„Wir müssen sehr schnell sein“

Die Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb spricht über Klimawandel und Migration, über den harten Kampf ums Umweltbewusstsein einst sowie über das, was sie optimistisch bleiben lässt.

Helga Kromp-Kolb© Tobias Pilz

Wahlen, Flüchtlinge, Krisen etc. Geht ein Jahr nach der historischen UN-Konferenz in Paris das Thema Klima in der Öffentlichkeit unter?

Ja, einerseits schon. Es sollte eigentlich durchgängig oben auf der Agenda stehen. Andererseits steckt es ja in all dem drinnen. Klimawandel hat bekanntlich viel mit dem Thema Flüchtlinge zu tun. Er ist ein Faktor für Flucht, der auch in den kommenden Jahrzehnten bleiben wird. Das scheinen die Menschen heute etwas mehr zu verstehen als früher.

Stichwort Zukunft. Wie kann man jenen, die schon jetzt Ängste haben, die Angst in Hinblick auf zukünftige Migration zu uns, etwa als Folge von Klimawandel, nehmen?

Das ist schwierig. Aber die entscheidende Frage ist, ob das überhaupt nötig ist. Es gibt nun einmal Ängste, mit denen man leben muss. Es geht darum, Lösungen zu finden. Die liegen auf mehreren Ebenen: Erstens Ursachen bekämpfen, dazu gehören Klimaschutz und Anpassungsmaßnahmen in den hauptverantwortlichen Ländern. Zweitens klare Regelungen und Vereinbarungen innerhalb der EU und, drittens eine aktive Politik der Integration und Miteinbeziehung in die Gesellschaft. Wir müssten den Migranten ermöglichen, ihre Hoffnungen, ihre Kreativität, ihre ganze Kraft hier einzubringen, dann werden sie zu einem Gewinn für unsere Gesellschaft, nicht zum Kosten- oder Angstfaktor.

Kann in Österreich ein globales Bewusstsein entstehen, das klar macht, wieso es Menschen nach Europa zieht?

Sicher kann das entstehen. Ob es hierzulande passieren wird, ist eine andere Frage. Ich habe aber den Eindruck, dass sich eine differenziertere Politik in Österreich abzeichnet, die sich nicht nur von jenen treiben lässt, die die Angst schüren.

Könnte man sich etwas von der Entstehung des Umweltbewusstseins abschauen?

Das Umweltbewusstsein wurde der Gesellschaft ja nicht von oben verordnet, sondern wuchs von unten hinauf. Viele Jahre war es ein harter Kampf, das Thema in die Politik hineinzutragen. Ähnlich könnte es auch bei den Flüchtlingen sein. Es gibt ja sehr viele engagierte Menschen, die schon etwas bewirkt haben. Ihr Einsatz, etwa 2015 auf den Bahnhöfen, hat das politische Geschehen beeinflusst. Ich sehe aber auch Verantwortung bei den Medien. Ein gewisser ethischer Mindeststandard sollte von allen Medien eingehalten werden. Sie schaffen mit der Auswahl der Berichte und der Interpretation von Ereignissen Stimmungen, die Lösungen befördern oder verhindern können. Wir müssen zudem schon klare Spielregeln etablieren. Es sind ja nicht nur Flüchtlinge, sondern Flüchtlinge aus anderen Kulturen. Das macht die Sache natürlich schwieriger.

Was wäre für Sie so eine Spielregel?

Unser Frauenbild unterscheidet sich, zum Beispiel, deutlich von dem vieler Migranten. Dass bei uns eine Ehe oder Partnerschaft aus zwei Personen besteht, muss respektiert werden. Auch, dass Frauen über ihr Leben und, zum Beispiel, ihre Arbeit selbst bestimmen dürfen. Solche Anpassungen lassen sich aber nur über einen gesellschaftlichen Diskurs erreichen, in den sowohl die mit einbezogen werden, die Ängste haben, als auch die Betroffenen. Und die brauchen Zeit.

Es gibt Menschen, die nicht an den Klimawandel „glauben“. Wie geht man mit solchen Leugnern um?

Wenn es überzeugte Leugner sind, kann man überhaupt nicht über Klima reden. Da bringt es nichts, Beweise über Temperaturänderungen oder Ähnliches vorzulegen. Da muss man hinterfragen, was wirklich dahinter steckt. In den USA etwa ist eines der Hauptargumente der Verweigerer, dass der Staat eingreift. Sie wollen einfach keine staatlichen Interventionen. Aber wir müssen auch nicht alle überzeugen. Wir sollten uns auf Personen fokussieren, die sich noch keine Gedanken darüber gemacht haben oder die noch nicht ausreichend informiert sind. Das Ziel muss sein, dass kein Politiker am Thema vorbeikommt. Und das sollte längst so sein: Die Forderungen des Pariser Abkommens werden tiefgreifende Veränderungen für uns alle bringen.

Inwiefern?

Ich erläutere das immer gerne mit folgender Rechnung: Wenn wir das Zwei-Grad-Ziel aus dem Pariser Abkommen ernstnehmen, dann können wir in Österreich noch eine Gigatonne CO2-Treibhausgase in die Atmosphäre einbringen. Nimmt man unsere derzeitigen jährlichen Emissionswerte, dann haben wir noch ein Guthaben für 14 Jahre. 14 Jahre! Das ist minimal, praktisch schon morgen! Und das schließt alles ein, etwa den gesamten Verkehr. Aktuell heizt jeder zweite Haushalt noch fossil. Natürlich betrifft das auch die Industrien. Wenn wir denen etwas Zeit zum Umstellen geben wollen, was nötig ist, müssen wir mit den restlichen Bereichen sehr schnell sein. Deswegen verstehe ich nicht, wie man als Politiker zur Tagesordnung übergehen kann. Wenn wir Klimaschutz ernst meinen, müssen wir am Wirtschaftssystem einiges ändern. Immer mehr Ökonomen weisen darauf hin, dass freier Markt und Profitmaximierung für viele globale Probleme keine Lösungen bringen.

Sie sprechen im Zusammenhang mit dem nötigen Wandel immer wieder von einer Hinwendung zu mehr Lebensqualität …

Ja, die Änderungen, die notwendig sind, führen letzten Endes zu mehr Lebensqualität.

Haben Sie ein Beispiel dafür?

Wir leiden an Überfluss. Doch die meisten Menschen macht erwiesenermaßen nicht glücklich, was sie besitzen, sondern wofür sie Zeit haben. Freunde, Familie, Kultur, Bildung, Natur, das macht Freude und das Leben lebenswert, nicht, wie groß mein Fernsehschirm ist. Und wenn man sich mit Freunden trifft, ist es in vielen Fällen ja zweitrangig, wo das ist. Hauptsache, man ist zusammen. Das heißt nicht, dass man nicht reisen darf. Wir sollten reisen, um Land und Leute kennenzulernen und nicht um in einem Pool zu schwimmen, der auch nicht anders aussieht wie einer in der Therme Oberlaa. Aber obwohl Konsum heutzutage ein großes Thema ist, gibt es Dinge, die mir Hoffnung machen …

Und zwar?

Etwa junge Leute, die sagen, sie wollen nicht mehr als 30 Stunden arbeiten, weil sie lieber Zeit für ein Hobby oder den Nachwuchs haben, als etwas mehr Geld zu verdienen. Oder dass es immer mehr Signale gibt, etwa aus Organisationen wie dem Internationalen Währungsfonds, dass es so wie bisher nicht mehr weitergehen kann.

Auch die SDGs (Sustainable Development Goals, Anm. d. Red.) sind ein Hoffnungszeichen. Im Unterschied zu den Millennium Development Goals haben bei den Zielen nachhaltiger Entwicklung alle Staaten Aufgaben und wir Industrieländer sagen nicht wieder anderen, was sie zu tun haben. Ich merke, dass die SDGs in den Alltag hineinwachsen. Immer mehr Institutionen oder auch wissenschaftliche Arbeiten ziehen sie als Richtschnur heran.

Und wie bewerten sie heute das Pariser Abkommen?

Durchaus auch positiv. Es ist eine gemeinsame Absichtserklärung, die es davor nicht gegeben hat. Wie bei einem guten Eheversprechen heißt das allerdings noch nicht, dass die Ehe funktioniert.

Bringen sich Klima-Forscherinnen und -Forscher aktuell aktiv in die Politik ein?

Zögerlich. Wissenschaft ist nicht gewohnt, sich in politisches Geschehen einzubringen. Das Klimaforschungsnetzwerk CCCA wurde aber gegründet, um besser gehört zu werden. Ein großer Erfolg war die Erstellung des Österreichischen Klimasachstandsberichts 2014, eine Zusammenfassung des Wissens über den Klimawandel in Österreich, einschließlich Auswirkungen und Maßnahmenoptionen, die von allen Klimaforschenden in Österreich mitgetragen wird. Es kann sich jetzt im Kern niemand mehr auf widersprechende Aussagen der Wissenschaft ausreden. Trotzdem gibt es natürlich noch viel zu erforschen. Insbesondere geht es um die Frage, wie sich die Gesellschaft in eine klimafreundliche transformieren kann.

Und auf europäischer Ebene: Wie sehen Sie die aktuelle Entwicklung der Europäischen Union?

Die EU hat meines Erachtens falsche Prioritäten. Sie ist nach wie vor primär eine Wirtschaftsunion. Soziale, und erst recht Umweltthemen, sind dem untergeordnet. Wir sind aber dabei, unsere Lebensgrundlagen zu zerstören. Wenn diese fehlen, wird weder ein soziales noch ein Wirtschaftssystem gebraucht. Vorrangig muss daher der Erhalt des Ökosystems sein. Innerhalb der vom Ökosystem vorgegebenen Grenzen müssen wir einen guten Umgang miteinander finden. Das letzte Glied in der Kette ist ein ökonomisches System, das für die Menschen da ist. Solange die EU am Primat des freien Marktes festhält, ist sie meines Erachtens auf dem falschen Weg. Ich verstehe, dass viele Menschen da nicht mehr mitmachen wollen, siehe Brexit.

Bezweifeln Sie manchmal, dass wir den Wandel noch rechtzeitig schaffen?

Ich stelle mir die Frage gar nicht. Die bringt nichts. Rein aus ethischen Gründen fühle ich mich verpflichtet, alles zu tun, was ich kann.

Interview: Richard Solder

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