Wuzzeln und WG-Leben

Im von der Caritas betriebenen Haus Sarah im burgenländischen Neudörfl leben neben erwachsenen auch 29 minderjährige Flüchtlinge. Redakteurin Christina Bell und Fotograf Severin Dostal haben die Einrichtung besucht.

Facebook, Fußball, Freunde: Die Jugendlichen gewöhnen sich im Haus Sarah wieder an einen Alltag.

"Bis Libyen“, sagt A.* „war die Flucht normal. Schrecklich, aber normal. Als wir über die Grenze nach Libyen kamen, begannen die echten Probleme und das eigentliche Grauen.“ A. ist 16 Jahre alt und stammt aus Somalia. Mit ruhiger Stimme und relativer Gefasstheit erzählt er seine Fluchtgeschichte. Schildert die unterschiedlichen Etappen, die geprägt waren von Unsicherheit, Angst, Gewalt. Drei Monate hat es gedauert, vom Aufbruch aus Somalia bis nach Österreich, wo er – im Mai vergangenen Jahres – im Erstaufnahmelager Traiskirchen gelandet ist. Drei Monate, in denen er ein Vermögen zahlen musste und stets dem Wohlwollen von Schleppern ausgeliefert war. In denen er Menschen neben sich sterben sah.

Der 16-jährige spricht anfangs zögerlich, dann immer fließender. Er scheint die Geschichte wirklich erzählen zu wollen, auch wenn sie weh tut. Selbst der Dolmetscher, der für uns übersetzt, schluckt immer wieder kurz, runzelt die Stirn oder seufzt.

Der Betreuer, der beim Gespräch dabei ist, sieht A. immer wieder mit offensichtlicher Besorgnis an. Als der Jugendliche seine Erzählungen beendet, sagt er sofort. „Jetzt ist das alles vorbei. Und du bist hier in Sicherheit.“

Das Verhältnis zwischen den Betreuerinnen und Betreuern und den Jugendlichen wirkt sehr entspannt, fast freundschaftlich im Haus Sarah im burgenländischen Neudörfl. Seit 1989 betreibt die Caritas Wien hier ein Wohnhaus. Neben 23 erwachsenen Flüchtlingen und Asylwerbern wohnen hier auch 29 so genannte UMF, unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Die Jugendlichen, vor allem aus Afghanistan, Syrien und Somalia, gehen im Büro aus und ein, was die Angestellten, fast durchgehend SozialpädagogInnen und -psychologInnen, mit gespielter Strenge oder freundschaftlichen Reaktionen quittieren. Im Gemeinschaftsraum daneben läuft ein Fußballspiel. Algerien gegen Senegal im Afrika Cup. Manche schauen gespannt auf den Bildschirm, ansonsten dominiert Stimmengewirr und Lachen.

A.s Idol ist kein afrikanischer Fußballspieler, sondern ein portugiesischer, Cristiano Ronaldo. „Real Madrid“ fügt er gleich hinzu, noch bevor die Frage nach der Lieblingsmannschaft gestellt ist.

Was wusste er über Österreich, bevor er hierher kam? „Dass hier und in der Schweiz eine Fußballeuropameisterschaft stattgefunden hat.“ Er lächelt schüchtern. Dass es in Europa liegt. Und dass das Land in beide Weltkriege involviert war, das wusste er aus dem Geschichteunterricht.

S.*, der seit April 2014 hier ist, kannte Österreich nicht. Er wollte einfach nur ein sicheres, friedliches Land finden, wo er bleiben konnte. Der 17-jährige ist in Afghanistan geboren und im Iran aufgewachsen. Mit 13 musste er von dort flüchten, wie er erzählt. Die Afghaninnen und Afghanen, die im Iran Zuflucht suchen, sind gerade einmal geduldet. Als er und andere mit Blutrache bedroht wurden, kümmerte das die Behörden nicht. „Die tun nichts bis du tot bist“, sagt S.. In die Türkei zu gelangen war relativ einfach, aber dann begann die wahre Odyssee, die fast drei Jahre dauerte. Um das nötige Geld für eine Weiterfahrt zu verdienen, musste er sich eine Arbeit suchen. Ein anderer Afghane vermittelte ihn an einen Schneider, der ihn für sich arbeiten ließ. Zehn Euro im Monat bekam er dafür. Und einen Schlafplatz. Wählerisch zu sein konnte sich S. nicht leisten.

Fünf oder sechs Mal hat er mit anderen gemeinsam versucht, über die Grenze nach Griechenland zu gelangen. Zweimal wurden sie ins Gefängnis gesteckt. Dann hat es geklappt. In Patras versteckte er sich im Kühlraum eines Lasters, der auf ein Schiff Richtung Italien geladen wurde. Der Fahrer wusste nichts davon. Als er S. fand, war er erstaunt, dass er mehr als 40 Stunden dort überlebt hatte. „Sehr mutig“, sagt einer der Zuhörer. S. lächelt stolz und sieht dabei noch viel mehr aus wie ein Kind.

Viele Kinder und Jugendliche verlieren auf der Flucht jeden Kontakt zu ihren Familien. Einmal in Sicherheit können sie mit der schwierigen und vielfach ergebnislosen Suche beginnen. S. hat zumindest sporadisch Kontakt zu seiner Mutter. A. weiß nichts von seinen Eltern und Geschwistern und macht sich große Sorgen um sie. Er musste aus Somalia flüchten, weil seine Familie, Teil eines Clans, von einem größeren und mächtigen Clan bedroht wurde. Solange sich daran nichts ändert, kann er nicht in seine Heimat zurück.

A. möchte gerne Rettungssanitäter werden. „Die können schnell Leuten helfen.“ S. muss kurz nachdenken, dann antwortet er „Maschinenbau, oder etwas Ähnliches“. Derzeit haben beide fünf Mal die Woche Deutschkurs direkt im Haus. Sobald sie die Sprache gut genug beherrschen, möchten sie den Hauptschulabschluss machen. Wenn sie die Möglichkeit haben, würden sie am liebsten in Neudörfl bleiben, sagen beide.

Die Gemeinde ist ein Vorzeigebeispiel für gelebte Integration. Während woanders die Menschen nur beim Gedanken an die Errichtung einer Unterkunft für Asylwerberinnen und Asylwerber auf die Barrikaden gehen, gibt es hier keine Probleme. Der Bürgermeister steht zu hundert Prozent hinter der Einrichtung. „So eine Unterstützung habe ich noch nie gesehen“, sagt Betreuer Rezart der Nachbarinnen und Nachbarn ist er beeindruckt. Pensionistinnen und Pensionisten geben den Jugendlichen freiwillig Unterricht, fast jeden Tag kommen Menschen aus der Gegend und bringen Gebrauchsgegenstände oder Essen. „Einmal kam ein älteres Ehepaar mit einem ganzen Einkaufswagen voller Lebensmittel vorbei, die sie den Burschen gebracht haben“, erzählt Shkreli.

Die Jugendlichen müssen ihr eigenes Essen kochen. 5,60 Euro stehen jedem pro Tag für Lebensmittel und ähnliches zur Verfügung. Zusätzlich bekommen sie 40 Euro Taschengeld im Monat. Sie schlafen in Stockbetten in Mehrbettzimmern, die Glücklichsten haben eine WG, eine richtige kleine Wohneinheit. Im Haus, in dem 1874 bei einem geheimen Parteitag die österreichische Sozialdemokratie gegründet wurde, stehen ihnen ein Tischfußballtisch, Bücher und ein paar Sportgeräte zur Verfügung. Einer der Jugendlichen spielt Fußball im lokalen Verein, einige andere sind Mitglieder des Tischtennisklubs.

Was er sich für die UMF wünschen würde? „Mehr Platz“, sagt Shkreli. Nie alleine zu sein und auf engem Raum mit Fremden zusammen zu leben sei nicht einfach für die Jugendlichen, die allesamt traumatische Erlebnisse hinter sich haben. Psychologische Betreuung gibt es, wenn auch verbunden mit Wartezeiten. „Und du hast keine Möglichkeiten, du hast ja kein Geld. Kannst nicht essen oder in die Disco gehen. Man verbringt viel Zeit im Zimmer.“

Draußen im Hof kommt uns ein Jugendlicher mit ernster Miene entgegen. „Und?“, fragt Rezart Shkreli. „Paragraph 8“ antwortet der junge Mann. (Paragraph 8 steht für subsidiären Schutz, das bedeutet kein Asyl, aber eine temporäre Aufenthaltsberechtigung, da eine Rückkehr ins Herkunftsland unmöglich ist.) „Na, wunderbar. Freust du dich?“ Er nickt, bleibt aber ernst. „Das muss er jetzt einmal verarbeiten“, meint Shkreli. „Zuerst monatelanges Warten, und plötzlich eine Aufenthaltsberechtigung.“ A. und S. müssen beide weiter warten. Wie lange, das ist – ebenso wie der Ausgang ihres Asylverfahrens – ungewiss.

*A. und S. haben beide ein laufendes Asylverfahren. Damit ihnen ihre Gesprächsbereitschaft nicht in irgendeiner Form zum Nachteil gereicht, verzichtet die Redaktion auf die Nennung ihrer Namen.

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