Wilde Zeiten

Von Redaktion · · 2012/04

Kettly Mars

Roman. Aus dem Französischen von Ingeborg Schmutte. Verlag litradukt, Kehl 2012, 214 Seiten, € 13,80

Haiti 1963: Diktator „Papa Doc“ Duvalier und sein Polizei- und Spitzelapparat halten das Land in Geiselhaft. Korrupte Klans bedienen sich ungeniert aus den Staatskassen, während RegimekritikerInnen auf das Grausamste zum Schweigen gebracht werden. Nirvah Leroy, Mutter zweier Kinder, wendet sich an Staatssekretär Raul Vincent, als Chef des öffentlichen Sicherheitsdienstes für die „niederen Aufgaben“ der Diktatur verantwortlich, um das Schicksal ihres bereits seit drei Monaten im berüchtigten Gefängnis Fort Dimanche inhaftierten Mannes zu erfahren. Der Staatssekretär, ein machtbesessener Sadist, treibt ein perfides Spiel mit Nirvah. Nach und nach ergreift der Mann Besitz von ihrem Haus, ihrem Körper und ihren Kindern. Die Hoffnung, durch diese Beziehung die Freilassung ihres Mannes erreichen zu können, schwindet zunehmend. Das Leben wird zum Albtraum, aus dem es scheinbar kein Erwachen mehr gibt. Erst als der „Liebhaber“ politisch abgesägt wird, ergreift Nirvah die Chance zur Flucht, doch nun gerät auch sie ins Visier seiner Gegner.

Die in Port-au-Prince geborene Lyrikerin und Romanautorin Kettly Mars malt beklemmend konkrete Bilder der (sexuellen) Unterdrückung einer Frau und ihrer Kinder in einem Armenviertel der Hauptstadt und stellt sie in Bezug zur Knebelung eines ganzen Landes. Auch wenn die Mechanismen der Diktatur Haitis jener anderer Länder ähneln, erzählt Mars doch auch vieles von den gesellschaftlichen Besonderheiten Haitis, spricht die soziale Relevanz der Hautfarbe an, lässt eine Voodoo-Priesterin zu Wort kommen. Die Leserin, der Leser wird mit unangenehmen Fragen konfrontiert: Wie bleiben wir, umgeben von einem Meer extremer Gewalt, körperlich und seelisch heil? Ist es möglich, das Spiel eines Unrechtsregimes mitzuspielen, ohne selbst dabei korrumpiert zu werden? Oder in welchem Moment überschreiten wir, „ohne es zu merken, (…) eine Toleranzschwelle, die sich allmählich unserem Abstieg in die Höllengründe anpasst“? Und wie lassen sich diese Fragen beantworten, wenn es um das nackte Überleben von uns selbst und das unserer Liebsten geht?
Anna Wieselthaler

PS: Die Autorin befindet sich im April auf Lesereise in Deutschland und Österreich. Termine siehe www.litradukt.de und S. 42.

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