Wo lassen Sie nähen?

Von Brigitte Voykowitsch · · 2004/11

Die Arbeitsbedingungen in der internationalen Textilproduktion haben sich in den letzten 15 Jahren massiv verschlechtert. Wo Kostenminimierung und profitmaximierung oberste Prinzipien sind, kann auf jene, die am Fließband stehen, keine Rücksicht genommen werden.

Wenn ein größerer Auftrag zu erfüllen ist, müssen wir nach einem langen Arbeitstag noch die ganze Nacht durchmachen“, erzählt Hanifa N. „Überstunden werden uns oft gar nicht bezahlt“, schildert Suwarni P. „In der Werkhalle wird es im Sommer unerträglich heiß, aber es gibt keinen einzigen Ventilator“, sagt Ana-María S.
Die drei Frauen leben in verschiedenen Erdteilen, die eine ist Marokkanerin, die andere Indonesierin, die dritte Mexikanerin. Was sie verbindet, ist ihr Schicksal als Arbeiterinnen in Textilunternehmen, die für den nordamerikanischen, europäischen oder fernöstlichen (insbesondere koreanischen, japanischen und taiwanesischen) Markt Jeans, Jacken, T-Shirts und dergleichen mehr fertigen. Maquilas oder Maquiladoras werden diese Unternehmen in Lateinamerika genannt, ein Name, der sich von der Gebühr ableitet, die Müller für das Mahlen von Korn einhoben. Anderswo sprechen die ArbeiterInnen einfach von den Fabriken und nennen den Namen der Betreiber. Wie immer sie aber heißen mögen, angesiedelt sind die Betriebe in Freihandels- und Exportzonen, die oberste Unternehmensphilosophie lautet Kostenminimierung und Profitmaximierung.

Anfang der 1970er Jahre begannen US-amerikanische Firmen, ihre Produktion aus Kostengründen in Länder des Südens auszulagern. Mit der weltweiten Liberalisierung des Handels in den 1990er Jahren beschleunigte sich der Trend, dem sich immer mehr europäische Staaten und asiatische Tigerländer anschlossen. Wo im Norden hohe Lohn- und Lohnnebenkosten anfallen, locken die Freihandelszonen im Süden mit Sonderkonditionen. In Sri Lanka und Honduras, El Salvador und Indonesien sowie in zahllosen anderen Ländern können die internationalen Konzerne aus einem riesigen Reservoir an Billigarbeitskräften schöpfen, deren Interessen kaum eine Regierung verteidigt. Selbst in Ländern, in denen Mindestlöhne, zulässige Arbeitszeiten sowie die Bildung von Gewerkschaften gesetzlich geregelt sind, werden diese Bestimmungen in den Freihandelszonen nur selten durchgesetzt.
Maquila ist somit gleichbedeutend mit extrem langen Arbeitstagen von 12, 14 oder noch mehr Stunden; mit – häufig un- oder unterbezahlten – Überstunden; mit geringen Löhnen; mit unmenschlichen Pausenregelungen, unter die auch eine Begrenzung der zulässigen Toilettenbesuche auf zwei mal zwei Minuten pro Tag fallen kann; mit dem Verbot von Gewerkschaften; mit stickigen, schlecht oder gar nicht belüfteten Arbeitshallen. Beschäftigt werden mehrheitlich junge Frauen auf Kurzzeitbasis. Soziale Absicherung gibt es keine, die Frauen müssen sich vielmehr oft schon vor der Einstellung einem ersten Schwangerschaftstest unterziehen, dem dann regelmäßig weitere Untersuchungen folgen. Ist ein solcher Test positiv, muss eine Arbeiterin damit rechnen, sofort vor die Tür gesetzt zu werden.

Zu den physisch kaum erträglichen Zuständen kommt noch die ständige Sorge um den Arbeitsplatz. Denn wenn sich die Bedingungen ändern, wenn es doch zu Arbeitskämpfen kommt und Streiks das Klima verschlechtern, werden Betriebe rasch geschlossen und in einer anderen Sonderzone im gleichen oder einem anderen Land wieder angesiedelt. „Verantwortung gegenüber ihren Beschäftigten kennen diese Betriebe nicht. Als Menschen zählen wir nichts. Wir sollen nützlich sein, und das sind wir nur, solange wir um wenig Geld produzieren und den Mund halten“, formuliert es eine Indonesierin, die sich für faire Arbeitsbedingungen engagiert. Wenn die Volksrepublik China mit noch besseren Konditionen lockt, müssen Mexikanerinnen damit rechnen, dass ihre Fabrik zusperrt. Wird in Honduras die Ausbeutung von TextilarbeiterInnen zu laut thematisiert, wandert das betroffene Unternehmen schnell einmal nach Haiti ab.
Wenn auf das „Made in“ am Label von T-Shirts oder Jeans der Name eines Landes im Süden folgt, dann müssen KonsumentInnen im Norden davon ausgehen, dass dieses Kleidungsstück „schmutzig“ ist, also unter Bedingungen produziert wurde, die die Menschenrechte und Menschenwürde der ArbeiterInnen aufs schwerste verletzen. „Saubere“ Textilien, die unter Bedingungen internationaler Standards hergestellt werden, sind aber kaum zu finden. Auch die Clean Clothes Campaign – die internationale Kampagne für saubere Kleidung (in Österreich: CCK) – verfügt noch über keine Liste von sauberen Textilproduzenten oder -vertreibern. Allerdings ist in letzter Zeit eine Reihe von Initiativen entstanden, deren Ziel es ist, den KonsumentInnen eine ethische Alternative zu bieten. Solche Projekte haben sich im Kontext der Fairtrade-Bewegung oder aus aktionistischem Hintergrund heraus sowohl im Süden wie im Norden entwickelt. Manche sind auf verlorene Arbeitskämpfe zurückzuführen wie die Solidarity Factory in Thailand, wo sich um ihre Löhne betrogene ArbeiterInnen schließlich in einer eigenen Kooperative zusammen schlossen.

In einer Reihe von europäischen Ländern werden bereits Textilien aus alternativen Unternehmen vertrieben. Die CCK will aber erst ausführliche Überprüfungen der diversen Betriebe durchführen, bevor sie deren Textilien als definitiv sauber bestätigt.
Die Palette der angebotenen Textilien in sogenannten Welt- oder Fairtrade-Läden beschränkt sich derzeit noch auf wenige Produkte wie T-Shirts, Wollpullover, Decken oder Tücher. Anders als bei Kaffee oder Tee liegen in der Textilbranche die Anschaffungskosten von Rohmaterialien sowie die Produktionskosten höher und sind die Arbeitsprozesse aufwändiger, heißt es dazu bei Fairtrade. Bei Jeans kommt dazu noch die Frage von Design, unterschiedlichen Schnitten und Größen. Dank der immer besseren Vernetzung alternativer Bewegungen sowie der wachsenden Nachfrage nach sauberen Textilien im Norden rechnet man aber bei der Fairtrade-Bewegung damit, bereits in den nächsten Jahren das Angebot an sauberer Bekleidung stark erweitern zu können.

www.fairtrade.at
www.fairtrade.net (internationale Dachorganisation, die Fair-Trade-Kriterien erarbeitet und Kooperativen zertifiziert)
www.cleanclothes.org

Brigitte Voykowitsch ist freie Journalistin und Spezialistin für Süd- und Südost-Asien.

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