„Wir brauchen eine transformative Agenda“

Von Redaktion ·

Die Verpflichtungen aus den MDGs waren ungleich zwischen Nord und Süd verteilt. Ob sich daran etwas ändern wird, hat das Südwind-Magazin Johannes Trimmel gefragt.

Südwind-Magazin: MDG 8 ist das einzige, das den Norden in die Pflicht nimmt. War es erfolgreich?
Johannes Trimmel:
Die Bilanz ist ambivalent. Die Öffentliche Entwicklungshilfe erreichte im Jahr 2013 einen Höchststand, dennoch hinken die entwickelten Staaten weit dem international vereinbarten 0,7%-Ziel hinterher (0,7 Prozent des BIP für Enwicklungszusammenarbeit; Anm.d.Red.). Alarmierend ist, dass die Unterstützung der am wenigsten entwickelten Länder rückläufig ist, zuletzt floss nur ein Drittel der öffentlichen Entwicklungshilfe dorthin. Die bilaterale Nettohilfe für Afrika fiel im Jahr 2013 um 5,6 %. Auch in anderen Bereichen des MDG 8 wurden Chancen und Entwicklungen nur teilweise genutzt, etwa im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie: Hier gäbe es ein höheres Potenzial, Ungleichheiten zu beseitigen.

Sie kritisieren, was die MDGs suggerieren: dass nur die Entwicklungsländer Probleme hätten. Sehen Sie in der Vorbereitung der Nachfolgeagenda eine veränderte Position?
In den Diskussionen wird die Eigenverantwortung der Entwicklungsländer vermehrt in den Vordergrund geschoben, auch um die Nichteinhaltung der Verpflichtungen auf Seiten der „entwickelten Länder“ zu relativieren. Das dahinter stehende Weltbild suggeriert, dass das derzeitige politische, ökonomische und soziale System eine adäquate Antwort auf die bestehenden Herausforderungen bietet. Dieses Bild von „Wir haben die Antwort“ blockiert eine tiefer greifende systemische Reflexion, was getan werden muss für eine gerechte Welt. Armut und Ungleichheit sind kein Phänomen der Entwicklungsländer, sie sind ein Phänomen in allen Teilen unserer Welt, und bedürfen einer globalen Antwort.

Kann die Zivilgesellschaft etwas tun, um die Verhandlungen über die SDGs zu beeinflussen?
Die Zivilgesellschaft ist aktuell sehr aktiv. Koalitionen wie „beyond 2015“, globale und regionale zivilgesellschaftliche Plattformen leisten hervorragende Arbeit, um SDGs zu formulieren, die allen Menschen Zugang zu ihrem Recht auf Partizipation, Bildung, Gesundheit, Arbeit und eine gleichberechtigte Teilhabe in allen Lebensbereichen ermöglichen. Ein wichtiger Beitrag, den die Zivilgesellschaft – auch in Österreich – leisten kann, ist die Regierungen und Entscheidungsträger verantwortlich zu halten und sich nicht den Platz als Mitgestaltende der Gesellschaft nehmen zu lassen.

Wird die Welt nach 2015 eine neue Entwicklungsagenda haben?
Aus derzeitiger Sicht werden wir eher adaptierte MDGs haben, die einige zusätzliche Bereiche inkludieren und in manchen Bereichen breiter definiert sind. Also ein etwas besseres „business as usual“. Ich bin überzeugt, dass wir eine transformative Agenda brauchen, die weit darüber hinaus geht, um den derzeitigen und zukünftigen Herausforderungen begegnen zu können. Jede neue internationale Entwicklungs-Agenda hätte die Chance, über den Tellerrand von Wahlperioden und kurzfristigen Kompromissen hinaus zu blicken. Ich fürchte, dass diese Chance nicht genutzt wird.

Der Österreicher Johannes Trimmel, Programmdirektor bei der Organisation Licht für die Welt, ist seit 2014 Präsident von CONCORD, dem europäischen Dachverband von über 1.800 entwicklungspolitischen und humanitären NGOs.

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