„Wir nutzen unser Wissen zu wenig“

Wie kann die Ernährung einer wachsenden Bevölkerung in Afrika gesichert werden? Welche Rolle kann der Mais dabei spielen? Mit dem Agrarökologen Michael Hauser, der in Nairobi, Kenia, arbeitet, führte Brigitte Pilz ein E-Mail-Interview.

Maisernte in Äthiopien ist Handarbeit, an der sich die ganze Familie beteiligt.© Jörg Böthling

Herr Hauser, 821 Millionen Menschen leiden laut WFP, dem UN-Welternährungsprogramm, an Hunger. Die FAO sagt, die Nahrungsmittelproduktion muss im Kampf gegen Hunger bis 2050 verdoppelt werden. Was sagen Sie zu diesen Zahlen?

Die kenne ich gut. Die Verdoppelung der Nahrungsmittelproduktion bis 2050 wird gerne als Argument für die Industrialisierung der Landwirtschaft verwendet. Die Verringerung von Nachernteverlusten, Nahrungsmittelabfällen und die Veränderung des Ernährungsverhaltens werden in dieser Argumentation hintangestellt.

Darüber hinaus sind die Zahlen unvollständig. In unserer Forschung finden wir häufig im selben Dorf Menschen mit Symptomen von Unterernährung, Fettleibigkeit und Mikronährstoffmangel. Weltweit sind 2,3 bis 3 Milliarden Menschen von Fehlernährung betroffen.

Das heißt wohl, man muss beide Seiten des Problems Fehlernährung im Blick haben?

Ja, ganz sicher. Wichtig ist die Erhöhung des Angebots an Nahrungsmitteln in armen Ländern. Die niedrigen landwirtschaftlichen Erträge im Sahel und in Teilen des südlichen Afrika zum Beispiel stellen die Versorgung der dortigen Bevölkerung mit Grundnahrungsmitteln nicht sicher. In Europa hingegen ist Wachstum der falsche Weg. Wir brauchen also einen globalen Gesellschaftsvertrag für nachhaltige Landwirtschaft und Ernährung. Dieser Vertrag muss einen Lastenausgleich beinhalten. Er muss den globalen Süden und den Norden in unterschiedlicher Weise in die Pflicht nehmen. Die im Mai 2020 veröffentlichte EU-Strategie „Vom Hof auf den Tisch“, die den notwendigen Umbau auf ein faires, gesundes und umweltfreundliches Ernährungssystem in Europa vorsieht, ist dafür ein wichtiger Schritt.

Welche Bedeutung haben in diesem Zusammenhang die beiden Begriffe Ernährungssicherheit und Ernährungssouveränität?

Diese Konzepte bedingen einander. Ernährungssicherung ist nicht erreichbar ohne Mitsprache der Bevölkerung bei politischen Entscheidungen, die Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit von Lebensmittelsystemen ermöglichen. Ohne Ernährungssicherheit gibt es aber auch keine Ernährungssouveränität.

Braucht es noch gefinkeltere technologische Lösungen oder könnten wir mit heutigem Wissensstand die Ernährungsprobleme in den Griff bekommen?

Wir wissen viel über nachhaltige Landwirtschaft, nutzen dieses Wissen aber zu wenig. Das bedeutet nicht, dass wir nicht weiterhin Technologien benötigen, um die Klimakrise zu überwinden, biologischen Pflanzenschutz zu verbessern und die Gesundheit von Böden zu erhalten.

Nehmen Sie das Handy als Beispiel: Durch dieses erhalten Menschen in abgelegenen Regionen Beratungsleistungen und Marktinformationen. Künstliche Intelligenz kann mithelfen, dieses Service zu optimieren. Oder denken Sie an Versicherungssysteme gegen Trockenheit für nomadische Viehhalter in Kenia. All das braucht Technologie und Wissen. Vergleichsweise wenig wissen wir darüber, wie wir Gesellschaften dabei unterstützen können, menschliches Verhalten anzupassen, um nachhaltige Ernährungssysteme und einen fairen Austausch von Nahrungsmitteln zu gewährleisten. Klar ist aber: Verhaltensänderung kann nicht an Technik ausgelagert werden. Das muss politisch ausverhandelt werden.

Kommen wir zum Mais. Er ist das wichtigste Grundnahrungsmittel in etlichen Ländern Afrikas. Unter welchen Bedingungen kann dieses Getreide auch in Zukunft seinen Beitrag bei der Ernährung einer steigenden Bevölkerung leisten?

Mais ist eine anspruchsvolle Nutzpflanze. Als Jugendlicher steckte ich Maiskörner in den Boden und testete, wie viel Wasser, Sonne und Kompost diese benötigen, um gut zu gedeihen. Ich begriff schnell, dass nur optimale Umweltbedingungen vitale Pflanzen hervorbringen. An dieser Erkenntnis hat sich bis heute nichts geändert. Mais ist sensitiv, braucht viel Stickstoff. Maisanbau ist riskant, vor allem auf schlechten Böden und in Trockenperioden. Mais muss standortangepasst angebaut werden, um einen Beitrag zur Ernährung der wachsenden Bevölkerung zu leisten.

Was sind die größten Probleme im Zusammenhang mit Maisanbau in Afrika?

Die zentralen Probleme:  Monokulturen  degradieren die Böden. Das passiert weltweit. Nimmt die genetische Vielfalt ab, dann steigt das Risiko, dass Pflanzenkrankheiten und Schädlinge die Ernte ganzer Landstriche zunichtemachen. Ein Beispiel ist der Heerwurm, ein bedeutender Maisschädling, der vor wenigen Jahren aus Lateinamerika nach Afrika eingeschleppt wurde.

Mais ist weiters ein Symbol für wirtschaftliche Vorherrschaft. Mais war billige Energiequelle für Arbeiter und Arbeiterinnen in den Kolonien. Damals wurde die Abhängigkeit von einem bestimmten ökonomischen Pfad gelegt, die bis heute wirkt. Sehen Sie nach Malawi. Ist dort die Maisernte schlecht, dann geht es den Menschen und der Politik schlecht. Das erhöht die Verletzbarkeit einer Gesellschaft enorm. Zudem ist Mais für Farmen mit ein bis zwei Hektar unwirtschaftlich. Mais macht satt, ist aber kein Weg aus Armut.

Mais und Bohnen sind eine sinnvolle Mischkultur. Bohnen versorgen den Mais mit Stickstoff und die Menschen mit Eiweiß. Hier in Kenia, am Viktoriasee.© Hauser / BOKU

Sollte, und kann, die Ernährung diversifizierter werden?

Selbstverständlich. Wollen wir Biodiversität auf dem Feld, dann braucht es Menschen, die sich vielfältig und ausgewogen ernähren. Märkte unterstützen Biodiversität auf dem Feld und dem Teller nicht automatisch. In vielen afrikanischen Staaten wird die Dominanz von weißem Mais durch Preisstützung am Leben erhalten. Für Regierungen schafft das eine gewisse politische Stabilität und Sicherheit. Die Entwicklung eines gesünderen Ernährungsverhaltens bringt das nicht. Sorghum und andere Hirsearten sind Alternativen zu Mais – angepasst an trockene Standorte –, aber auch um 20 bis 30 Prozent teurer. Ich plädiere deshalb für kluge finanzielle Anreize und soziale Grundsicherung, die Menschen dabei helfen, sich ausgewogen zu ernähren, auch wenn sie an der Armutsgrenze leben.

Welche Erschwernisse gibt es im Zuge der Klimaveränderung?

In manchen Regionen wird es trockener, in anderen feuchter. Die Probleme daraus kann ich hier nur in Stichworten auflisten. Ökologische Prozesse verändern sich und so die Dynamiken von Pflanzenkrankheiten und Schädlingen. Mais wird in vielen Regionen Afrikas vom Feld und den Tellern verschwinden. Extreme Wetterereignisse nehmen zu. In Kenia starben 2020 bisher mehr Menschen an Überflutungen als an COVID-19. Zentrale Verkehrswege werden unterbrochen und damit die Versorgung mit Nahrungsmitteln. Durch andere Temperaturmuster verändert sich auch die Ausbreitung von Malaria. Vor unserer Haustüre steht die größte Heuschreckenplage der jüngeren Geschichte Ostafrikas.

Wie sieht es mit der Verbreitung von gentechnisch verändertem Mais in Afrika aus?

In den meisten afrikanischen Ländern ist der Anbau von gentechnisch verändertem Mais untersagt. Südafrika ist da eine Ausnahme. Aber die öffentliche Meinung ist geteilt, es überwiegt das Lager der Kritiker und Kritikerinnen. Trotzdem laufen Feldversuche zu trockentolerantem Mais im östlichen und südlichen Afrika.

Bringen die trockentoleranten Gentech-Sorten von Monsanto tatsächlich auch bei Dürre höhere Erträge?

Die weitere Entwicklung von trockentoleranten Varietäten ist wichtig. Gentechnik wird aber überschätzt. Die konventionelle Pflanzenzüchtung und „Marker“-gestützte Selektion haben in der Vergangenheit Großartiges geleistet. Die Genomik ermöglicht den Blick in die Pflanze. Damit gewinnen wir Zeit bei der Entwicklung neuer Sorten. Klingt wie Gentechnik, ist aber keine.

Gleichrangig ist die Unterstützung der Bauernfamilien bei der Weiterentwicklung von alten Sorten. Dazu muss auch eine von der privatwirtschaftlichen Logik unabhängige öffentliche Forschung gefördert werden.

Allerdings ist Trockentoleranz nur eine Variable in der Formel zur Erhöhung der Resilienz von Landwirtschaft. Die Gesundheit von Böden, Tieren und der Landschaft sind ebenso wichtig, so wie auch Wetterdienste.

Welche Art der Unterstützung braucht die Landwirtschaft zur Bewältigung der Zukunft?

Jede isolierte Technologieförderung birgt in sich die Gefahr, dem Symptom auf den Leim zu gehen, anstatt die Ursachen zu verändern. Landwirtschaft ist ein komplexes System. Sich zum Beispiel von der Digitalisierung der Landwirtschaft alleine die Lösung von komplexen, systemischen Problemen zu erwarten, greift zu kurz. Ebenso wichtig sind soziale Innovationen, die Kräfteverhältnisse so verändern, dass eine Agrarwende möglich ist.

Eine Agrarwende in welche Richtung?

Es braucht Strukturen, die flexibel genug sind, um lokal angepasste Lösungen zu ermöglichen. Notwendig sind die Ökologisierung des Anbaus, die Dezentralisierung von Wertschöpfung und die politische Mitsprache der Bauern und Bäuerinnen.

Viele junge Menschen hier in Afrika setzen Landwirtschaft mit Armut gleich. Das muss sich ändern. Um gesellschaftliche Verwerfungen durch die steigende wirtschaftliche Ungleichheit im Rahmen dieses strukturellen Umbaus zu vermeiden, muss ein modernes, ernährungssouveränes Landwirtschaftsbild gefördert werden. Es braucht also neue Muster im Denken von Landwirtschaft. Das gilt auch für den Norden.

nach oben

Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden. Mehr Informationen