Wolfgang Dietrich: Samba Samba

Eine politikwissenschaftliche Untersuchung zur fernen Erotik Lateinamerikas in den Schlagern des 20. Jahrhunderts.

Von Thomas Divis
Vier-Viertel-Verlag, Strasshof 2002, 247 Seiten, € 27,90

Lieder produzieren Bilder. Je mächtiger das verbreitende Medium, umso mächtiger ist ihre Wirkung. Der österreichische Politologe Wolfgang Dietrich untersucht die musikalischen und textlichen Zeichen, die der deutschsprachige Schlager in Bezug auf Lateinamerika verwendete und auch heute verbreitet. Er unterscheidet die Phasen des a) präfaschistischen Schlagers, in dem Lateinamerika, oft von jüdischen Autoren, als Land der Freiheit beschrieben wird; b) den faschistischen Schlager mit der Botschaft „in der Heimat ist es am schönsten“; c) den klassischen Schlager, in dem die Wirtschaftswunder-Generation auf die „Anderen“ herabblickt und d) den bis in die Gegenwart reichenden postklassischen Schlager, in dem sich z. B. auch Frauen zunehmend als Sex-Touristinnen outen.
Über fast ein Jahrhundert ergibt sich ein Bild, in dem der lateinamerikanische Kontinent zwar immer wieder fokussiert wird, die konkreten Lebensumstände der Menschen aber keinen Niederschlag darin finden. Umso aussagekräftiger ist das produzierte Bild jedoch über die Befindlichkeit seiner KonsumentInnen (die Schlager der DDR werden übrigens nicht behandelt). Intelligent, fundiert und respektvoll analysiert Dietrich oft banalste Texte in ihrem Zusammenhang. Mit seinem klarem Urteil über sie und die Gesellschaft, die diese Lieder oft millionenfach produziert, reproduziert und konsumiert, schrieb der Autor auch einen hervorragenden Beitrag zur mitteleuropäischen Kulturgeschichte.

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