Willkommen im Club

Von Irmgard Kirchner ·

Die Finanzkrise macht’s möglich: Die Wirtschaftswissenschaften stellen ihre Dogmen in Frage und entdecken den Menschen.

Einkommen und Beschäftigung schaffen, die Jobzufriedenheit erhöhen, vorhandene Einkommensunterschiede verringern, Gesundheit fördern, mehr direkte Partizipation ermöglichen, sich ideellen Zielen verschreiben und mehr Freiwilligenarbeit leisten, soziale Beziehungen pflegen … In einschlägigen Kreisen sind das wohlbekannte Rezepte zur Verbesserung der Welt und der eigenen Befindlichkeit. Erstaunlich nur, dass sie sich neuerdings auch aus „artfremdem Denken“ wie den Wirtschaftswissenschaften ableiten lassen. Diese sind in der Regel nicht besonders humanistisch ausgerichtet. Zumindest in der Vergangenheit. Denn heute kann es vorkommen, dass sich ein international renommierten Protagonist wie der Schweizer Wirtschaftsprofessor und dreifache Ehrendoktor Bruno S. Frey sich aus der Sicht der Ökonomie mit dem Thema „Glück“ beschäftigt.*


Die Wirtschaftswissenschaften haben die aktuelle Finanzkrise nicht vorausgesehen und stehen ihr auch ziemlich ohnmächtig gegenüber. Dieses grundlegende Versagen zwingt sie offenbar dazu, einige ihrer grundlegenden Dogmen in Frage zu stellen. Ihr Menschenbild des Nutzenmaximierers, des Homo oeconomicus, an den die Sozialwissenschaften nie wirklich geglaubt haben, wird ebenso zu Grabe getragen wie der Glaube an die Selbstregulierungsfähigkeit des freien Marktes oder die Bedeutungslosigkeit der Gesellschaft. Die modernen Wirtschaftswissenschaften fangen an, den Menschen zu entdecken, in seiner Vielfalt und Widersprüchlichkeit, in seiner ökonomischen Rationalität und Irrationalität; kurz: in seinem facettenreichen Streben mit dem obersten Ziel der Lebenszufriedenheit.


„The Great Transformation“ nannte Karl Polanyi, der große ungarisch-österreichische Denker, schon vor mehr als 60 Jahren die Ablösung der Wirtschaft von den übrigen gesellschaftlichen Bereichen und ihre Verselbständigung im Rahmen der freien Marktwirtschaft. Der Jurist und Philosoph, der sich mit Wirtschaftsgeschichte und Volkswirtschaft beschäftigte, beschrieb in seinem Werk von Weltgeltung die „Große Transformation“ als das Ende von integrierten Gesellschaften, in denen Wirtschaft eine Funktion anderer gesellschaftlicher und kultureller Bereiche ist. Der Kapitalismus hingegen stelle alle übrigen Daseinsbereiche in den Dienst der Ökonomie. Die Wirtschaftswissenschaften haben diese Vormachtstellung ziemlich gut verinnerlicht.


Kommt jetzt eine neue große Transformation – in umgekehrter Richtung – und die Wirtschaftswissenschaften beginnen, auch andere Wissenschaftsdisziplinen und Lebensbereiche um sich herum ernsthaft in Betracht zu ziehen? Als Spiegelung der Wirklichkeit, in der Modelle einer solidarischen Ökonomie, eben einer in die Gesellschaft reintegrierten Wirtschaft, boomen.
Wenn wir uns vom nachträglichen Grauen erholt haben, auf welches Wissen, mit welchem Horizont und Menschenbild die Politik in den vergangenen Jahrzehnten des Neoliberalismus gebaut hat, sollten wir uns über diese Entwicklung freuen. Und die Wirtschaftswissenschaften herzlich willkommen heißen im Klub der (potenziellen) WeltverbessererInnen.

*) Bruno S. Frey, Claudia Frey Marti: Glück. Die Sicht der Ökonomie. Rüegger Verlag, Zürich / Chur 2010.

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