Zeit - Gepard gegen Schildkröte

Alles muss immer schneller gehen. Zeit war noch nie so knapp und so wertvoll wie heute. Doch es ist an der Zeit, dass wir uns einbremsen, meint New-Internationalist-Redakteur Richard Swift.

Die Titanic und ihr trauriges Schicksal sind zu einer Metapher dafür geworden, wie menschliche Schwächen und Überheblichkeit gegenüber den Kräften der Natur zu einer Katastrophe führen. Weniger bekannt ist, dass die Schifffahrtslinie White Star die ultramoderne Titanic zum Teil auch baute, um einen neuen Geschwindigkeitsrekord bei der Überquerung des Nordatlantik zu erzielen. Der Rekord wurde abwechselnd von den Linien Norddeutscher Lloyd und Cunard (Großbritannien) gehalten. Nach dem Unfall brachten sowohl George Bernard Shaw als auch Joseph Conrad ihren Ärger über die Verrücktheit eines Kapitäns zu Papier, der mit Volldampf durch ein Eisfeld fuhr. Bei der Untersuchung der Katastrophe wurde festgestellt, dass sie auch dem Versuch zuzuschreiben war, zunehmend unrealistische Zeitpläne einzuhalten. Kritik an der Manie der Geschwindigkeitsrekorde war an beiden Seiten des Atlantik an der Tagesordnung.

In Zeiten der Concorde und ihres spektakulären Absturzes erscheinen Urlaubsreisen auf Dampfschiffen vielleicht archaisch. Aber die Faszination der Geschwindigkeit, die in dieser Nacht im Jahr 1912 1.500 Menschen das Leben kostete, hat uns nach wie vor im Griff. Heute lässt sie sich an der Beschleunigung erkennen, die beinahe jeden Aspekt des Lebens erfasst, insbesondere in den industriellen Zentren der Weltwirtschaft. Wir fahren schnelle Autos. Es wird von uns erwartet, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun, und manche finden inzwischen sogar Spaß daran. Kinder sollen möglichst rasch erwachsen werden. Wir stehen unter einem immer stärkeren Druck, schneller zu arbeiten. Manche arbeiten sich zu Tode. In Japan wurde dafür eine eigene Diagnose entwickelt: Karoshi, Tod durch Überarbeitung. Wir ernähren uns von „Fast Food“ – Mc Donald‘s hat sich zum Ziel gesetzt, dass jede/r BürgerIn der USA binnen vier Minuten eine seiner Filialen erreichen kann. Wir schlafen weniger als früher. Schläfrige FahrerInnen verursachen mehr Autounfälle als betrunkene. Wir nehmen aufputschende Drogen, um weiter zu funktionieren.
Viele Menschen haben ihren Terminkalender derart voll gestopft, dass man eher eine Audienz beim Papst erhalten als sich mit ihnen zu treffen könnte. Der letzte Schrei ist ein „Nine-minute date“, bei dem gestresste Singles sich kennen lernen können. Rund um das „Zeitmanagement“ hat sich eine ganze Industrie entwickelt. Bücherregale in Supermärkten sind mit einschlägigen Ratgebern gefüllt. In seiner klassischen Studie „American Nervousness“ beschreibt George Beard die Angst, dass „eine Verspätung von ein paar Minuten die Hoffnungen eines Lebens zerstören könnte“. Zeit war noch nie so wertvoll. Aber wohin geht unsere Reise?

Manche Unternehmensberater meinen, es sei „besser, das Budget um 50 Prozent zu überschreiten als sechs Monate im Verzug zu sein“. Gigantomanie und Geschwindigkeit gehen Hand in Hand, wenn Megaprojekte selbst die entferntesten Gegenden der Erde in ein weltweites Netz einbinden. Globalisierung ist das Ergebnis eines Turbo-Kapitalismus, der sich mit Hilfe der Technologie und vermittelt über Handel, Investitionen und Spekulation immer schneller und über immer weitere Gebiete ausbreitet.
Karl Marx, der den Kapitalismus eher zu sehr bewunderte, nannte ihn „das revolutionärste“ aller Gesellschaftssysteme. Und als das hat er sich erwiesen. Dynamisch. Aggressiv. Technisch innovativ. Stets auf die Zukunft vertrauend, in die er sich mit immer größerer Eile stürzt, getrieben von Konkurrenz und Gewinnsucht. Je schneller Kapital umgeschlagen wird, desto schneller winkt ein Gewinn. Je schneller der Gewinn reinvestiert wird, umso schneller kann er steigen. Und alles bei wachsenden Mengen – immer mehr Güter, immer höherer Energieverbrauch und eine expandierende Infrastruktur.
Beschleunigung ist das Um und Auf dieses Prozesses, ob in der Produktion, im Verkehr oder – besonders heute – im Konsum. Zuerst mussten die Handwerker, die zu sehr Wert auf die Qualität ihres Produkts legten, der industriellen Massenfertigung weichen. Dann kam die Fließbandproduktion, bei der ArbeiterInnen zu genau bestimmten Zeitpunkten genau festgelegte Handgriffe ausführen mussten. Technologische Innovation treibt den Prozess voran und wird selbst von ihm vorangetrieben. In unserer „vernetzten“ Welt können binnen Stunden Milliarden US-Dollar gewonnen oder verloren werden. An den Wertpapierbörsen sind Online- und Day-Trading (Anm. d. Red.: Spekulation auf kurzfristige Kursschwankungen) in Echtzeit die Norm – ein gigantisches, weltweites Las Vegas.
In der Produktion geht es um „Just-in-time“ und „Downsizing“, um den Material- und Warenbestand bzw. den Personalstand zu reduzieren, gestützt auf elektronische Steuerungs- und Kontrollsysteme und ständige Dateninputs: über das Angebot an Rohmaterialien, über den Kapitalmarkt, Marktbedingungen und Verbraucherpräferenzen. Langsamer zu werden ist einfach nicht drin. Von den Beschäftigten wird grenzenlose Flexibilität am Arbeitsplatz und „Lebenslanges Lernen“ gefordert, als Vorbereitung auf den zukünftigen Bedarf des Arbeitsmarkts. „Zeitvergeudung“ wurde auf ein Minimum reduziert.

Die Gentechnik, der „Bio-Flügel“ des Turbo-Kapitalismus, beschleunigt sogar die „Natur“. Viele Feldfrüchte werden dazu gebracht, schneller zu wachsen und zu reifen. Bei der Mästung von Geflügel, Vieh und anderen Nutztieren werden durch Genmanipulation, spezielle Fütterungsprogramme und Antibiotika spektakuläre Gewichtszunahmen erzielt. Die industrielle Landwirtschaft basiert zur Gänze auf ihrer Fähigkeit, Produkte rasch auf den Markt zu bringen. Was das für die Lebensmittelsicherheit bedeutet, beginnt sich gerade erst abzuzeichnen.
Was ist das für eine Zeit, die wir auf Biegen und Brechen durch Beschleunigung einsparen wollen? Jahrhundertelang hat die Menschheit Zeit anhand natürlicher Kreisläufe gemessen. Agrarische Gesellschaften waren von Saat- und Erntezeiten bestimmt. Was zu tun und zu lassen war, hing vom Stand der Sonne ab. Manche Gesellschaften wie die der Maya in Zentralamerika verfügten über hochkomplexe Kalender, die unter anderem auf der Dauer der Schwangerschaft und der Zahl der (von den Maya angenommenen) Himmelsschichten beruhten. Das Verhalten und die Wanderung von Tieren waren wichtige Indikatoren für den Ablauf der Zeit. Auf den Trobriand-Inseln im Osten Papua-Neuguineas beginnt das Jahr, wenn eine bestimmte Meeresschnecke laicht. In manchen Gebieten Afrikas wird die Zeit danach gemessen, wie lange es dauert, Reis zu kochen oder Heuschrecken zu rösten. Es geht nicht um abstrakte Zeitpunkte, sondern um die Qualität der Zeit.

Mit den Anfängen des Industriezeitalters trennten wir die Zeit von der Natur. Wie der scharfsinnige Gesellschaftskritiker Lewis Mumford erkannte, war „die entscheidende Maschine der Neuzeit die Uhr und nicht die Dampfmaschine“. Der Historiker David Landes geht noch weiter und behauptet, dass die Uhr „dazu beitrug, Europa von einem schwachen, peripheren und höchst verwundbaren Außenposten der mediterranen Zivilisation in einen hegemonischen Aggressor zu verwandeln. Die Zeitmessung war zugleich Symbol einer neu entdeckten Kreativität und Mittel und Katalysator beim Einsatz von Wissen für Reichtum und Macht.“ (David Landes, Revolution in Time, Harvard University Press, 1983)
Die Durchsetzung der industriellen Zeit war also in der Geschichte des „Empire“ ein wichtiges Moment. Im rassistischen Diskurs über arbeitsscheue „Eingeborene“ (faul, unzuverlässig, unfähig, vorauszuplanen) wiederholt sich die Geschichte der Kommerzialisierung der Landwirtschaft in Europa, als einer widerstrebenden Landbevölkerung geregelte Arbeitszeiten aufgezwungen wurden. Die Annahme der Mittleren Greenwich-Zeit (GMT) 1884 als internationaler Standard begleitete die erste Welle der wirtschaftlichen Globalisierung. Lokale Zeitrechnungen und Arten der Zeitmessung wurden hinweggefegt. Dieser Prozess setzt sich bis heute fort. Die Übernahme der Sommerzeit der USA war eine der Bedingungen für den Beitritt Mexikos zum Nordamerikanischen Freihandelsabkommen NAFTA.

Irgendeine Art der standardisierten Zeitangabe wird es natürlich auch in Zukunft geben. Aber die Obsession, durch Beschleunigung und hektische Lebensweise „Zeit zu sparen“, leistet sowohl der menschlichen Kultur als auch der Natur einen Bärendienst. Denn was wir mit der Trennung von Zeit und Natur verloren haben, ist die Achtung vor den natürlichen Rhythmen und dem ökologischen Gleichgewicht, von denen unser Überleben abhängt. Unsere Informationsgesellschaft hat Kontemplation und kritisches Denken durch eine schmalspurige, instrumentelle Rationalität ersetzt, woran auch das Gerede über „laterales Denken“ oder „virtuelle Intelligenz“ nichts ändert.
Es gibt eine andere Art, die Zeit zu begreifen – nicht als Rohstoff, sondern als kontinuierlichen Fluss. In seinem faszinierenden Buch „Faster, The Acceleration of Almost Everything“ (Deutsche Taschenbuchausgabe: Schneller. Eine Gesellschaft auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Lübbe, Berg.-Gladb., 2001) kommt James Gleick zum Schluss, dass man „zumindest eingestehen muss, dass weder Technologie noch Effizienz einem mehr Zeit verschaffen können, weil Zeit nichts ist, was man verloren hat. Es ist nichts, was man jemals gehabt hat. Es ist das, worin man lebt. Man kann in ihren Strömungen treiben oder in ihr schwimmen.“
Die Strömungen des zeitfressenden Turbo-Kapitalismus drohen heute, uns als Art hinwegzufegen, wenn wir es nicht schaffen, gegen diesen Strom zu schwimmen. An seinen Auswirkungen auf die Umwelt ist das vielleicht am deutlichsten zu erkennen. Die Geschwindigkeit der Entwicklung beruht auf der Ausbeutung natürlicher Ressourcen. Das geht schneller und bietet höhere Renditen als der vorsichtigere Prozess eines nachhaltigen Anbaus. Die Folgen: erschöpfte Fischgründe, sinkende Grundwasserspiegel, schrumpfende Wälder, erodierende Böden, verschmutzte Seen, Artensterben. Ausbeutung verwandelt erneuerbare Ressourcen in nicht erneuerbare.

Beispielsweise die Art, wie wir Wasser nutzen und missbrauchen. Der weltweite Wasserverbrauch hat sich seit 1950 verdreifacht. Von den Great Plains der USA bis zum Punjab auf dem indischen Subkontinent wurden Grundwasservorkommen erschöpft, um die industrielle Landwirtschaft und ihre langfristig unhaltbaren Erträge zu ermöglichen. 1995 hatten 92 Prozent der Menschheit Zugang zu genügend Wasser, aber dieser Anteil wird bis 2050 voraussichtlich auf 58 Prozent sinken, und zwei Milliarden Menschen werden unter Wasserknappheit leiden (siehe „Fakten“, Seite 34). Konflikte um Wasserrechte, insbesondere um grenzüberschreitende Flüsse sind bereits virulent und werden wahrscheinlich zunehmen.
Die Nachfrage nach Papier hat sich seit 1950 mehr als versechsfacht. Der Bauholzverbrauch hat sich verdoppelt, der Feuerholzverbrauch verdreifacht, was weltweit den Druck erhöht, die Wälder einfach auszubeuten anstatt nachhaltig zu bewirtschaften. Zehn Prozent der Wälder der Welt könnten im Jahr 2050 verloren, beinahe sämtliche Wälder in Afrika und China verschwunden sein, und in Südostasien und Südamerika drohen große Verluste. Die Bestände an naturbelassenem Wald gehen fast überall zurück, und Bodenerosion und sinkende Fruchtbarkeit gefährden die Nahrungsmittelproduktion. Die biologische Vielfalt geht verloren. Tausende Arten werden jedes Jahr ausgelöscht, weil ihre Lebensräume der „Entwicklung“ zum Opfer fallen.
Der Turbo-Kapitalismus benötigt sehr viel Energie. Der weltweite Energieverbrauch dürfte bis 2010 um 46 Prozent steigen. Der Energieverbrauch ist im industrialisierten Norden am höchsten, wo die Wirtschaft vier bis fünf Mal mehr Energie verschlingt als im Süden. Der Großteil des zukünftigen Wachstums wird auf einem weiter zunehmenden Verbrauch von fossilen Brennstoffen beruhen. Was wird durch diesen hohen Energieverbrauch aufrecht erhalten? Der Weltbestand an Autos wächst weiter, und damit auch die damit verbundenen Probleme wie Umweltverschmutzung und Verkehrsüberlastung, besonders in Ländern wie China und Indien. Seit 1950 hat sich die Zahl der Autos pro Person vervierfacht. Durch den Export eines hektischen Lebensstils erzielt die Fast-Food-Industrie der USA phänomenale Wachstumsraten. Die zehn führenden Ketten betreiben heute mehr als 100.000 Standorte rund um die Welt.

Alles das sind Symptome der Ausbreitung einer beschleunigten Lebensweise, die der Turbo-Kapitalismus braucht, um Kapital rascher umzuschlagen. Damit ist das ganze Ausmaß der Problematik aber nicht erfasst. Die Geschwindigkeit des Turbo-Kapitalismus scheint zu einer tiefen kulturellen und politischen Orientierungslosigkeit zu führen. Menschen verlieren den Boden unter ihren Füßen, der bisher durch Institutionen und ein solides Wertesystem gegeben war. Die Familie, der sichere Arbeitsplatz, öffentliche Dienstleistungen, persönliche Sicherheit, sogar das Gefühl von Sinn selbst werden in Frage gestellt.
Opposition kann leicht neutralisiert werden, wenn sie eher auf Reaktion beruht als auf einer Transzendierung des Systems. Ein immer verzweifelterer Fundamentalismus klammert sich angesichts der fortwährenden Entwertung von Glaubensvorstellungen und Lebensweisen an repressive alte Gewissheiten. Die Linke wendet sich nur langsam von ihrem Industrialisierungstraum ab, der inzwischen zum Albtraum geworden ist.
Die größte Gefahr besteht im Versuch, den Turbo-Kapitalismus auf dem eigenen Terrain zu schlagen. Ein Grund des Scheiterns des Staatssozialismus war der Versuch, mit dem Glanz und Glücksversprechen des Konsumismus, den Raketen und rollenden Freiheitsmaschinen seines Gegenspielers mitzuhalten. Was wir entwickeln müssen, ist eine Alternative, die nichts daran findet, zurückzubleiben, die den Wert des Lebens an der Qualität der Langsamkeit und nicht an der Quantität der Geschwindigkeit bemisst. Das wird nicht einfach sein. Tanzen, Feste feiern, Kontemplation, Lachen, Aufstand, Liebe, alles das ist Teil einer im Entstehen begriffenen Kultur des „Go-Slow“, der Langsamkeit, die wir uns zu eigen machen müssen. Eine Bewegung, der es darum geht, das Alltagsleben bewusst zu verlangsamen, nimmt Gestalt an (siehe Kästen S. 32f). Schließlich lebt das schnellste Tier der Welt, der Gepard, bloß 15 Jahre, während die bedächtige Schildkröte es auf 150 bringen kann.

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