Wut, Hass und Würde

Mit dem Pressefotografen Rubén Espinosa wurde heuer in Mexiko bereits der siebte Journalist ermordet. Wie geht es Reporterinnen und Reportern in Lateinamerika, die über Gewaltexzesse berichten und selbst fürchten müssen, Opfer zu werden?

Ein Einblick in ihre persönlichen Strategien von Michael Krämer.

Drogenkartelle, die ganze Regionen im Griff haben. Korrupte Politikerinnen und Politiker, die sich von der organisierten Kriminalität schmieren lassen. Jugendgangs, die ihr Stadtviertel terrorisieren. Verzweifelte Angehörige auf der Suche nach ihrem verschwundenen Kind. Gewalt und grausame Verbrechen gehören für die Menschen in einigen Ländern Lateinamerikas zum Alltag. Ein Alltag, dem sie nicht entrinnen können. Oder dem sie sich bewusst stellen, zum Beispiel als Journalistin oder Journalist. Manche Reportagen aus den Zerstörungsgebieten der extremen Gewalt sind nur schwer zu ertragen, zu brutal ist das, was in ihnen zu lesen ist. Was macht die Gewalt mit jenen, die über sie berichten?

Albtraum Mexiko. Marcela Turati, eine der bekanntesten Chronistinnen der Gewalt im Zusammenhang mit dem Drogenkrieg in Mexiko, erzählt, dass sie und ihre Kollegen auf das Grauen zunächst mit schwarzem Humor reagierten. „Den ganzen Tag haben wir uns lustig gemacht über die Möglichkeit, zu sterben.“ Doch irgendwann habe das Lachen als Abwehrstrategie nicht mehr funktioniert, berichtet sie. Albträume quälten sie, mit „Lastwagen voller Toten“ darin. Sie isolierte sich und entdeckte Symptome von posttraumatischem Stress bei sich – Traurigkeit, Rückzug vom sozialen Leben, den Impuls, nur noch zu arbeiten. „Ich kam nicht mehr davon los“, gesteht sie. Inzwischen hat sie Formen gefunden, den täglichen Horror besser zu verarbeiten. Und sie gibt Workshops für Journalistinnen und Journalisten, die dabei helfen sollen, mit dem eigenen Schmerz umzugehen. Die aber auch davon handeln, „wie man den Opfern mit Respekt gegenübertritt, um sie nicht erneut zu Opfern zu machen“.

Erinnerungsarbeit in Kolumbien. Auch Ginna Morelo, die seit vielen Jahren über die Massaker der Paramilitärs in Kolumbien schreibt, betont, wie wichtig es ist, den von Gewalt betroffenen Menschen mit Sensibilität entgegenzutreten und dabei die eigene Rolle genau zu prüfen. Was darf man fragen und was nicht? „Es ist wichtig, auch das Schweigen zu hören, die Lücken in der Erzählung“, sagt sie. „Zu versuchen, sich dem, was die Leute nicht erzählen, mit sehr viel Takt und Respekt anzunähern. Wenn wir die Opfer Dingen aussetzen, die sie noch gar nicht verarbeitet haben, verursachen wir am Ende noch mehr Leid.“

Morelo sieht den Journalismus als „eine Art Erinnerungsarbeit“. Und die braucht Zeit. Manchmal trifft sie sich monatelang regelmäßig mit Menschen, von denen sie etwas erfahren möchte, bevor sie auf das eigentliche Thema zu sprechen kommt.

Würde bewahren in El Salvador. Der salvadorianische Reporter Óscar Martínez schreibt seit Jahren über die Gewalt in seinem Land und das Leid zentralamerikanischer Migrantinnen und Migranten auf ihrem gefährlichen Weg in die USA. Er sagt, dass es ihm leichter falle, mit Tätern zu sprechen als mit Opfern, weil es für ihn einfacher sei, Wut und Hass der Menschen „zu strukturieren und schnell zu analysieren“, als mit dem Schmerz seines Gegenübers umzugehen. Um der Gefahr eines oberflächlichen und blutrünstigen Sensationsjournalismus zu entgehen, prüfe er bei jedem Detail einer Geschichte, ob es eine Aussage transportiert, die zum Verständnis der Leserinnen und Leser beiträgt: „Nicht jedes Weinen ist gleich, so wie auch nicht jedes Blut gleich ist.“

Marcela Turati, Ginna Morelo und Óscar Martínez haben für ihre Reportagen zahlreiche Preise und Auszeichnungen bekommen. Sie schreiben über Gewalt in all ihren Facetten. Sie sind überzeugt davon, das Richtige zu tun und kennen doch alle die Momente des Zweifels und Zögerns in der eigenen Arbeit. Ihre Einstellung fast Ginna Morelo so zusammen: „Man darf niemals die Demut verlieren.“

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