Wildern im Terrain der Gefühle

Islam und Abendland sind ein emotional aufgeladenes Thema. Trotzdem sollten wir es wagen, Gefühle in die politische Reflexion einzubeziehen.

Von Martina Kopf
KanakAttack“ - übersetzt „Tschuschenangriff“ - heißt es zum Auftakt einer Reihe von Veranstaltungen zum Thema Islam und Abendland in der Kunsthalle Wien. Die neubarocke Fassade verschwindet hinter Hunderten von türkischen Fahnen, von Postern prangt die Frage „Die dritte Türkenbelagerung?“ Also auf den Tisch mit der christlich-europäischen Urangst! Der Gegenangriff von Wiener Freiheitlichen und Kronenzeitung folgt auf den Fuß. Da geht auf einmal wer wildern in ihrem Terrain, ein türkischstämmiger deutscher Künstler noch dazu. Prompt wirft die Wiener FPÖ Kunsthallendirektor Gerald Matt vor, er würde mit der Aktion ausländerfeindliche Gefühle schüren. Blödsinn, lautet die Entgegnung sinngemäß. Kunst kann keine Gefühle erzeugen, sie kann sie höchstens sichtbar machen. „Es ist eine Projektionsfläche“, liefert Feridun Zaimoglu die Gebrauchsanleitung für seine Installation mit. Eine Leinwand, ein bedrucktes Stück Stoff - alles, was der Anblick dieser türkischen Fahnen in uns wachruft, ist das, was wir darauf projizieren. Ich nehme ihn beim Wort: Wir sind eingeladen, zu projizieren, und es muss nicht politisch korrekt sein. Wir dürfen irritiert oder verärgert sein, wir dürfen Bilder in uns aufsteigen lassen, wenn wir vor dieser symbolisierten „dritten Türkenbelagerung“ stehen. Wir dürfen auch lachen. All das regt den Diskurs ungemein an, dem öffentliche Diskussionsveranstaltungen rund um das Projekt Raum geben.

Islam und Abendland ist ein aufgeladenes Thema - politisch, historisch und emotional. Gerade weil es so heiß ist, lassen Intellektuelle, PolitikerInnen und alle, die sich um interkulturelle Verständigung und ein friedliches Miteinander bemühen, Gefühle gerne draußen aus der Debatte oder tun so, als ob sie nicht vorhanden wären. Um die nehmen sich ohnehin schon rechte Parteien und populistische Medien an, und was dabei heraus kommt, sieht man ja: Ausländerfeindlichkeit, irrationale Bedrohungsszenarien, im schlimmsten Fall offene Aggression. Also Finger weg von Gefühlen, wenn es um Islam und im Zusammenhang damit um Migration, den EU-Beitritt der Türkei und andere sensible Bereiche geht?

Müssen wir als vernünftige Menschen auf der Ebene von rationalen Argumenten bleiben und uns all die Lebendigkeit dessen entgehen lassen, was darunter brodelt? Ich halte es wohl für wichtig, in der politischen Diskussion bedachtsam mit Gefühlen umzugehen. Aber wir sollten uns nicht scheuen, sie zu berühren und anzusprechen. Gefühl und Reflexion schließen einander nicht aus, im Gegenteil: Es lässt sich viel differenzierter denken und reflektieren, wenn wir uns dabei mit dem auseinandersetzen, was wir fühlen.
„KanakAttack“ ist ein Beispiel, wie man in Österreich das Verhältnis zum Islam tolldreist und trotzdem reflektiert angehen kann. Nehmen wir uns ein Beispiel, überlassen wir den weiten Raum der Gefühle nicht den Populisten und Angstmachern.

nach oben

Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden. Mehr Informationen