Werner Leiss hört sich um

Zeiten, Zeichen, Blaskapelle

Hubert von Goisern kann nicht nur Bücher schreiben. Dazu eine deftige Portion Brass und archaisch anmutende Stimmen aus Russland.

Nach dem Erscheinen seines Debüt-Romans „Flüchtig“ schiebt Hubert Achleitner gleich ein opulentes Album nach: „Zeiten und Zeichen“ ist stilistisch vielfältig und textlich so kritisch wie Goisern nur sein kann. Gleich zu Beginn schon ein Trip-Hop-gefärbtes „Freunde“. Es thematisiert das Schicksal des Operettentexters Fritz Löhner-Beda, der im KZ von den Nazis ermordet wurde. Er schrieb die Texte für die Operetten Franz Lehárs, aber der konnte scheinbar nichts für ihn tun, obwohl ihn Hitler sehr verehrte.

Mehrere Lieder thematisieren die Dummheit, die Ignoranz und den Zynismus. Aber da gibt es auch die zarten Liebeslieder und ganz am Rande auch Volksmusik wie einen Jodler. Oder einen Blues. Es ist ein Album mit vielen Themen und Genres. Ein paar Nummern gereichen gar zum Schmunzeln. Goisern scheint ganz bei sich gewesen zu sein. Er schreibt auch davon, während der Endproduktion, es war die Zeit des Shutdowns, sehr kontemplativ mit einer Amsel kommuniziert zu haben. Kommuniziert hat er auch mit einer langen Liste von Musikern, sowohl der Goisern-Band als auch einem Streichensemble und etlichen GastmusikerInnen.

Balkan & Oaxaca. Lauter wird es dann gleich mit Oaxaca-Balkan-Second-Line-Brass-Musik, geboten vom Sextett Los Rurales. Eine verblüffende, zumindest erstaunliche Mischung, würde man meinen. Allerdings existiert zwischen der Musik aus der mexikanischen Provinz Oaxaca, aus der fünf der sechs Bandmitglieder stammen, und Balkan Brass eine starke Ähnlichkeit.

Eine fast identische Instrumentierung sowie der Erfolg von Emir Kusturicas Film „Underground“ mit Goran Bregovićs Musik in Mexiko (angetrieben durch gemeinsame Konzerte mit Musikern aus Oaxaca) machten Balkan Brass im ganzen Land bekannt, schließlich liegt das Instrumentarium der Second Line-Blaskapellenparaden aus New Orleans nicht so weit entfernt.

Mordwinien ruft. Die Gesangsgruppe Merema wiederum hat eine Mission: Sie will die aussterbenden Sprachen ihrer Heimat Mordwinien retten. Die kennen auch nicht alle. Sie liegt im europäischen Teil der russischen Föderation und ist ein bisschen größer als Niederösterreich mitsamt dem Burgenland, zwischen Moskau und der Wolga gelegen.

Das derzeit sechsköpfige Folk-Ensemble um Ekaterina Modina bezeichnet Merema inzwischen als „ethnographisches Folklore-Studio“: Die Mitglieder betreiben Feldstudien in den mordwinischen Dörfern und wollen so die Traditionen ihrer Heimatregion bewahren. Das Album nennt sich „Kezeren Koiht“ und ist absolut empfehlenswert.

Werner Leiss ist Musikkritiker des Südwind-Magazins und Redakteur von Concerto, Österreichs Musikmagazin für Jazz, Blues und Worldmusic.

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