„Wir sind nicht freiwillig hier“

Armeeschutz ist notwendig, um Flüchtlinge im Lager Lira Palwo im Norden Ugandas vor angreifenden Rebellen zu schützen. Ein Lokalaugenschein von Thomas Spielbüchler.

Von Thomas Spielbüchler
Die Leute fühlen sich hier nicht wohl“, beginnt Akello Jacqueline Orot, 32, ihre pragmatische Zusammenfassung der Situation in Lira Palwo. Die resolute Frau leitet das kleine Gesundheitszentrum neben den zahlreichen, strohgedeckten Lehmhütten, die sich in der flachen Savanne der Provinz Pader ducken. Hier, im Norden Ugandas, führt die Lord’s Resistance Army (LRA) einen grausamen Kampf gegen die Regierung, der in erster Linie die Bevölkerung trifft.
Die Menschen sind gezwungen, ihre Häuser zu verlassen und in so genannten Wehrdörfern Schutz zu suchen. Lira Palwo ist ein solches Wehrdorf. Im Oktober 2002 hat die LRA eine nahe Siedlung überfallen und 20 BewohnerInnen getötet. Anschließend wurden einige der Opfer gekocht und den Überlebenden zum Aufessen vorgesetzt, ehe die Armee eingriff. Nach diesem an Brutalität schwer zu übertreffenden Vorfall gründete die Regierung das Lager und zwang die umliegende Bevölkerung zur Übersiedlung. Hier wird sie von 100 bis 200 schlecht ausgerüsteten Soldaten „beschützt“.
Ein kläglicher Haufen motivationslos in Gummistiefeln durch das Lager stapfender Militärs ist verantwortlich für die Sicherheit von 19.000 Binnenflüchtlingen in Lira Palwo. Bedroht werden diese von LRA-Rebellen sowie von Karamojong – Hirtennomaden aus dem Nordosten, denen Viehdiebstahl als legitime Einnahmequelle gilt.
Die Flüchtlinge sind angewiesen, sich aus den Erträgen des Landes eine Meile rund um Lira Palwo zu versorgen. Dies reicht bei weitem nicht aus. Zudem gefährden Überfälle die Feldarbeit. Jede Woche, so Orot, kommt es zu einem Zwischenfall. Gerade am Vortag sei ein Mann am Lagerrand getötet worden, vor drei Wochen stahlen Karamojong Dutzende Rinder.

Eine derart angespannte Sicherheitslage erschwert auch die Hilfslieferungen des World Food Programme (WFP), auf die man in Lira Palwo angewiesen ist. Der aktuelle Konvoi war situationsbedingt bereits einen Monat verspätet, als er in der Nachbarprovinz Lira aufbrach.
140 Soldaten, die sich auf die Feuerkraft ihrer drei Panzerfahrzeuge verlassen, sichern den Geleitzug. Unter einer weithin sichtbaren Staubfahne wurden so die rund 100 Kilometer ins Lager überwunden. Der Bezirk Pader ist LRA-Gebiet, und wie ernst die Lage sich gestaltet, zeigte sich angesichts des kugelsicher gepanzerten WFP-PickUps. Am selben Tag werden weiter östlich drei LKWs privater Frächter ohne Begleitschutz überfallen. Zwei Fahrer kommen dabei ums Leben.
Der Konvoi erreichte Lira Palwo ohne Probleme. 120 Tonnen Mais und 40 Tonnen Bohnen sollen einen Beitrag zum Überleben bis zur nächsten Hilfslieferung leisten – ein zu kleiner Beitrag, besonders da man noch von einer offiziellen Einwohnerzahl von 16.750 ausgeht. Durch ständigen Zuzug ist diese mittlerweile aber um fast 15 Prozent gewachsen. Frau Orots Aufzeichnungen vermitteln einen Einblick: Fünf bis sieben Menschen sterben in Lira Palwo jeden Tag, darunter zwei Kinder unter fünf Jahren. Die Menschen fallen vor allem dem Hunger, Malaria und Durchfallerkrankungen zum Opfer. 800 Malariakranke weist die aktuelle Statistik auf, 60 PatientInnen leiden unter schwerer Diarrhöe.
Das WFP ist auf internationale Akut-Hilfe angewiesen, um die insgesamt 800.000 Binnenflüchtlinge, 655.000 Dürreopfer und 150.000 Kriegsflüchtlinge in Uganda weiterhin unterstützen zu können.
Reverend Bosco Otim, 42, der zivile Kommandant Lira Palwos, weiß nichts vom Ausmaß der Not in Ugandas Norden. Er versucht, sich auf die Menschen im Lager zu konzentrieren: „Die Leute hier sind verärgert, da die letzte Lieferung schon zwei Monate zurück liegt. Zudem sind die Rationen nicht genug für die Familien.“ Auch den Schutz durch die Truppen zieht er in Zweifel. „Mit den wenigen Soldaten wird es immer schwieriger, die Umgebung gegen die Rebellen zu sichern.“ Bisher zeigten sie sich noch nicht im Lager, aber Otis ist tief besorgt: „Die Rebellen wissen, dass heute Lebensmittel geliefert worden sind. Wir haben Angst vor den kommenden Nächten.“

Seit Juli des Vorjahres lebt Richard Okidi in Lira Palwo – und leidet: „Die Situation hier ist schrecklich, aber wir können nicht weg.“ Der 18-jährige wohnt mit seiner Frau in einer Hütte, deren Einrichtung sich auf einen Drahtstuhl und ein Doppelbett beschränkt. Ähnliche Situation auch für Oryema Charles Wamala, 27. Er teilt sich sein Zuhause im Lager mit sechs Familienmitgliedern. „Wir brauchen Hilfe auf den Gebieten der Hygiene, Wasserversorgung, Nahrung und Medizin, damit sich die Lage nicht verschlimmert. Wir sind nicht freiwillig hier. Die Unsicherheit zwingt uns dazu. Niemand beschützt uns in unseren Heimatdörfern.“
Inzwischen werden von Mitarbeitern des Norwegian Refugee Councils die Hilfsmittel verteilt. In langen Schlangen stehen die Familien hinter den sechs Trucks und warten auf ihre 37,5 kg Mais und 12,45 kg Bohnen – die monatliche Unterstützung für durchschnittlich fünf Personen pro Familie. Niemand flüchtet vor dem einsetzenden, tropischen Regenguss. Stoisch warten die Menschen auf ihre Zuteilung vor den langen Wällen aus Maissäcken.
Dies bietet auch reichlich Gelegenheit für die Kleinsten, ihren Teil zur Familienversorgung beizutragen. In Plastiksäcken werden die einzelnen Maiskörner gesammelt, die auf den Verteilungsplätzen vom Boden gepickt werden konnten. Für kindliche Aufregung sorgt auch der seltene Besuch Fremder hier im Lager – und der spielerische Wettkampf, sich möglichst oft vor dem Objektiv der Kamera in Szene setzen zu können.

Das Kinderlachen bildet einen bizarren Gegensatz zur Stimmung in Lira Palwo. „Die generelle Situation wird schlimmer“, lautet die Einschätzung von Frau Orot im Gesundheitszentrum zwischen zwei Impfungen in Babypopos. „Aber immerhin hat sich die Unterernährung der Kinder gebessert!“ Sie erklärt nicht, dass dies nur durch Umverteilung auf Kosten der ohnehin dem Tod Geweihten gelang.
Draußen, auf dem großen Platz vor der Krankenstation, ist man inzwischen mit der Lebensmittelverteilung fertig. Der WFP-Konvoi rückt mit seinen Beschützern ab.
Auf dem Weg zurück in die Hauptstadt Kampala passiert man am Nil die Binnengrenze Ugandas. Sie teilt das Land in einen prosperierenden Süden, Musterschüler hinsichtlich Aids-Bekämpfung und Entwicklung – und den elenden, von LRA und Banditen terrorisierten Norden.
„Ich komme selbst aus dem Süden“, erklärt Kisa Wanbira, 42. Er ist WFP-Verantwortlicher für 13 Lager in Pader. „Über die tatsächliche Situation im Norden hatte ich keine Ahnung. Man lebt hier quasi in einem anderen Land.“
In der nördlichen Savanne, die so überhaupt nicht mit dem pulsierenden Kampala vergleichbar ist, verabschiedete sich Reverend Otis sorgenvoll: „Wir haben wenig Hoffnung für die Zukunft. Das Militär kann die Rebellen nicht zurückdrängen. Vielleicht werden wir die nächsten zehn Jahre hier sein.“ Befürchtungen, die auch Wanbira teilt.

Thomas Spielbüchler ist freier Journalist und lebt in Salzburg. Er bereiste den Kongo und Uganda, wo er einen WFP-Hilfskonvoi nach Lira Palwo begleitete. Der Einsatz des WFP ist keine kurzzeitige Krisenintervention, sondern eine permanente WFP-Operation,

nach oben

Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden. Mehr Informationen