„Zehn Millionen werden als Geisel gehalten“

Pierre Claver Mbonimpa (66), Vorsitzender des Verbandes zur Verteidigung der Menschenrechte (APRODH) in Burundi, erklärt im Interview, warum er trotz Angst im Land bleiben will .*

Burundi befindet sich in einer politischen Krise, was bedeutet dies für die Menschenrechte?

Seitdem die Proteste gegen die dritte Amtszeit des Präsidenten Ende April begannen, wurden 88 Menschen erschossen, über 800 verhaftet – wir haben 64 Fälle von Folter durch den Geheimdienst registriert. Die Menschenrechte werden missachtet. Deswegen fliehen jetzt Hundertausende aus Burundi.

Sie selbst sind vergangenes Jahr verhaftet worden und gelten als einer der letzten Aktivisten, die es wagen, öffentlich das Regime zu kritisieren. Haben Sie keine Angst?

Ich habe Angst. Meine Familie hat das Land verlassen, aber ich will bleiben, ich kann die Bevölkerung nicht einfach im Stich lassen. Was mir Angst macht, ist die Jugendbewegung der CNDD-FDD, die Imbonerakure. Sie hat die Polizei ersetzt und der Geheimdienst hat den Jungen Waffen ausgehändigt. Sie kommen oft zu meinem Haus und singen. In ihren Texten warnen sie mich.

Burundi hat bereits viele Krisen durchlebt. Was bedeutet die aktuelle Krise für das Land?

Als man 1972 den Präsidenten ermordete, gab es noch keinen richtigen Bürgerkrieg. Dieser kam erst 1993, mit dem Tod des ersten, demokratisch gewählten Präsidenten. Es gab Massaker mit über 300.000 Toten. Daraufhin haben die Rebellen der CNDD-FDD das Land erobert. Was anders ist, ist die Konstellation: Der Konflikt ist nicht mehr ethnisch, es sind die Hutu der CNDD-FDD an der Macht und diese schießen auf die protestierenden Jugendlichen, die auch Hutu sind. Der Konflikt ist politisch.

Immer mehr Regierungsmitglieder fliehen. Um Präsident Pierre Nkurunziza wird es einsam. Dennoch haben einige wenige Leute das ganze Land noch immer fest im Griff?

Zehn Millionen werden von einer kleinen Clique als Geiseln gehalten. Sie machen die Gesetze. Sie sind mächtiger als der Präsident selbst, ziehen alle Fäden in Polizei, Militär und Geheimdienst. Diese Menschen wollen mit allen Mitteln an der Macht zu bleiben, um ihren enormen Reichtum zu beschützen – und sich selbst, denn sie haben viele Gewaltverbrechen angeordnet.

Seit dem gescheiterten Putschversuch am 13. Mai sind die Proteste verebbt. Was ist aus denjenigen geworden, die zuvor wochenlang demonstriert hatten?

Wir Vertreter der Zivilgesellschaft haben Gewaltverzicht gefordert. Doch die Polizei hat zur Gewalt gegriffen und mit Kugeln um sich geschossen. Als wir gesehen haben, welches Risiko besteht, haben wir die Protestierenden aufgerufen, aufzuhören. Je mehr das Regime sich mit Gewalt an der Macht hält, desto größer wird das Risiko, dass seine Gegner zu den Waffen greifen. Die ersten Anzeichen eines Bürgerkrieges sind schon sichtbar.

Interview: Simone Schlindwein

*)    Am 3. August wurde Pierre Claver Mbonimpa bei einem Anschlag schwer verletzt. Kurz vor Redaktionsschluss befand er sich noch in Belgien zur Behandlung.

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