Zehn Betten an der Grenze

In der entlegenen Somali-Region, im äußersten Süden Äthiopiens, finanziert die österreichische Entwicklungszusammenarbeit Gesundheitseinrichtungen. Ein Lokalaugenschein von Judith Brandner.

Von Judith Brandner
Der Kampf ums Überleben lastet in dieser patriarchalischen Gesellschaft eindeutig auf den Frauen. Frauen arbeiten auf dem Feld, Frauen mit Kindern auf dem Rücken hüten Ziegen- oder Schafherden, Frauen schleppen Wasserkanister oder große Bündel Brennholz in die Dörfer, die zumeist aus einfachen Stroh- und Lehmhütten bestehen. Zahlreiche Felder sind ausgetrocknet und liegen brach. Nur wer eine Motorpumpe hat, kann seine Felder mit Wasser aus dem Fluss Webi Shabbeele bewässern. Nur wer Geld für Treibstoff hat, kann die Pumpen auch benützen.
Die Gesundheitsversorgung ist rudimentär. Infektionskrankheiten und übertragbare Krankheiten sind weit verbreitet: Malaria, Tuberkulose, Magen- und Darmkrankheiten, Darmparasiten, Bilharziose, und auch AIDS. Die großen Entfernungen zwischen Orten und das Fehlen von Verkehrsmitteln machen Behandlungen schwierig, ja unmöglich. Im ganzen Somali-Gebiet gibt es keine Möglichkeit, eine Operation durchzuführen. Komplikationen bei Schwangerschaften und Entbindungen sind häufig. Grund für die gynäkologischen Probleme ist vor allem die Tradition der weiblichen Genitalbeschneidung, die bei so gut wie allen Mädchen in der Region durchgeführt wird. Die österreichische Entwicklungszusammenarbeit (EZA) will schon demnächst mit einem eigenen Aufklärungsprogramm dieser Praxis entgegenwirken.
Österreich ist in der Somali-Region auf dem Gesundheitssektor als einziger bilateraler Geber schon seit den Zeiten des kommunistischen Diktators Mengistu tätig und versucht in Zusammenarbeit mit der italienischen NGO CCM (Comitato Collaborazione Medica) die Gesundheitsversorgung zu verbessern. Dafür stehen jährlich rund zehn Millionen Schilling aus dem Entwicklungshilfebudget zur Verfügung. „Dass Österreich die Somali-Region als Schwerpunkt hat, ist eigentlich ein Zufall“, erzählt Leonhard Moll, der Koordinator der österreichischen EZA in Äthiopien. 1985 stellte die äthiopische Regierung die Anfrage an Österreich, hier tätig zu werden. Später habe man dann entschieden, dass es sinnvoll sei, weiterzumachen. Zu tun gibt es schließlich genug. Äthiopien ist heute ein Schwerpunktland der österreichischen EZA.

Das Auftauchen der weißhäutigen Fremden auf dem Markt von Kelafo sorgt für großes Aufsehen – außer den MitarbeiterInnen westlicher Hilfsorganisationen verirren sich kaum AusländerInnen in diese entlegene Halbwüstengegend. Ein alter Mann spricht uns auf Italienisch an. Reminiszenzen an die Geschichte: 1935 waren die Italiener in Äthiopien einmarschiert. Die Somalis kämpften Seite an Seite mit Mussolinis Truppen gegen den äthiopischen Widerstand. Das Somaligebiet sei von den früheren Regierungen am meisten vernachlässigt worden, erzählt Sultan Korfa, der oberste Clanchef der Region und Abgeordneter im Nationalparlament in Addis Abeba: „Es gibt so gut wie keine Infrastruktur hier: keine Spitäler, keine Schulen, keine Kommunikationseinrichtungen, keine Straßen. Dazu kommen noch die alljährlichen Dürrekatastrophen.“

Ziegen, Kamele, Schafe, ein paar Rinder – das ist der einzige Reichtum der Menschen hier. Deren Wohlergehen sei den Menschen oft wichtiger als ihre eigene Gesundheit, für die sie kein Geld ausgeben wollten, sagt der italienische Arzt Renato Corregia von CCM: „Aber es ist verständlich, denn wenn sie keine Mittel zum Überleben haben, wenn sie keine Nahrungsmittel haben, dann ist für sie das Vieh eben wichtiger.“ Dazu komme ein gewisser Fatalismus, seien doch die Menschen hier immer auf sich selbst angewiesen gewesen: „Sie verschwenden nicht allzu viele Gedanken aufs Morgen. Für sie ist es wichtig, heute zu überleben. Und danach: inschalla!“
Lokalaugenschein in dem von Österreich errichteten Gesundheitszentrum von Kelafo. Ein gemischtes äthiopisch-italienisch-österreichisches Team führt eine Evaluierung durch und erarbeitet Vorschläge für die Zukunft. 1999 hat Österreich das Zentrum an die einheimischen Gesundheitsbehörden übergeben, die nun die Verantwortung tragen. Bisher wurde das Zentrum von der Bevölkerung nicht recht akzeptiert. Am Tag der Besichtigung sind jedoch alle Betten belegt. Vor allem neue Programme zur Bekämpfung der Tuberkulose werden offenbar stark in Anspruch genommen. Das Evaluierungsteam zeigt sich jedenfalls nach der Besichtigung recht zufrieden.

Das Fortkommen in dieser Gegend ist mühsam, selbst mit dem Geländewagen. Straßen gibt es nicht, nur eine staubige Piste mit tief eingekerbten Fahrrinnen. Immer wieder bleibt eines der beiden Autos im Sand oder in Schlammlöchern stecken, immer wieder muss gegraben werden. Zum Glück tauchen bei jeder Panne gleichsam aus dem Nichts zahlreiche Helfer auf, mit Schaufeln und Macheten, mit denen sie dürres Gestrüpp zum Unterlegen unter die Reifen abhacken. In der Regenzeit müssen für 100 Kilometer ein, zwei Tage veranschlagt werden; wir brauchen für die Strecke zwischen Kelafo und dem 90 Kilometer entfernten Mustahil rund vier Stunden.

Wir sind ganz nahe an der Grenze zu Somalia. Auch hier hat Österreich 1999 eine Gesundheitsstation errichtet, die die medizinische Grundversorgung für rund 50.000 Menschen gewährleisten soll. Es gibt zehn Betten, einen Entbindungsraum, eine Apotheke, ein Labor. Jibril Juhar, der medizinische Leiter, spricht gleich ein generelles Problem an: das niedrige Ausbildungsniveau. „Alle Mitarbeiter haben nach einem sechsmonatigen Kurs dieselben Fähigkeiten. Das reicht einfach nicht aus“, erzählt Juhar. Durch die isolierte Lage kämen zudem alle neuen medizinischen Erkenntnisse, Fachzeitschriften oder medizinische Bücher nur mit großer Verspätung an. Es gebe wenig Anreize, hier zu arbeiten, fügt er hinzu und es klingt resigniert. Ähnlich wie das Gesundheitszentrum Kelafo wird nun auch jenes von Mustahil den staatlichen Behörden übergeben – ein Ergebnis der Evaluierung. Wenn sich Österreich als Geldgeber zurückzieht, werden auch die Gehälter der Angestellten auf staatliches Niveau zurückgestuft werden. Dann wird es wohl noch schwieriger werden, gutes Personal zu finden. Das ist nur eines der Probleme, die zu erwarten sind. EZA-Koordinator Leonhard Moll ist sich dessen durchaus bewusst: „Die Nachhaltigkeit eines Projekts kann nur gewährleistet werden, indem wir uns langsam, Schritt für Schritt zurückziehen und unsere Betreuung reduzieren. Dass die Effizienz sinken wird, müssen wir in Kauf nehmen.“ Moll freut sich trotzdem, dass die Zentren von Kelafo und Mustahil und die kleineren Gesundheitsposten mittlerweile so gut angenommen werden. In Zukunft will er sich darauf konzentrieren, mehr medizinische Leistungen anzubieten als bisher. Und noch etwas schwebt ihm vor: Langfristig möchte er eine Gesundheitsversorgung für die Nomaden aufbauen. Das sei eine große Herausforderung, sei das doch bislang noch niemandem gelungen.

Judith Brandner ist Mitarbeiterin des Radiosenders Ö1 und freie Publizistin.

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