Ziemlich beste Freunde

Die Koreanerin Lee Ok-Seon wurde im Zweiten Weltkrieg vom japanischen Militär sexuell versklavt. Heute ist ihr bester Freund ausgerechnet ein Japaner.

Von Sven Hansen
Eine ungewöhnliche Freundschaft verbindet die Südkoreanerin Lee Ok-Seon mit dem Japaner Tsukasa Yajima.

"Wenn wir miteinander telefonieren, machen wir das heimlich“, sagt Lee Ok-Seon über ihr Verhältnis zum 42-jährigen Tsukasa Yajima. Die 86-jährige Südkoreanerin lebt nahe der Hauptstadt Seoul im „Haus des Teilens“, einem Heim – samt Museum – für frühere Zwangsprostituierte der japanischen Armee. „Die anderen Frauen sprechen schlecht über Mario, deshalb sage ich nicht, wenn wir Kontakt haben“, erklärt Lee, die Yajima beim Spitznamen nennt. „Mario ist kein böser Mensch. Aber da er nicht mehr bei uns lebt, sagen die anderen, er sei böse.“ Die Heimleiterin sagt nur: „Die anderen Frauen sind eifersüchtig auf Lee.“

Yajima wuchs nordwestlich von Tokio auf und war Fotograf für Japans liberale Tageszeitung Asahi Shimbun. Von 2003 bis 2006 lebte er im „Haus des Teilens“ mit den koreanischen Greisinnen, die der Generation seiner Großväter als Sexsklavinnen dienen mussten.

Die Opfer schwiegen aus Scham jahrzehntelang. Erst 1991 wagten sich die ersten an die Öffentlichkeit. Bis heute fordern sie von Japans Regierung die Anerkennung ihrer Leiden und eine aufrichtige Entschuldigung. Tokio leugnete die Verbrechen zunächst. Den so genannten „Trostfrauen“ wurde die Schuld an ihrem Schicksal zugewiesen. Als die Beweislast zu drückend wurde, kam 1994 vom damaligen Ministerpräsident Tomiichi Murayama eine halbherzige Entschuldigung. Er wollte die Verantwortung des Staates durch einen privaten Entschädigungsfonds relativieren. Die Opfer lehnten ab. Murayamas Nachfolger ignorieren Japans Verantwortung bis heute.

„In der Schule habe ich nichts über den Zweiten Weltkrieg gelernt außer Hiroshima und Nagasaki“, sagt Yajima. Sein Vater, ein Polizist, las revisionistische Bücher. „Wir haben über Politik gestritten, bis sich meine Mutter das verbeten hat.“ Erst an der Uni erfuhr Yajima durch asiatische Kommilitonen von Japans Kriegsverbrechen. „Seitdem interessiert mich das Thema“, sagt er. „Mein Großvater war Soldat in China. Ich habe ihn oft gefragt, was er von den Militärbordellen wusste. Er wollte nie antworten.“

2000 besuchte Yajima erstmals das „Haus des Teilens“. 2002 reiste er wieder nach Südkorea. „Ich traf Mario bei einer Mittwochs-Demo“, erinnert sich Lee. Seit 1992 demonstrieren frühere „Trostfrauen“ jeden Mittwoch vor Japans Botschaft in Seoul – bisher mehr als 1.100 Mal. Yajima wollte ihr Leben dokumentieren und erfuhr, dass im „Haus des Teilens“ jemand zur Betreuung japanischer BesucherInnen gesucht wurde. Yajima bekam den Job: „Erst fotografierte ich den Alltag der Frauen, dann begann ich mit Porträts und verbrachte viel Zeit mit ihnen allein.“

Oft übersetzte Yajima Lees Geschichte. Sie war als 15-Jährige aus der Stadt Ulsan im Süden Koreas in ein Militärbordell in der Mandschurei verschleppt worden. Obwohl sie nie eine Schule besucht hat, spreche sie politischer als andere, sagt er. „Sie wird nicht so emotional. Das ist wichtig für Japaner. Die schrecken sonst zurück.“

Lee sagt: „Ich hatte zunächst kein gutes Gefühl, mit Mario nach Japan zu fliegen. Aber ich wollte das Unrecht bezeugen.“ Lee war erst im Jahr 2000 aus China nach Südkorea zurückgekehrt. In diesem Jahr war ihr Mann gestorben, dem sie nie von ihrer Versklavung erzählt hatte. „Nach der Befreiung vom Kolonialismus 1945 musste ich betteln“, berichtet Lee. Geschlechtskrankheiten machten sie unfruchtbar, ihre Gebärmutter wurde entfernt. „Später heiratete ich einen Mann, dessen Frau gestorben war.“

Die Reaktion des japanischen Staats empört Lee: „Japan behauptet, wir gingen freiwillig, um Geld zu verdienen.“ Doch die „Troststationen“ seien „Menschenschlachthöfe“ gewesen. Die Frauen töteten sich selbst oder wurden von ihren Peinigern verletzt oder ermordet. Auch Lee hat eine Narbe. „Nicht wir Frauen sollten uns schämen, sondern die Japaner, die uns das angetan haben.“

„Ich wurde Lees Vertrauensperson“, sagt Yajima. Ihn beeindruckt ihr starker Wille. So habe Lee ihn gebeten, ihr wieder Japanisch beizubringen, damit sie ohne Dolmetscher berichten könne. Während der Kolonialzeit hatten KoreanerInnen nur Japanisch sprechen dürfen. Yajima lehnte ihren Wunsch zunächst ab. Doch Lee setzte sich durch.

In Japan wird er für die Freundschaft angefeindet: „Zufällig traf ich meinen Cousin. Er beschimpfte mich als Volksverräter.‘“

Kürzlich begleitete Yajima Lee nach Deutschland, wo sie Vorträge hielt und viele Interviews gab. „Es nützt nicht viel, wenn wir vor Japans Botschaft in Seoul unsere Fäuste recken“, sagt sie. „Es ist hilfreicher, wenn Journalisten über uns berichten.“ Mario könne sie alles erzählen. Ihre Scherze zeigen, dass er für sie mehr ist als ein Unterstützer: „Du hast mir doch versprochen, mich zu heiraten“, wirft sie ihm mit gespielter Entrüstung vor. „Doch dann hast du eine Deutsche geheiratet!“ Yajima rollt mit den Augen.

Sven Hansen ist Redakteur für die Region Asien-Pazifik bei der „tageszeitung“ (taz) in Berlin. Im September traf er Lee in Berlin.

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