Wirksam oder wirklich

Beim Einsatz von Bildern sind Medien und Organisationen unkritischer als beim geschriebenen Wort.

Von Irmgard Kirchner

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen beim Heurigen, trinken gemütlich einen weißen Spritzer und geraten zufällig einem japanischen Touristen vor die Linse. Und ein paar Monate später erscheint in einem japanischen Magazin eine große Reportage zum Thema Alkoholmissbrauch in Europa. Mit Ihnen am Titelbild. Auch wenn es für den Einzelnen relativ unwahrscheinlich ist, etwas Vergleichbares passiert Menschen immer wieder. Vor allem im globalen Süden. Auf Reisen entstehen Bilder meist schnell, oft ohne Kontakt und Einverständnis der fotografierten Personen.

Bilder berühren und schaffen Wirklichkeit. Das Foto des nackten Mädchens, das schreiend vor einem Napalm-Angriff flüchtet, ging 1972 um die Welt und wurde zum Symbol für die Schrecken des Vietnamkrieges. Kim Phuc, damals zufällig fotografiert, wurde zur Ikone im Nachkriegs-Vietnam.

Manchmal ist die Wirklichkeit allerdings nur scheinbar. Bilder werden meist schon beim ersten Blick vom Betrachtenden interpretiert und nicht bloß wahrgenommen. Ein beliebiger Text, der mit dem wirklichen Kontext nichts zu tun hat, hilft dabei, die Interpretation in die gewünschte Richtung zu lenken. Bei der Bildauswahl für Printmedien wird diese Disposition des menschlichen Geistes genutzt: Man bedient sich des so genannten „Genrebildes“, das für dieses oder jenes stehen kann.

Es ist eine Tatsache, dass Medien und Organisationen in der Regel beim Einsatz von Bildern wesentlich unkritischer verfahren als bei der Wiedergabe des gesprochenen oder geschriebenen Wortes. Bei Texten wird die Quelle geprüft, Aussagen werden autorisiert. Ein zufällig aufgeschnappter Satzfetzen geht nicht als Zitat durch. Ein zufälliger Schnappschuss als Illustration sehr wohl.

Im Bereich Entwicklungspolitik und Humanitäre Hilfe wird viel mit Bildern gearbeitet, insbesondere im Bereich Fundraising und Spendenwerbung. Fotoagenturen verkaufen Bilder, bei denen nicht davon auszugehen ist, dass die Abgebildeten wissen, dass sie mit ihren Fotos in Medien der reichen Länder für Spenden werben oder Armut und Diskriminierung verkörpern.

Bereits seit 2006 gibt es einen Verhaltenskodex von europäischen NGOs zum Umgang mit Bildern und Botschaften. Es geht dabei um Gleichheit, Würde und Respekt: In der Wirkung sollen sie nicht klischeehaft sein, nicht überzeichnen oder diskriminierend sein. Fotos sollten nur wahrheitsgemäß und im entsprechenden Kontext verwendet werden – und vor allem nicht ohne Wissen und Erlaubnis der Abgebildeten.

In Österreich hat erst ein Bruchteil der entwicklungspolitischen und humanitären Organisationen den Verhaltenskodex unterschrieben – darunter die Südwind Agentur. Die Widerstände betreffen die praktische Durchführbarkeit. Es gibt tatsächlich einige praktische Argumente dagegen. Von technischen Fragen bei der Archivierung von Kontextinformationen zu den Bildern über fehlende Kenntnisse der Landesprache seitens der FotografInnen bis zum Umgang mit Fotoagenturen, die keinerlei Selbstverpflichtung haben.

Die Umsetzung des Verhaltenskodex wird nicht einfach und wird auch einige Zeit dauern. Doch die Diskussion um eine differenziertere Auseinandersetzung mit Fotos ist eröffnet. Und dafür war es höchste Zeit.

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