Wohltätigkeit kein Wert an sich

Der Schriftsteller Ilija Trojanow hat gemeinsam mit Thomas Gebauer, dem Geschäftsführer von Medico International, ein Buch über Hilfe in Zeiten der globalen Krise geschrieben. Im Gespräch mit Irmgard Kirchner erklärt er, warum eine Repolitisierung der Hilfe unumgänglich ist.

© Alexander Chitsazan

Ziemlich an den Anfang ihres Buches stellen Sie das Zitat des Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi: Wohltätigkeit ist die Ersäufung des Rechts im Mistloch der Gnade. Was haben Sie gegen Wohltätigkeit und Hilfe?

Thomas Gebauer und ich haben überhaupt nichts gegen Hilfe und Wohltätigkeit. Wir haben etwas gegen das Ersetzen von Rechten durch Wohltätigkeit. Die gab es immer: in der schlimmsten Diktatur, im Feudalismus oder während der Sklaverei. Evident historisch betrachtet ist Wohltätigkeit kein Wert an sich. Ein Wert an sich und ein emanzipatorischer Quantensprung in der Entwicklung der Menschheit sind verbriefte Rechte. Als absoluter Höhepunkt die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte.

Wenn – und das ist typisch für unsere Zeit –, Absicherung durch Rechte ersetzt wird durch Gnadenakte, haben wir es mit einem gesamtgesellschaftlichen Problem zu tun. Der Gnadenakt ist willkürlich und geht in hohem Maße parallel mit einer anderen Entwicklung, mit dem, was wir Refeudalisierung nennen.

Was passiert im Moment Entscheidendes auf der Welt, was in den Massenmedien nicht zur Sprache kommt?

Eine der großen Entwicklungen im Moment ist die Ökonomisierung der letzten nicht betriebswirtschaftlich durchherrschten Sphäre, nämlich des ganzen Bereichs Hilfe und Solidarität. Der Neoliberalismus erobert auch noch die allerletzten Oasen des nicht rein betriebswirtschaftlich organisierten Handelns. Denn auch Hilfe soll Rendite abwerfen, soll effizient sein, soll private Investitionen anziehen.

Sie stellen in dem Buch fest, dass sich im Bereich der Hilfe ein neues Gesellschaftsverständnis spiegelt.

Die jüngeren Menschen bringen sich auf bestimmte Krisen hin punktuell tatsächlich ein. Aber das Engagement ist, wie alles im Internet, geformt nach Laune und Lust, nach Angebot und Nachfrage. Problematisch wird es in dem Moment, wenn Menschenrechte wie das Recht auf Nahrung, auf ein Dach über dem Kopf, auf Gesundheit und so weiter, von solchen privaten extrem subjektiven, launenhaften und willkürlichen Initiativen abhängig sind. Wir haben es mit einer zunehmend atomisierten Gesellschaft zu tun, in der es keinen Verlass mehr gibt für die Unterprivilegierten.

Das andere Problem ist, dass die Fachleute im Bereich Nothilfe sagen, dass es inzwischen so viele Krisen und Katastrophen auf der Erde gibt, dass die verschiedenen Strukturen, die wir haben, um Nothilfe zu leisten, einfach nicht hinterherkommen.

Sie kritisieren, dass Hilfe immer politisch ist, auch wenn sie vorgibt, nicht politisch zu sein. Wo ist Hilfe direkt kontraproduktiv?

Es gibt sehr viele Beispiele für Hilfe, die nicht neutral ist. Jene, die Hilfe in großem Maßstab geben, zum Beispiel Stiftungen, haben eine bestimmte Weltanschauung.

In Mittelamerika etwa gibt es eine große Tradition der solidarischen, autonomen, regionalen oder dörflichen Entwicklung. Mit den Menschen vor Ort etwas zu entwickeln, ihnen zu einer gewissen Selbstständigkeit und Unabhängigkeit zu verhelfen, steht in einem eklatanten Widerspruch zum Interesse dieser Geldgeber. Deswegen wird es nicht unterstützt oder sogar bewusst bekämpft.

Der zweite Punkt ist, dass fast die gesamte sogenannte Entwicklungshilfe technokratischer Art ist. Impfkampagnen gegen Polio zum Beispiel sind teilweise wirklich beeindruckend erfolgreich. Diese technokratische Effizienz bewirkt allerdings nicht das, was wir alle benötigen: eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung, die stabil, nachhaltig und im Sinne aller ist.

Dann gibt es ja auch noch Hilfe, der Sie vorwerfen, dass sie die ungerechten Machtverhältnisse stabilisiert.

Viele Hilfsprojekte sollen unpolitisch sein. Das geht nicht. Man kann nicht die Not überwinden, ohne politisch zu sein.Man muss die Frage stellen, wieso in Pakistan fast alles der Armee gehört, wieso es immer noch riesige Latifundien in Mittelamerika gibt, wieso westliche Firmen spottbillig gigantische Landflächen in Sierra Leone kaufen dürfen, wieso es diese Monokulturen mit Zerstörung der Umwelt und Vertreibung der einheimischen Bauern gibt. Politische Neutralität in diesen Zeiten ist eine Illusion.

Woran krankt unsere Welt am meisten?

Wir haben eine Globalisierung des Ökonomischen, aber nicht eine Globalisierung des Sozialen. Als wohlhabende Gesellschaften leben wir auf Kosten anderer. Stichwort Landgrabbing, Stichwort Ausbeutung von Rohstoffen, Stichwort ungerechte Handelsbeziehungen, Stichwort Subventionen, Stichwort ökologischer Verbrauch.

Für Menschen in Gesellschaften wie jene, die wir in unserem Buch beschreiben, in Pakistan, Sierra Leone, Mittelamerika usw. gibt es keine Möglichkeit der Teilhabe an Entscheidungen, die diese Globalisierung definieren. Es gibt keine Möglichkeit, diese Globalisierung von unten zu gestalten.

Gibt es auch positive Beispiele für Hilfsprojekte?

In Pakistan haben wir das Glück gehabt, zwei Dörfer zu besuchen, die von der riesigen Überschwemmung 2010 betroffen waren. Das eine war Objekt ganz traditioneller Hilfe. Die Leute haben Zelte bekommen, Wasserfilter, Solarlampen und so weiter. Am Ende war der Status Quo von vor der Katastrophe wiederhergestellt. Nur: Der Status Quo vor der Katastrophe war an sich eine Katastrophe.

In dem anderen Dorf hat man mit der beeindruckenden pakistanischen Organisation Hands International den Moment der Katastrophe genutzt, um einen völligen Neuanfang zu wagen.

Inwiefern?

Das Dorf ist ein völlig anderes Dorf. Die Leute sind selbstbewusster, aufrechter, gesünder. Man hat ein Gesamtpaket geschnürt: Werkstätten für die Frauen, damit sie schneidern können, eine Grundschule, eine kleine Klinik und eine Apotheke, Gemeindeland, auf dem die Leute, die kein Land besitzen, ihre kleinen Herden halten können. Man hat alle möglichen anderen gemeinschaftlichen Strukturen geschaffen, um das Dorf als Ganzes zu entwickeln. Wir können tatsächlich solche Notsituationen nutzen, um verkrustete sozioökonomische Strukturen aufzubrechen und eine erheblich bessere, sinnvollere und nachhaltigere Konstruktion aufzubauen.

Wie wirkt sich der Neoliberalismus auf den Bereich Hilfe aus?

Unser Buch ist auch eine Kritik am neoliberalen betriebswirtschaftlichen Denken, das – und das ist das Fatale – inzwischen überall hineinkriecht.

Eine der interessanten neuen Entwicklungen, die wir festgestellt haben, ist, dass das Effizienzdenken als oberster Maßstab gilt. Das Effizienzdenken führt dazu, dass man Widerstandsformen, die nicht messbar, aber unter Umständen von enormer Bedeutung sind, völlig missachtet. Gerade politisches Engagement ist am wenigsten messbar.

Schwierige Zeiten also für Initiativen, die Bewusstseinsbildung oder Bewusstseinsarbeit machen?

Genau. Das erleben wir auch hierzulande. Ich muss zunehmend verteidigen, wieso Literatur wichtig ist. Die Zurichtung des Einzelnen, um ein kleines Rädchen zu sein in diesem riesigen globalen Mechanismus der Ausbeutung von Mensch und Natur, nimmt ja enorm überhand. Die Freiräume des Ideellen, die immer auch Freiräume des Kritischen, des Subversiven oder des Konspirativen sind, werden zunehmend verengt.

Sie kritisieren in Ihrem Buch auch, wie über Hilfe gesprochen wird, wieso plötzlich Begriffe wie zum Beispiel Resilienz in aller Munde sind.

Der Begriff kommt aus der Psychologie. Da geht es darum, dass Leute, die Traumata erlebt haben, sich psychische Strukturen erarbeiten, die ihnen ein stabileres Weiterleben ermöglichen. Begriffe aus anderen Zusammenhängen, die dort ihre Rechtfertigung haben, werden aufs Politische übertragen. Das ist der absolute Wahnsinn. Bangladesch wird bald völlig überflutet sein. Im Sinne der Resilienz sollen die Leute halt nicht Hühner, sondern Enten züchten, denn die können schwimmen. So verwendet bedeutet Resilienz: die Sintflut kommt eh und lass uns schauen, wie wir kleine Arche Noahs bauen können. Das ist wirklich eine pathologische Reaktion auf Krisen.

Sprachkritik ist – und das liegt mir als Schriftsteller natürlich besonders – ein absolut notwendiges Element kritischen politischen Bewusstseins.

Sie verwenden auch den Begriff Fake Reality. Können Sie den erklären?

Wir tragen ständig irgendwelche unhinterfragten Annahmen vor uns her, die mit den Realitäten überhaupt nichts zu tun haben. Selbst von Intellektuellen hört man: Wie lange noch müssen wir die Afrikaner durchfüttern? Wobei die Realität genau umgekehrt ist. Der zweite Aspekt von Fake Reality ist die Annahme, dass es keine Alternativen zum neoliberalen Modell gibt. Das bedeutet den Tod der Vision, der Entwürfe und der Utopien. Diesen dystopischen Fatalismus, der unseren Zeitgeist beherrscht, zu bekämpfen, ist im Moment eine der größten Aufgaben des politischen Widerstandes.

Ein ganz zentrales Moment des heutigen utopischen Denkens ist, dass es sinnvollere, rationalere Lösungen anbietet als das neoliberale System. Das trägt ja immer die Behauptung vor sich her, es sei unglaublich effizient. Dabei ist es völlig irrational und ineffizient. Es vergeudet, verbraucht und zerstört unglaubliche Ressourcen.

Wer ist im Moment revolutionäres Subjekt? Von wem können Veränderungen ausgehen?

Im Moment kann man von einem revolutionären Subjekt überhaupt nicht reden. Deswegen ist ein radikaler Reformismus der Versuch, in nicht-revolutionären Zeiten, Alternativen sichtbar zu machen, hörbar zu machen und im Kleinen zu versuchen, diese Alternativen lebbar zu machen. Das ist im Moment das einzige, was man im Sinne von Aufbruch bewerkstelligen kann. Wir leben in sehr erstarrten, manche würden sagen in dekadenten Zeiten.

Ilija Trojanow, deutsch-österreichischer Schriftsteller mit bulgarischen Wurzeln, hat lange Zeit in Kenia, Südafrika und Indien gelebt. Im November erhält er den Ehrenpreis des Österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln 2018.

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