„Wir müssen die Erziehung revolutionieren!“

Von Redaktion ·

Meike Bischoff hat mit der Feministin Mariel Távara über Feminizide und Frauenrechte in Peru gesprochen.

Im letzten Jahr fanden in Peru Demonstrationen unter der Beteiligung hunderttausender Frauen statt. Wie kam es dazu?

Mariel Távara: 2016 habe ich mit vielen anderen Frauen die Demonstration „ni una menos“ in Peru organisiert. Dies ist eine lateinamerikanische Bewegung, die sich von Argentinien weiter ausdehnte, zum Beispiel nach Mexiko. In Peru entstand die drittgrößte Sektion. Die Bewegung will die Gesellschaft und die lateinamerikanischen Staaten auf sexuelle Gewalt und auf die hohe Zahl von Feminiziden aufmerksam machen. Wir sind empört darüber, dass Frauen ermordet werden, nur weil sie Frauen sind. Eine Million Frauen beteiligten sich an der landesweiten Demonstration, allein in der Hauptstadt Lima waren wir 200.000.

Wie gehen Politik und Polizei mit dem Problem der Feminizide um?

Von offizieller Seite wird anerkannt, dass in Peru ungefähr 180 bis 250 Frauen Opfer von Feminiziden wurden. Es scheint also als Delikt wahrgenommen zu werden. Trotzdem unternimmt der peruanische Staat nicht viel und das Justizsystem funktioniert nicht zufriedenstellend. Obwohl feministische Organisationen schon seit vielen Jahren Aufklärungsarbeit bei Richterinnen und Richtern, bei der Staatsanwaltschaft und der Polizei leisten, um Stereotype und Vorurteile zu bekämpfen, existiert noch immer eine machistische und sexistische Denkweise. Und die ist Teil der Rechtsprechung.

Immer wenn eine Frau einen Fall von Gewalt anzeigt, wird ihr die Schuld gegeben. Viele Frauengruppen und vor allem junge Frauen sind sich einig, dass es so nicht weitergehen kann. Gewalt darf nicht weiter gerechtfertigt werden.

Mariel Távara ist feministische Aktivistin  und Psychologin. Sie arbeitet bei Médicos del Mundo in Peru.

Die ungekürzte Originalfassung des Interviews ist in iz3w 363 (Nov./Dez. 2017): „Schreit auf! Gegen sexualisierte Gewalt“ erschienen.

Weitere Infos unter www.iz3w.org

Wie könnte konkret die Sicherheit für Frauen erhöht werden?

In den Bereichen Öffentlichkeit und Prävention besteht noch viel Handlungsbedarf. Das Recht, ohne Gewalt zu leben, heißt auch, spätnachts auf der Straße nicht auf der Hut sein zu müssen. Mehr Licht und Straßenbeleuchtung wären da wichtig, damit wir uns den öffentlichen Raum aneignen können. Der Staat müsste aber auch Gesetze erlassen, die uns Frauen fördern. Dazu gehören Bildung und eine Erziehung hin zu einem positiven Frauenbild. Einem Kind zu sagen: „Sei doch keine mujercita (Frauchen)“, ist in Lateinamerika weit verbreitet. Mujercita ist eine Beleidigung, es ist also etwas Negatives, eine Frau zu sein.

Buben im Kindergartenalter lernen bereits, dass Männer den Raum dominieren, dass er ihnen gehört und sie sich alles aneignen dürfen. Damit sich die Gesellschaft ändert, müssen wir die Erziehung revolutionieren.

Aber auch in Europa gibt es viel Machismus und Sexismus und keine wirkliche Gleichberechtigung. Das ist wichtig anzumerken, denn ansonsten entsteht der Eindruck, dass diese Dinge nur im Süden geschehen und die Männer dort alle Machistas sind. Mit so einer Generalisierung wird ein kolonialer und patriarchaler Blick auf diese „armen“ Frauen verstärkt, denen der Westen helfen müsse.

Sie arbeiten auch bei der Organisation DEMUS (Estudio para la Defensa de los Derechos de la Mujer). Wie ist deren Vorgehensweise?

Wir suchen nach beispielhaften Fällen wie etwa folgendem: Ein armes Mädchen wird vergewaltigt, man verweigert ihr die Pille danach und sie wird schwanger. Wir erklären dieses Ereignis zum Präzendenzfall, mit dem wir eine Veränderung im Justizsystem bewirken wollen. Dabei arbeiten wir interdisziplinär. Ich als Psychologin kümmere mich um subjektive Dimensionen, die immer dabei sind, wenn eine Frau sich mit einem Justizsystem konfrontiert sieht, das ihr nicht wohlgesonnen ist.

Wie gestalten sich die reproduktiven Rechte von Frauen in Peru?

Ein wichtiges Thema sind Zwangssterilisierungen. Für Alberto Fujimori, den ehemaligen Präsidenten und späteren Diktator von 1990 bis 2001, war Familienplanung eine politische Strategie. Unter Fujimori kam es verbreitet zu Sterilisierungen von Quechuas, Indigenen aus den Bergen und den Tieflandregionen Perus, Analphabetinnen. Man sagt, es wurden mehr als 300.000 Frauen und 20.000 Männer sterilisiert. Viele Dokumente belegen, dass dies eine staatliche Maßnahme war. Zu dieser Zeit gab es große Armut in Peru, während das Land zugleich Schulden bei internationalen Banken begleichen musste. Die staatliche Problemlösung bestand darin, dass keine weiteren Armen mehr geboren werden sollten.

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