„Wir sehen uns als lebendiges Museum“

Tätowierer wie Ernesto Kalum und Robinson Unau aus Sarawak auf Borneo, retten alte Techniken und traditionelle Motive vor dem Vergessen. Im Interview mit Christina Schröder sprechen sie über Identität, Traditionen und ein altes Handwerk in der modernen Welt.

Traditionell werden Tattoos auf Borneo mit Bambus-Nadeln händisch in die Haut geklopft.© Borneoheadhunters

Wann und warum wurden Sie auf die Tattoo-Traditionen der Iban, der größten Ethnie auf Borneo, aufmerksam?

Ernesto Kalum: Als ich in England studierte, habe ich in einem Tattoo-Studio traditionelle Motive der Iban gesehen und war erstaunt, wie groß das Interesse daran war. Zurück in Sarawak habe ich dann in ländlichen Gebieten zu Motiven und Techniken recherchiert. Bei einem Besuch in der Schweiz hat mich der weltbekannte Tätowierer Felix Leu dann dazu inspiriert, die Tattoo-Maschine beiseite zu legen und wie die Iban die Tätowierungen mit Bambus-Nadeln und Ruß in die Haut zu klopfen.

Welches sind typische Motive der Iban und was bedeuten sie?

Unau: „Bunga Terung“ zum Beispiel ist die Blüte der Eierfrucht, oder Aubergine. Zum Eintritt ins Erwachsenenleben begaben sich Angehörige der Iban traditionell auf eine Wanderzeit. Als Symbol, um in Balance zu bleiben, bekamen sie zuvor zwei dieser Blüten auf die Schultern tätowiert. Eine Spirale jeweils in der Mitte symbolisiert das Innere einer Kaulquappe und den Beginn eines neuen Lebens. Die Blütenblätter stehen für Geduld.

Kalum: Die Iban-Weberinnen machten spezielle Muster, die ihnen von den Göttinnen im Traum gezeigt wurden. Sie hatten Tattoos, die sie vor den Geistern, die beim Weben freigesetzt werden, beschützen sollten.

Was ist das Besondere an den Tätowierungen der Iban?

Kalum: Sie drückten weder die Familien- oder Clanzugehörigkeit aus, noch den gesellschaftlichen Status einer Person, sondern zeugen von einer Errungenschaft oder einer besonderen Begebenheit im eigenen Leben. Sie sind eher mit einem Eintrag ins Tagebuch vergleichbar.

Unau: Und Iban-Tattoos sollten ihre TrägerInnen auch nach dem Tod beschützen.

Wie sehen Sie sich selber: Als Iban, als Malaie, als Tätowierer …?

Kalum: Als Iban.

Unau: Als Iban. Das bedeutet menschliches Wesen. Wir sind alle Iban.

Was sagt die Anerkennung alter Traditionen über eine moderne Gesellschaft aus? Wie werden die Iban und ihre (Tattoo)-Traditionen von den Menschen gesehen, die sich vordergründig als Malaiinnen und Malaien definieren?

Kalum: Die Tattoos waren einst Teil des Iban-Lebensstils. In den 1980ern bis zu den späten 1990er Jahren war der bei vielen Malaiinnen und Malaien verpönt. Jetzt sind die Tätowierungen zu einem Ausdruck der Identität geworden oder auch zu einer Kunstform, für viele zu einem Modetrend.

Unau: Der traditionelle Lebensstil der Iban ist schon seit zwei Generationen verschwunden. Wir übernahmen die Tätowierungen und geben sie weiter. Wir sehen uns als lebendiges Museum.

Glauben Sie, dass die Menschen Traditionen wieder mehr schätzen, je mehr sie das Gefühl haben, in einer globalisierten Welt zu leben?

Kalum: Ich glaube, da ist jeder anders. Es gibt Iban, die sich stark mit ihrer Kultur verbunden fühlen und moderne Tattoos wollen. Es gibt Nicht-Iban, die Iban-Motive wählen, um ihre individuelle Identität oder ein Lebensereignis zum Ausdruck zu bringen.

Unau: Ich glaube, die Menschen fangen an, etwas zu vermissen, wenn es verloren ist oder verloren scheint.

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