Wo Macondo Realität ist

In Wien-Simmering leben seit Jahrzehnten Flüchtlinge mit ganz unterschiedlicher Herkunft Tür an Tür. Anlässlich des neuen Kinofilmes „Macondo“ besuchte Barbara Ottawa mit der Regisseurin Sudabeh Mortezai den Schauplatz.

Die Siedlung am Stadtrand hatte immer schon eine triste Atmosphäre.

Im Gemeinschaftsgarten weht eine chilenische Flagge, die Wind und Wetter völlig zerschlissen hat. Wer sie wann aufgehängt hat, weiß José Villalobos nicht mehr genau. „Das ist lange her,“ sagt der passionierte Gärtner, der 20 Jahre lang als Bademeister gearbeitet hat. Jetzt steht er kurz vor der Pension.

Nur mehr „eine Handvoll“ Chileninnen und Chilenen finden sich laut José Villalobos in der „Macondo“ genannten Wiener Siedlung in der Zinnergasse im äußersten Simmering. Er selbst wohnt seit über 30 Jahren mit seinem Bruder hier.

Menschen aus Chile waren unter den ersten großen Flüchtlingsgruppen, die in und um die ehemalige Kaserne angesiedelt wurden. In Folge des Putsches durch General Augusto Pinochet 1973 und seiner brutalen Diktatur flohen Tausende ins Ausland.

Vor ihnen waren nach 1956 Flüchtlinge aus Ungarn in Simmering gelandet, gefolgt von Flüchtlingen aus dem (heutigen) Tschechien, Rumänien und -Vietnam.

Heute prägen das Bild von Macondo Menschen aus Somalia, Tschetschenien und – seit neuestem – Syrien. „Das ist ein Umbruch“, bestätigt Jugendarbeiter Andreas Greussing.

Sudabeh Mortezai ist überrascht, wie voll es in der Wohnsiedlung ist, in der sie im vergangenen Jahr ihren Film „Macondo“ gedreht hat. „Damals waren noch ein paar Wohnungen leer, die wir nutzen konnten“, erzählt die Regisseurin, die die Siedlung als Schauplatz für ihre fiktive, aber auf realen Erfahrungen und Erzählungen basierende Geschichte über eine tschetschenische Familie gewählt hat.

Jetzt sind alle Wohnungen belegt und Rahma Ahmed Jimale, die aus Somalia hierhergekommen ist, findet, dass Macondo eigentlich schon „zu voll“ ist. Sie lebt seit zehn Jahren hier. Als wir die Siedlung besuchen, hat sie gerade gekocht: Wunderbar gewürzten Reis, dazu Fleisch, eine scharfe Sauce und Gemüse. Wir werden sofort zum Essen eingeladen. Es ist der Tag des muslimischen Opferfestes. Für wie viele Leute sie gekocht hat? „Ich weiß nicht, das Fest ist für alle offen“, sagt die bunt gekleidete Somalierin und lächelt.

Die viel diskutierte Integration ist in der Siedlung sichtbar: Feste werden zusammen gefeiert, die Kinder spielen gemeinsam. Rahma Ahmed Jimale sorgt sich um eine siebenköpfige tschetschenische Familie, die nach sieben Jahren Asylverfahren nun abgeschoben werden soll. So wie sie leben viele schon seit Jahrzehnten in Macondo, weil zu Beginn unbefristete Mietverträge vergeben wurden. Nur in den jüngsten Bauten müssen die Menschen nach fünf Jahren raus.

„Die ersten Bewohner haben sich ihre Bungalows und Wohnungen schön eingerichtet, aber die neuen Siedler wissen, dass ihnen die Wohnung nicht lange gehört“, erzählt Mortezai. Nach dem Filmprojekt kennt man sie in der Siedlung. Auch von José Villalobos und Rahma Ahmed Jimale wird sie überschwänglich begrüßt. Gastfreundschaft, Offenheit und Herzlichkeit ist etwas, was hier am Stadtrand sofort auffällt. Jeder gibt bereitwillig Auskunft, viele lächeln, Kinder sind neugierig und laut.

Dennoch muss man an Abschiebung und Ghetto denken, wenn man auf dem Gelände steht. Nur unter der Woche fahren regelmäßig Busse, am Wochenende sind öffentliche Verkehrsmittel rar. „Es wurde nicht bedacht, dass die Menschen auch Freizeitbedürfnisse haben“, sagt Mortezai. Die Kinder im Hof nutzen alte Matratzen als Matten für Turn- und Springübungen. „Es ist nicht im Sinne der Integration, dass die Flüchtlinge hier angesiedelt wurden, und es hilft auch den Wienern nicht, diese Menschen zu verstehen“, so die Regisseurin.

Seit kurzem ist die Zinnergasse tatsächlich zum Synonym für Abschiebungen geworden. Während die Siedlung Macondo die Adresse Zinnergasse 29b trägt, befindet sich auf 29a ein Familienschubhaft-Zentrum. Es ist mit Zäunen und Überwachungskameras gesichert. „Jene, die bleiben dürfen, schauen zu denen, die abgeschoben werden, beim Fenster rein und umgekehrt – es ist der pure Zynismus“, sagt Mortezai.

José Villalobos kümmert sich um die Beete: „Es gibt zu wenig Blumen in Wien“, sagt er. Für Gartenparzellen in Macondo müssen Interessierte seit ein paar Jahren zahlen. Der gebürtige Chilene plant, eine zu kaufen.

Er weiß nicht genau, woher der Name Macondo kommt. Er bringt das Wort mit einem Lied in Verbindung. Macondo ist auch der Name des Dorfes in Gabriel Garcia Márquez’ berühmten Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“. Doch in Simmering ist Macondo Realität. So unwirklich es für die meisten Wiener auch ist.

Der Film Macondo von Sudabeh Mortezai läuft österreichweit ab 14.11. im Kino. www.macondo-film.com

Barbara Ottawa ist freie Journalistin und lebt in Wien-Simmering.

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