„Wir müssen eine andere Normalität schaffen“

Von Rosalie Marktl & Joshua Mingers ·

Die Umweltpionierin Kehkashan Basu über die Lehren aus der Corona-Pandemie, die Sustainable Development Goals (SDGs), und warum es eine feministische Klimagerechtigkeit braucht.

Was sind derzeit die dringendsten Herausforderungen in Bezug auf Umweltschutz und Klimagerechtigkeit?

Wir müssen verstehen, dass die Klimakrise in verschiedenen Teilen der Welt unterschiedliche Auswirkungen hat; und dass diejenigen, die am meisten davon betroffen sind, in ihren Gesellschaften auch mit anderen Herausforderungen und Ungerechtigkeiten zu kämpfen haben.

Gerechtigkeit ist ein entscheidendes Thema, wenn wir die Klimakrise als Ganzes angehen wollen und dabei die Intersektionalität in den Blick nehmen.

Also die Verschränkung verschiedener Diskriminierungskategorien in Bezug auf einzelne Personen?

Mir geht es um feministische Klimagerechtigkeit und darum, verständlich zu machen, wie die Klimakrise mit so vielen frauenspezifischen Herausforderungen in unserer Welt zusammenhängt.

Oft denken die Leute, dass sie ohnehin zu wenig zum Klimaschutz beitragen können oder sie verschieben ihren Beitrag auf später. Unser Handeln, egal, wie unbedeutend es uns erscheint, wird einen positiven Einfluss auf unsere zukünftigen Generationen haben. Dass Menschen ihren Zustand der Gleichgültigkeit überwinden, ist definitiv eine der größten Herausforderungen, aber es ist machbar.

Stichwort Klimagerechtigkeit: Wie unterscheiden sich Ihrer Einschätzung nach die Perspektiven des Globalen Südens von jenen des Globalen Nordens?

Die Menschen im Globalen Süden sehen die Probleme in ihrem Alltag. Gerade weil sie die Konsequenzen teilweise schon durchleben, verstehen sie, dass diese Krise mit mehr zusammenhängt als mit den Umweltauswirkungen. Viele Menschen im Globalen Süden erkennen, dass es darum geht, zusammenzuarbeiten.

Ich würde sagen, dass im Globalen Norden immer noch eine Mentalität vorherrscht, erst einmal anderen zu sagen, was sie zu tun haben, anstatt zuzuhören, die Perspektiven anderer verstehen zu wollen und gewohnte Praktiken zu ändern.

Ich habe aber die Hoffnung, dass es auf der ganzen Welt Menschen gibt, die zusammenkommen, zusammenarbeiten und versuchen, eine bessere Welt für alle zu schaffen.

Gibt es internationales Kooperationsabkommen auf politischer Ebene, wo Sie das Potenzial für Veränderung sehen – etwa das Pariser Abkommen?

Für mich ist individuelles Handeln zentraler als es internationale Protokolle und Vereinbarungen sind. Und das Pariser Abkommen ist ja auch kein bindendes.

Individueller Aktivismus liegt Ihnen sehr am Herzen. Sind Sie ein Fan von Greta Thunberg?

Meine Arbeit konzentriert sich auf die Ausbildung von Kindern, weil ich weiß, was für ein Segen es ist, die Möglichkeit zu haben, ausgebildet zu werden, zur Schule und zur Universität gehen zu können.

An meinem Schaffen sieht man, dass ich keine Zeit damit verliere, Regierungen zu kritisieren oder irgendwo mit Plakaten zu demonstrieren. Das ist nicht meine Art. Mit zehn Worten schwächt man die Klimakrise nicht ab, aber wenn man zehn Bäume pflanzt, hat das direkte positive Auswirkungen.

Die Green Hope Foundation bei der Arbeit in einem Rohingya-Flüchtlingslager. Foto: Green Hope Foundation

Wie baut die Green Hope Foundation die SDGs in ihrer Arbeit ein?

Jede einzelne unserer Aktionen zielt auf die SDGs ab. Wir haben zum Beispiel zu SDG 11, zu nachhaltigen Städten und Siedlungen, eine „Grow your own food“-Kampagne. Da zeigen wir Kindern, wie sie bei ihnen zuhause auf ihren Terrassen, in ihren Häusern oder in ihren Gärten urbane Landwirtschaft betreiben und Lebensmittel anbauen können. Sie stellen auch ihren eigenen Kompost her. So sind sie in der Lage, auf ihre eigene kleine Art und Weise viele Kreislaufwirtschaften zu schaffen.

Und natürlich spielt SDG 17 – Partnerschaften zur Erreichung der Ziele – eine große Rolle. Wir arbeiten mit Organisationen zusammen, die mit uns einen generationenübergreifenden und multidisziplinären Ansatz verfolgen, um eine nachhaltige Welt zu erreichen.

Folgen Sie in Ihren Projekten einem bestimmten pädagogischen Zugang?

Viele kreative Wege kommen da zum Zug, u.a. Musik, Kunst oder Tanz. Als wir, zum Beispiel, zu Neujahr 2018 in einem syrischen Flüchtlingslager an der libanesisch-syrischen Grenze waren, sangen und rappten wir zum Thema Klima. Ein achtjähriger Junge kam nach vorne und rappte über seine Erfahrungen und das Trauma, das er erlebt hatte. Später erzählte uns die Leiterin des Camps, dass er zuvor monatelang nicht gesprochen hatte. In den Workshops öffneten sich so einige Kinder nach den ersten Tagen.

Was sind die größten Chancen für uns als Gesellschaft, auch im Hinblick auf die Corona-Krise?

Die Pandemie hat die Ungleichheiten und Unzulänglichkeiten in unseren sozioökonomischen Systemen aufgedeckt und uns zu verstehen gegeben, dass wir jetzt wirklich initiativ werden müssen, nicht nur um die Gesundheitskrise zu bewältigen. Wir müssen eine andere Normalität schaffen, bei der es um Gleichheit und Gerechtigkeit geht und bei der die drei Säulen der Nachhaltigkeit – Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt – im Fokus stehen.

Covid-19 war ein Weckruf für alle. Ich war schon immer eine Optimistin. Ich denke, dass die Pandemie Folgen für die Bewältigung anderer Herausforderungen wie der Klimakrise haben wird.

Was lernen Sie aus Ihrer Arbeit?

Dass sich harte Arbeit immer auszahlt. Und dass es sehr wichtig ist, an der Basis aktiv zu werden.

Was motiviert Sie, morgens aufzustehen?

Das Lächeln auf den Gesichtern der Kinder, mit denen ich arbeite. Bei der Green Hope Foundation arbeiten wir mit einigen der am stärksten ausgegrenzten Gruppen der Welt zusammen. Es ist erschreckend zu sehen, mit welchen Entbehrungensie jeden Tag konfrontiert sind. Aber gemeinsam arbeiten wir daran, dass sie Hoffnung und die Möglichkeit haben können, Kinder zu sein.

Interview: Rosalie Marktl & Joshua Mingers

Zur Person

Kehkashan Basu ist als Kind indischer Eltern in Dubai geboren und aufgewachsen. Mit zwölf Jahren gründete sie die Green Hope Foundation, die mit Bildung für nachhaltige Entwicklung Kinder aus benachteiligten Verhältnissen für zukunftsfähiges Handeln sensibilisieren will. Mittlerweile ist die NGO in 25 Ländern vertreten und hat 130.000 Nachhaltigkeitsbotschafter*innen ausgebildet.
Die heute 21-Jährige ist seit 2012 Jugendbotschafterin des World Future Council. 2013 wurde sie Global Coordinator for Children and Youth beim Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP), als bisher jüngste Person in dieser Funktion. Basu studiert Umweltwissenschaften an der Universität von Toronto.

Rosalie Marktl ist Journalismus-Studentin und arbeitet als Yogalehrende in Wien.

Joshua Mingers ist Sozioökonomie-Student und arbeitet neben der Uni als Drachenboot-Steuermann in Wien.

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