„Zugang allein verändert nichts“

Von Redaktion ·

Verringert oder verschärft das Internet die Kluft zwischen Nord und Süd? Dieser Frage geht die Soziologin Hanna Hacker in ihrem kürzlich erschienenen Buch nach. Mit ihr sprach Südwind-Redakteurin Irmgard Kirchner.

Südwind: Haben die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien das Potenzial, so etwas wie eine globale Solidarität zu schaffen?
Hanna Hacker:
Die Hoffnungen, die man in NICTs setzt, sind manchmal sehr groß und idealistisch. Es gibt die Position, dass jetzt ganz viele neue Möglichkeiten für Informationsaustausch oder politische Bündnisse existieren. Andere Positionen halten diesen Optimismus für eine Falle, eine strategische Behauptung beispielsweise von Konzernen, die am Einsatz und Ausbau dieser Technologien verdienen.
Ich selbst betrachte es schon als eine Neuentwicklung, dass das Internet zugänglich und mitgestaltbar ist – auch von Gruppen, die bislang sehr wenig weltweit über sich sprechen konnten. Die Vorstellung, dass die NICTs Zerrissenheiten heilen, Klüfte überbrücken oder Gerechtigkeit herstellen, die es bislang nicht gab, halte ich für überzogen.
Für mich war es spannend zu sehen, dass viele Initiativen und Netzwerke in afrikanischen Ländern viel kompetenter und ideenreicher mit den NICTs verfahren als zum Beispiel einige meiner GesprächspartnerInnen in Österreich, die in der Entwicklungsszenerie tätig sind.

Welchen Eindruck haben Sie von den entsprechenden Akteurinnen und Akteuren in Österreich bekommen?
Die strategischen Überlegungen der staatlichen Entwicklungszusammenarbeit fand ich zu meiner Überraschung reflektierter und fundierter als das, was ich an Positionspapieren der Nichtregierungsorganisationen im Entwicklungsbereich kennen gelernt habe.

Sie kommen zu dem Ergebnis, dass neue Technologien neue Minderheiten schaffen.
Neue Technologien schaffen neue Minderheiten im Sinne von Benachteiligungen: Gruppen, die noch mehr abgeschnitten werden von dem, was globale Modernisierung ist oder sein soll. Das sind Frauen in ländlichen Gebieten in Ländern der so genannten Dritten Welt. Zu den Gewinnern zählen natürlich weiße westliche Männer.
Es geht auch um Minderheiten im Sinne von sozialen Gruppierungen, die nicht unbedingt neu entstehen, sich aber auf neue Weise selbst artikulieren oder von Seiten politischer Akteurinnen und Akteure definiert werden. Mein Eindruck ist, dass die NICTs stark dazu beitragen, Jugendliche und Jugend als eine neue, auf besondere Weise sichtbare Gruppierung zu definieren. Ebenso zeichnet sich ein verstärktes Augenmerk auf Menschen mit Behinderungen ab.

Sie kritisieren, dass es in der Entwicklungszusammenarbeit meist nur darum geht, Zugang zum Internet zu schaffen.
Ich finde es ganz wichtig, nicht in diese Zugangs- und Versorgungsrhetorik zu verfallen, wie gut es auch gemeint sein mag. Zugang allein ändert nichts an globalen Ungleichheitsverhältnissen. Grundsätzlich ist mir aufgefallen, dass in den Reden und Stellungnahmen auch sehr kritischer Menschen Information und Informationsgesellschaft per se als etwas Positives gesehen werden. Das ist so, als würden wir Industriegesellschaft per se als wunderbar definieren.

Wie wird die Ungleichheit im Netz in Ländern der so genannten Dritten Welt reflektiert?
Ich würde sagen, massiver, aber nicht unbedingt kritischer oder pessimistischer als bei uns. Es herrscht ein gewisser Optimismus hinsichtlich der Möglichkeiten, die das Netz eröffnet. Auf dem afrikanischen Kontinent ist die postkoloniale Situation ja sehr präsent. Bei NICT-AkteurInnen fällt eine starke Bezugnahme auf Open-Source-Software auf, zum Beispiel, eine selbstverständlichere Politik dazu als in vielen westlichen Ländern. In vielen politischen Aktionen, Vernetzungen und Bildungsprojekten geht es um Befreiung und politisches Selbstverständnis, und dabei sehr oft in einem betont panafrikanischen Ansatz.

Werden NICTs in Afrika kulturell speziell konsumiert?
Es gibt eine kollektivere Nutzung der NICTs, in so genannten Telecentern oder Cybercafés.
Untersuchungen zeigen, dass lokale Eliten, die Beamtenschaft, traditionelle Würdenträger und spirituelle Ratgeber sehr schnell die Online-Kommunikation für sich genutzt haben. Das hat allerdings nichts an den Hierarchien verändert.
Andere Studien wiederum sprechen eher davon, dass in den Familien elterliche Autorität dadurch ein Stück weit aufgebrochen wird, dass die Kids das Internet benutzen.

Das Buch „Norden. Süden. Cyperspace. Text und Technik gegen die Ungleichheit“ ist im Promedia Verlag in Wien erschienen. Siehe Rezension auf Seite 38.

Hanna Hacker, Dozentin für Soziologie, beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit Cultural und Postcolonial Studies aus feministischer und queerer Perspektive.
In ihrer neuesten Forschungsarbeit setzt sie sich kritisch mit den Neuen Informations- und Kommunikationstechnologien (NICTs) und ihrem Einsatz in der Entwicklungszusammenarbeit auseinander.

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