Vienna Institute for Development and Cooperation (vidc) in Wien aufhielt. Zunächst verfolgte Obette allein die Rebellen. Später wurde eine eigene Militäreinheit gebildet. Dennoch sollten drei Jahre vergehen, bis mit Jimmy der letzte der drei Söhne frei kam.
Die heutige Stärke der LRA wird auf 500 bis 2.000 Mann geschätzt. Erkennbares politisches Programm haben sie keines. Ihr Anführer Joseph Kony, der inzwischen zum Islam konvertiert sein soll, versteht sich angeblich als Vollstrecker biblischer Gebote. Diese Menschen, sagt Obette, „sind durch und durch schlecht“. Ursprünglich hätte die lokale Bevölkerung sie unterstützt. Sie sorgte sich - zu Recht - vor Revanchismus bei Machtwechseln an der Regierungsspitze. Doch „dann begannen die Rebellen zu entführen und zu töten“. Für die LRA, betont Obette, ist „Töten ein Hobby“. Die Indoktrinierung der LRA sieht so aus: „Je mehr du tötest, desto zufriedener wird der Herr mit dir sein.“ Auch Obettes Söhne lernten in der LRA zu töten. Es gehörte zum Alltag. „Wenn einer müde wurde, wurde er getötet. Wenn einer zu flüchten versuchte, wurde er getötet. Wenn einer zu still war, warf man ihm vor, an Zuhause zu denken, und er wurde schwer geschlagen. Oscar erzählte, er habe ca. acht Menschen töten müssen, indem er mit einer Keule auf ihren Schädel einschlug.“

Heute setzen Jimmy, Oscar und Ivan ihre Schulbildung fort. Die Lehrer wissen Bescheid und die meisten, meint Obette, wären psychologisch gut ausgebildet. Obette hat zudem einen Psychiater für seine Söhne engagiert. „Aber was mich beunruhigt: Wenn die Kinder zusammen sind, reden sie immer über ihre Erfahrungen im Busch. Ich versuche ihnen dabei zu helfen, diese Erfahrungen hinter sich zu lassen, aber sie reden immer wieder darüber. Es wird dauern.“ Eine Ausbildung erhält heute auch der Entführer von Obettes Söhnen. Obette selbst bezahlt dafür: „Das erste, was ich dachte, als ich von der Entführung meiner Kinder erfuhr, war: Wenn ich diesen Menschen erwische, bringe ich ihn um. Aber der Entführer meiner Söhne ist nur ein Jahr älter als mein Ältester. Er war in der zweiten Klasse Volksschule, als er selbst verschleppt worden war.“ Obette will die Hoffnung auf eine baldige Zerschlagung der LRA nicht aufgeben. Eine Sorge lässt ihn nicht los: „Ich bin überzeugt, die LRA wird international unterstützt. Es muss ein größeres Interesse an diesem Morden geben.“

Brigitte Voykowitsch ist freie Journalistin. Sie sprach mit Wilson Obette anlässlich einer vom VIDC veranstalteten Podiumsdiskussion über den Krieg im Norden Ugandas.

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