„Wir müssen langsam schneller machen!”

Populisten, Wachstumsparadigma: Die Politikwissenschaftlerin Daria Ivleva über den holprigen Weg zur Umsetzung der SDGs.

Wichtige Länder wie die USA und Brasilien haben populistische Einzelgänger gewählt. Sind Donald Trump und Jair Bolsonaro eine Gefahr für die nachhaltigen Entwicklungsziele?

Die SDGs sind kein verpflichtendes Rahmenwerk, sondern basieren auf Vertrauen. Fehlt dieses Vertrauen, macht keiner die notwendigen Schritte. Insofern, ja, erschweren Alleingänge von Politikern wie Trump oder Bolsonaro die Sache ungemein.

Was tun?

Wir sollten die Agenda 2030, die wir glücklicherweise haben, auf allen Ebenen hochhalten. Nicht nur bei den Beziehungen der Staaten zueinander, sondern auch beim Austausch zivilgesellschaftlicher Akteure, bei der Bildung, in der Gemeinde. Es mag als ein relativ schwaches Gegenmittel gegen die Fliehkräfte erscheinen, die Trump und Bolsonaro erzeugen, aber eine einfache Lösung gibt es nicht.

Was hatte es für einen Effekt, als die USA aus dem Pariser Klimaschutzabkommen ausgetreten sind?

Das war eine Geste mit gefährlicher Signalwirkung. Zum Glück haben viele US-amerikanische Bundesstaaten, Städte und Gemeinden angekündigt, am Klimaschutz im Sinne des Pariser Abkommens (2015 verabschiedet, am 4. November 2016 in Kraft getreten, Anm. d. Red.) festzuhalten, und verfolgen nun eigene Klimaziele. Es ist außerordentlich wichtig, dass die einzelnen Akteure ganz konkrete Maßnahmen umsetzen, aber ohne internationale Vision und Koordination wird es nicht gehen. In einer verflochtenen Welt kann eine Maßnahme, die zunächst sinnvoll scheint, legitime Ziele anderswo untergraben. Zudem müssen wir sicherstellen, dass die Bemühungen am Ende global gesehen ausreichen.

Wessen Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass die SDGs umgesetzt werden?

Die SDGs betreffen so viele Arbeitsfelder, dass sie ein Kompass für alle öffentlichen Stellen und internationale Prozesse sein sollten. Die Gefahr ist, dass sich niemand verantwortlich fühlt.

Die Agenda 2030 nimmt sich eine Weltreform vor. Damit das gelingt, muss eine Menge strategischer Arbeit geleistet werden. Politische Interessen müssen ausbalanciert werden, Koalitionen müssen gebildet werden – auch mit dem Privatsektor. Letztendlich sollte jeder einzelne Bürger die SDGs verinnerlichen.

Davon scheinen wir weit entfernt zu sein.

Ja, internationale Spannungen und drängende bewaffnete Konflikte machen es schwer, sich auf einen langfristigen, grundsätzlichen Wandel zu konzentrieren.

Warum wird dieser „grundsätzliche Wandel” nicht als Möglichkeit gesehen, die akuten Krisen aufzulösen?

Die Wirtschaftsweise, die leider nicht besonders nachhaltig ist, ist sehr tief in unseren Gesellschaften verankert. Das ist ein strukturelles Problem.

Die Nachhaltigkeitsdebatte gibt es mindestens seit dem Club of Rome-Bericht zu den  Grenzen des Wachstums, also seit fast 50 Jahren. Trotzdem hat es die Welt bisher unheimlich schwer gehabt, da nennenswerte Fortschritte zu machen.

Haben Sie Hoffnung, dass wir das in den nächsten zehn Jahren schaffen?

Das Jahr 2015 mit der Verabschiedung der SDGs und dem Pariser Klimaschutzabkommen hat mir auf jeden Fall Hoffnung gegeben. Es war ein Durchbruch, als in der Agenda 2030 als internationaler Konsens festgehalten wurde, dass Umwelt und soziale Dimension bei der Entwicklung mindestens genauso wichtig sind wie die Wirtschaft. Und dass die Industrieländer mindestens genauso verantwortlich sind, ihre Hausaufgaben zu machen. Es ist seitdem auch einiges passiert, aber noch nicht genug. Wir müssen mal langsam schneller machen. Dabei müssen wir strategisch und umsichtig agieren, damit keine negativen geopolitischen Folgen entstehen und die schwächeren Bevölkerungsgruppen nicht zu den Verlierern werden. Ein schneller, entschiedener Wandel mit Augenmaß ist also das wahre Kunststück.

Interview: Leonie Sontheimer

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