WUT.zur.Heim.AT

Um die Begriffe Heimat, Identität und Migration gestaltet die türkische Regisseurin Emel Heinreich eine Theater-Trilogie. Heuer kommt Teil II auf die Bühne.

Von Werner Hörtner
Vorarlberger Landtagswahlen 2009: Die Theatergruppe um Emel Heinreich nimmt am FPÖ-Slogan „Mut zur Heimat“ eine kleine Korrektur vor – die ihr 700 Euro Verwaltungsstrafe einbringt.

Ein Mann mit Hitlerbärtchen kommt in ein verstaubt wirkendes Zimmer, sucht bedächtig in zugedeckten Schachteln Versatzstücke seiner Erinnerung, etwa ein Kruzifix auf einem Sockel mit Spieluhr zum Aufziehen.

Eine Frauenstimme erklingt. Sie singt. Dann betritt auch die Frau den Raum, eine hölzerne Truhe hinter sich herziehend. Der Mann und sie beginnen ein Gespräch, aneinander vorbei redend.

Die Sängerin, eine dunkelhaarige junge Frau, entdeckt einen Wecker, spielt damit herum, der Wecker klingelt. Drei bisher unter Tüchern verborgene Personen treten auf und richten es sich im Raum einigermaßen gemütlich ein. Der Raum ist das österreichische Wohnzimmer, es ist die zentrale Bühne das ganze Stück hindurch, etwas verstaubt, mit vielen Erinnerungen behaftet. Ab und zu werden auch Reminiszenzen an die Zeit jenes Reiches, das 1.000 Jahre lang währen sollte, sichtbar.

Das österreichische Wohnzimmer mit seinen fünf BewohnerInnen könnte fast eine Idylle sein, wenn, wenn sich da nicht ein fremdes Element eingeschlichen hätte. Denn die dunkelhaarige Sängerin ist nicht von diesem Land, sie ist eine Fremde, ohne Name, ohne bestimmte Herkunft, einfach eine Fremde, und sie beschließt, hier zu bleiben, in diesem Land, in diesem Raum. Sie benimmt sich, als hätte sie ein Recht darauf, hier zu bleiben. Die Konflikte mit ihren MitbewohnerInnen sind vorprogrammiert. Die Fassade des heimeligen Wohnzimmers blättert ab und es eröffnen sich entlarvende Blicke auf die hier wohnenden Menschen.

Im vergangenen Jahr reiste Emel Heinreich mit ihrer Theatertruppe und dem Stück „da.Heim.AT.los“ durch Österreich. Die Uraufführung fand im September in Egg im Bregenzerwald statt. Damals stand Vorarlberg im Zeichen der Landtagswahlen. FPÖ-Chef Dieter Egger warb mit seinem Konterfei und dem Spruch „Mut zur Heimat“ um Stimmen. Dieser Slogan weckte bei den Theaterleuten die Lust zum Widerspruch, und fluggs wurde aus dem „Mut“ die „Wut“. Eine Strafanzeige der FPÖ war die Folge und eine Geldstrafe von 700 Euro. Dafür war der Titel des heurigen Stückes geboren: Wut zur Heimat.

Das Stück baut sich um die Existenz der Fremden herum auf. Sie wird zum Brennpunkt der Aggressionen, aber auch zum Auslöser tiefenpsychologischer Prozesse ihrer MitbewohnerInnen. „Die österreichischen Darsteller und Darstellerinnen erleben im Laufe des Stückes einen Reflexionsprozess, der sich einmal an der Existenz der Fremden entzündet, dann aber auch an ihren eigenen unterschiedlichen Positionen und Entwicklungen“, umreißt Emel Heinreich einen Leitfaden des Stücks. Am Anfang stand der Titel fest und eine Idee in statu nascendi. Das Stück wurde völlig improvisierend vom ganzen Team erarbeitet. Die einzige Konstante war von Anfang an das „österreichische Wohnzimmer“.

Regisseurin Emel Heinreich, die seit mehr als zwanzig Jahren in Österreich als Schauspielerin und Regisseurin lebt und arbeitet (vgl. SWM 6/08), hatte große Schwierigkeiten, die Finanzierung der Tournee auf die Beine zu stellen. Es sind gerade kleine Kulturveranstalter, die dem Stück die Bühne und die materielle Basis zur Aufführung ermöglichen.

Aufführungen:
3.-5.9 St. Pölten, 8.-11.9. Wien, 14.-17.9. Graz, 21.-25.9. Tirol, 30.9./1.10. Egg/Vbg, 4./5.11. Linz, 6.11. Burgenland, 4.11. Bruck an der Leitha. Weitere Infos auf www.cocon-kultur.com

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