„Wir sind eine gebende Gesellschaft“

Papua-Neuguinea hat eine einzigartige Vielfalt an Sprachen und ethnischen Gruppen. Südwind-Mitarbeiterin Patricia Otuka-Karner sprach mit der Kulturwissenschaftlerin Anastasia Sai über die besonderen Herausforderungen an das Bildungssystem ihrer Heimat.

Anastasia Sai

Südwind-Magazin: Was ist das Besondere an Papua-Neuguinea?
Anastasia Sai:
Meine Heimat ist ein tropisches Land und geprägt von großer Diversität an ethnischen Gruppen, Kulturen, Sprachen. Es ist teilweise schon schwer für Menschen aus zwei Nachbardörfern, eine gemeinsame Sprache zu finden. Erst durch die Kolonialisierung kam die Bevölkerung auch untereinander mehr in Kontakt und die gemeinsame Sprache Tok Pisin entwickelte sich.

Ist Tok Pisin die heutige Amtssprache?
Wir haben drei Amtssprachen: Englisch, Tok Pisin und Hiri Moto. Die älteren Menschen sprechen meist auch noch ihre ursprüngliche Muttersprache, aber die Jüngeren verstehen oft nur mehr Tok Pisin, was ein großes Problem ist. Unsere Sprachen und damit auch die Kulturen und Traditionen und in der Folge unser Wertesystem sterben langsam aus. An den Schulen und Universitäten wird in Englisch unterrichtet. Wobei das nicht immer ganz einfach ist. Viele Studierende denken in Tok Pisin und schreiben dann – mit sehr vielen Fehlern – auf Englisch. Die Sprache ist eine der größten Herausforderungen für unser Bildungssystem.

Papua-Neuguinea hat eine Fläche von 465.000 Quadratkilometern und ca. sieben Millionen EinwohnerInnen. Wie konnte sich da so eine unglaubliche Sprachenvielfalt entwickeln?
Das ist wohl durch die Geografie des Landes bestimmt. Die Menschen lebten sehr lange in ihren eigenen kleinen Nischen. Man migrierte höchstens aufgrund von Naturkatastrophen, aber sonst blieb man über Generationen, wo man eben war. Es gab kaum Interaktion mit außen.

Wie würden Sie die Bevölkerung beschreiben?
Herausragend ist für mich, dass wir eine sehr gebende Gesellschaft sind. Wir geben gerne und großzügig. Wenn Besuch kommt, ist die erste Frage immer „Was kann ich Dir geben?“.

Natürlich ist das nicht ausschließlich uneigennützig. Man geht davon aus, dass man in der Zukunft auch das zurückbekommt, was man zuvor gegeben hat. Die Menschen glauben, dass die Götter ihnen wohlgesonnen sind, wenn sie Gutes tun.

Apropos Religion: Sie haben „Götter“ gesagt?
Wir gehen davon aus, dass wir diese Welt teilen. Wir leben in einem Miteinander mit den Toten, mit unseren Ahnen. Wir leben für uns, für unsere Ahnen, aber auch für unsere Nachkommen. Es ist eine Komplexität, in der sich verschiedene Welten vereinen. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind eng miteinander verwoben.

Welche Rolle spielt das Christentum?
Trotz Missionierung ist die traditionelle Religion nach wie vor sehr stark. Viele denken auch nicht in Schwarz und Weiß, sondern vereinen beides. Vor allem auch das Thema Hexerei ist sehr stark an die Geisterwelt gebunden. In der letzten Zeit ist sogar eher eine Zunahme des Hexenglaubens zu verzeichnen. Viele Menschen glauben, dass man anderen durch Geister Schaden zufügen kann.

Wie erklären sie diese Zunahme?
Hexerei – schwarze Magie – wird als Sündenbock herangezogen. Es gibt aber starke kulturelle Unterschiede. Im Hochland sind es die Frauen, die der Hexerei beschuldigt werden. Als Hexen identifiziert, werden sie von der Bevölkerung geächtet und sogar gelyncht. Natürlich wird hier das Stigma Hexe oft missbräuchlich vergeben, um Frauen hinzurichten, die anders sind. An der Küste sind Hexen männlich. Sie haben einen besonderen Status. Niemand würde sich gegen sie stellen, da der Großteil der Menschen sie fürchtet.

Educational Institutions for Development

Im Rahmen der Konferenz „Educational Institutions for Development – down to earth and close to the people” hat die österreichische Entwicklungsorganisation Horizont3000 rund 125 nationale und internationale ExpertInnen zum Wissensaustausch nach Wien eingeladen.

Von 10. bis 12 Juni wurden unter anderem die Themen Förderung regionaler Autonomie und ethnischer Gruppen, Universitäten als treibende Kräfte für die Entwicklung marginalisierter Regionen und ländliche Entwicklung sowie Ressourcenschutz diskutiert.

Dabei ging es vor allem um den intensiven Austausch zwischen den TeilnehmerInnen aus Papua-Neuguinea, Nicaragua, Brasilien, Uganda, Mosambik, Österreich und Osteuropa. HORIZONT3000 ist eine österreichische NGO spezialisiert auf die Begleitung und Durchführung von Projekten sowie die Entsendung von Fachkräften in Partnerländer. Seit 2010 engagiert sie sich mit dem Programm „KnowHow3000“ auch ganz besonders im Wissensaustausch und -transfer zwischen den Partnerorganisationen. Dazu wurde auch eine Plattform eingerichtet. P.O.
www.horizont3000.at

Wie ist der Status von Frauen generell?
Geschlechtsspezifische Diskriminierung und Gewalt sind relativ weit verbreitet. Als Frau wird man als Besitz der Männer angesehen und steht auch für die Ehre der Männer gerade. Gerade innerhalb der Familie sind es die männlichen Verwandten, die die weiblichen kontrollieren und notfalls mit Gewalt an das System binden – um zu verhindern, dass sie Schande über die Familie bringen.

Wie wird innerhalb des Bildungssystems damit umgegangen – es gibt ja mehr Studentinnen als Studenten?
Ja, an den Universitäten studieren mehr Frauen. In meinem Unterricht bringe ich zum Beispiel viele Diskussionsthemen und Fragestellungen ein, um auf die geschlechtsspezifischen Unterschiede hinzuweisen und zum Denken anzuregen. Ich frage immer nach Nutzen und Kosten von gewissen Traditionen für unsere Entwicklung. Es ist wichtig, dass die Studentinnen und Studenten ihren eigenen Kontext reflektieren.

An der Divine World University engagieren sich alle Studierenden als Teil des Lehrplans in Community Engagement Programmen, wo sie Projekte in ihrer Herkunftsregion umsetzen. So werden auch Diskussionen aus dem Bereich Gender Studies langsam in die Gesellschaft getragen.

Sie unterrichten ja auch Kultur an der Universität. Warum ist das als Unterrichtsgegenstand wichtig?
Ich selbst bin in einer Zeit aufgewachsen, in der die Identifikation mit der eigenen Kultur noch viel wichtiger war als heute. Das hat mir auch geholfen, auf dem Boden zu bleiben. Ich bin stolz auf mein kulturelles Erbe. Darum (lacht) ziehe ich mich auch gerne traditionell an und umgebe mich mit traditionellen Gegenständen. Sie führen mich immer wieder dahin zurück, wo ich herkomme.

Patricia Otuka-Karner schreibt freiberuflich als Journalistin für diverse Medien. Sie hat knapp sieben Jahre in Uganda gelebt und 2013 den Herta-Pammer-Preis der Katholischen Frauenbewegung Österreichs erhalten.

Anastasia Sai unterrichtet Gender Studies und Kultur an der Divine Word University in Madang in Papua-Neuguinea.

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