Zeit zum Handeln

Bei den Aktivitäten der „Solidarregion Weiz“ in der Steiermark steht die regionale Entwicklung im Vordergrund, doch wird darüber hinaus auf das Engagement für eine gerechtere Zukunft im globalen Maßstab nicht vergessen. Eine Bestandsaufnahme vor Ort von Martina Weinbacher.

Maria Hirschböck vom Arbeitskreis Solidarregion propagiert am eigenen Beispiel die Bedeutung eines Hausgartens.

Alles begann mit einer Notlage. Im Dezember 2005 waren im Bezirk Weiz schlagartig 700 Arbeitsplätze gefährdet, weil ein Werk der Firma Elin, eines ehemals staatlichen Unternehmens der VA-Tech, kurz vor dem Verkauf und der damit einhergehenden Privatisierung stand. Um Anteil zu nehmen und gemeinsam Lösungswege aus der Krise zu finden, kamen damals zahlreiche Menschen der Region zu einer spontanen öffentlichen Kundgebung zusammen. Dies war der Startschuss für die Solidarregion Weiz, einen unparteilichen und überkonfessionellen Arbeitskreis, dessen Ziel es ist, den negativen Auswirkungen der Globalisierung konstruktiv entgegenzuwirken und auf diese Weise die Region zu stärken. Ausschlaggebend dafür war die Einsicht, dass die weltweite Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft für Mensch und Ökosystem nicht tragfähig ist. Deshalb gilt es zu handeln – und zwar nicht primär auf oberster, politischer Ebene. Alleine darauf wollte man sich in Weiz nicht verlassen, denn man hat erkannt, dass keine Einheit zu klein ist, um etwas zu bewirken.

Die Mitglieder der Weizer Initiative waren überzeugt, dass nachhaltiges Wachstum auf lokaler und regionaler Ebene stattfindet und dass der soziale Zusammenhalt das zentrale Werkzeug für langfristige, stabile Entwicklung ist; dass das Miteinander wichtiger und stärker als das Gegeneinander ist. Solidarität, wie schon der Name der Vereinigung verrät, steht im Mittelpunkt. Sie ist die Antwort auf den individualistischen Siegeszug, der das von Konkurrenz und Wettbewerb geprägte westliche Wirtschafts- und Gesellschaftssystem dominiert.

Seit damals, vor bald fünf Jahren, ist in Weiz einiges geschehen: von Solidarkrediten bis zum groß angelegten Umstieg auf erneuerbare Energie, von Kunstinitiativen über Projekte zur sozialen Integration der jüngeren und älteren Bevölkerungsschichten bis zum Solidarkatalog für Unternehmen – in Weiz wurden und werden eine Vielzahl von Projekten umgesetzt. Nicht zuletzt deshalb konnten Arbeitsplätze – auch in Krisenzeiten – geschaffen und gesichert werden. Das zeigen auch die verhältnismäßig niedrigen Arbeitslosenzahlen der Region.

Eines der zahlreichen Projekte der Solidarregion Weiz betrifft die Direktvermarktung von regional erzeugten Lebensmitteln. „Ich habe recherchiert, dass österreichweit nur maximal zwei bis vier Prozent der benötigten Lebensmittel von regionalen Betrieben geliefert werden. Das war auch in Weiz so. In diesem Zusammenhang ist mir irgendwann klar geworden, dass sich unsere Region im Krisenfall nicht selber mit Lebensmitteln versorgen könnte, obwohl es hier so viel Agrarwirtschaft gibt. Nach kurzer Zeit würden die Supermärkte ausverkauft sein und es wäre nichts mehr zu essen da! Diese Einsicht hat mich sehr schockiert“, erzählt Maria Hirschböck, die sich im Arbeitskreis auf regionale Lebensmittelversorgung spezialisiert hat.

Doch nicht nur im Hinblick auf das Worst-Case-Szenarium möchte man gerüstet sein. Vor allem geht es darum, ein stabiles Einkommen vor Ort zu schaffen und einen Beitrag zum Umweltschutz zu leisten. Ebenso soll durch die vermehrte regionale Lebensmittelproduktion altes Saatgut erhalten und historisches Wissen zurück gewonnen werden.

Eine der Traditionen, die wieder zum Leben erweckt wurde und auch von der Solidarregion Weiz unterstützt wird, ist die Herstellung von Grubenkraut. Dabei handelt es sich um eine alte Methode zur Konservierung von Kohl aus der östlichen Steiermark, deren Wurzeln bis ins 15. Jahrhundert zurückreichen. Ein weiteres Beispiel zur Förderung der regionalen Lebensmittelversorgung im steirischen Weiz ist der regionale Marktführer, der von der Lebensmittel-Erzeuger-Verbraucher-Initiative, LEVI, entwickelt wurde und mittlerweile auch online abzurufen ist. Auf einer Regionalkarte sind alle Lebensmittelerzeuger und deren Produktpalette sowie die verschiedenen Verkaufsstellen aufgelistet. Der Marktführer schafft Überblick, gleichzeitig informiert er und erleichtert den KonsumentInnen somit den Kauf von heimischen Produkten.

Neben der Landwirtschaft bemüht sich die Solidarregion Weiz um die Einbindung von industriellen Betrieben aus der Region. Zu diesem Zweck hat die Initiative in Zusammenarbeit mit UnternehmerInnen einen so genannten Solidarkatalog erstellt. Dabei handelt es sich um ein freiwilliges nachhaltiges Handlungskonzept, dessen Kriterien über gesetzlich verankerte Regelungen hinausgehen. Betriebe werden motiviert, soziale und ökologische Standards einzuhalten und verstärkt gesellschaftspolitische Verantwortung in der Region zu übernehmen.

Ein Unternehmen, das sich der Weizer Initiative angeschlossen hat und im Jahr 2009 als Solidarbetrieb ausgezeichnet wurde, ist die Firma Binder & Co. Vorstandsmitglied Karl Grabner ist stolz auf die Auszeichnung der Solidarregion Weiz und unterstreicht im Gespräch mit Südwind, wie wichtig es für Betriebe ist, in das regionale Geschehen eingebunden zu sein, sei es aus sozialen, ökonomischen oder ökologischen Gründen. Die Firma Binder & Co etwa arbeitet zum Wissensaustausch bei technischen Projekten mit einer HTL aus der Umgebung zusammen und ermöglicht es den Schülern, praktische Erfahrungen zu sammeln. Und die Fertigungshalle des Unternehmens wurde schon zum Proberaum für die örtliche Blasmusik umfunktioniert, weil andere Räumlichkeiten fehlten. Herr Grabner: „Man hilft doch gerne, wenn man kann. Es geht mir hier nicht um Berechnung, aber ich weiß, dass es zurückkommt – schließlich ist doch alles ein Kreislauf.“

Zusätzlich zu den Projekten in der eigenen Region engagiert man sich in Weiz auch in der Entwicklungszusammenarbeit. „Wir wollen auch über den eigenen Tellerrand hinausschauen und den Schwächeren helfen“, erzählt Bezirkshauptmann Rüdiger Taus. Mit der Initiative „Ein Euro gegen Folter“ unterstützt die Region Weiz seit 2006 ein Projekt von Günther Zgubic, der nach seiner Zeit als Kaplan in Weiz 1988 nach Brasilien ging, wo er als Gefängnisseelsorger tätig ist. Die Idee zur Aktion ist einfach und zugleich verblüffend: Pro Einwohner und Einwohnerin der 54 Gemeinden des Bezirks Weiz wird einmal im Jahr ein Euro abgegeben, in Summe ergibt das rund 80.000 Euro. Davon geht eine Hälfte an bedürftige Menschen der Region und die andere nach Brasilien zu Kaplan Zgubic.

Ein weiteres Thema, dem sich einige Mitglieder der Weizer Gruppe verstärkt widmen, ist das globale Finanzsystem. Im Grundsatzartikel, der auf der Website der Solidarregion Weiz zu finden ist, schildert der Theologe Fery Berger, Leiter und Koordinator der Initiative, dass der weltweite freie Kapitalverkehr und die Finanzspekulationen zu den Hauptgründen der ungerechten globalen Verteilung von Wohlstand zählen. Es sei dringend nötig, in diesem Bereich alternative Konzepte zu entwickeln. Denn um weltweite Armut und Arbeitslosigkeit in den Griff zu bekommen, kommt man nicht umhin, eine Trendwende in der Entwicklung des globalen Finanzsystems voranzutreiben. Dazu Fery Berger: „Eine Neuorientierung und Restrukturierung des internationalen Finanzmarktes käme einer Wurzelbehandlung des Problems gleich.“ Lösungsvorschläge auf diesem Gebiet hat eine interdisziplinäre Gruppe unter dem Dach von Attac Österreich in Zusammenhang mit dem Aufbau der „Demokratischen Bank“ erarbeitet. Bei der Erstellung des Arbeitspapiers waren auch einige Mitglieder des Leitungsteams der steirischen Solidarregion dabei.

Die Solidarregion Weiz ist ein vorbildliches Beispiel, wie man mit Mut, Offenheit und viel Herz neue Wege in der Globalisierung gehen kann. Natürlich ergeben sich auch in Weiz immer wieder Schwierigkeiten bei der Arbeit. Auch wenn Hilfestellung und Kooperationsmöglichkeiten von der Arbeitsgruppe angeboten werden, bleibt die Nachfrage schon mal aus. „Vor allem deshalb, weil die Überzeugung für alternative Modelle und die Motivation zur Zusammenarbeit bei Konsumenten und Produzenten der Region vielerorts noch nicht vorhanden sind“, wie Maria Hirschböck im Bezug auf Projekte zur regionalen Lebensmittelversorgung bestätigt. Dennoch, die zahlreichen Mitglieder der Weizer Gruppe beweisen durch ihren ehrenamtlichen Einsatz, dass neue wirtschaftliche Konzepte durchaus umsetzbar sind und dass auch auf kleinster Ebene zahlreiche Möglichkeiten bestehen, um das Phänomen Globalisierung mitzugestalten. Denn wir stehen diesem weltumspannenden Prozess auf keinen Fall machtlos gegenüber. Besonders wenn Menschen ihre Kräfte bündeln, sich vernetzen und solidarisch zusammenarbeiten, besteht die Chance, scheinbar nicht zu bewältigende Probleme in lösbare Herausforderungen umzuwandeln.


Weitere Infos auf www.solidarregion.at und www.demokratische-bank.at

Martina Weinbacher hat Wirtschaftswissenschaften studiert und sich auf die Themen nachhaltige Entwicklung und Entwicklungszusammenarbeit spezialisiert. Sie arbeitet derzeit als freie Journalistin und engagiert sich für ein von ihr organisiertes Projekt im ecuadorianischen Amazonas, wo sie mit Shuar-Indigenen zusammenarbeitet.

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