Zukunft - Ein offenes Geheimnis

Von Franz M. Wimmer
Als der tschechische Schriftsteller Adolf Hoffmeister vor gut vierzig Jahren nach Japan fuhr, bemerkte er in seiner Beschreibung dieser Reise: „Wir reisen eigentlich nicht durch die Welt, sondern mitten durch die Zeit. Es gibt Menschen, die in der Zukunft leben, andere leben in der Gegenwart, wieder andere in der Vergangenheit, manchmal sogar in der vorsintflutlichen Vergangenheit.“ Eine einflussreiche Richtung der Ethnologie, der „Evolutionismus“, würde dem beistimmen und die Sache noch verdeutlichen: Seine VertreterInnen sahen in der eigenen Gesellschaft „das Modell, anhand dessen sie alle übrigen Kulturen entlang einer Zeitachse anordnen zu können glaubten“, wie der Ethnologe Karl-Heinz Kohl schreibt. Die anderen, die heute nach anderen Maßstäben leben als wir, sind in dieser Sicht objektiv gestrig. Die Gegenwart der Einen ist die Zukunft der Anderen – und irgendwo gibt es diejenigen, für die alle jene in der Vergangenheit leben, die anders leben als sie.
Die Ethnologie ist in diesem Punkt skeptisch geworden, aber ansonsten lebt das Bild recht kräftig. Es besagt: Wir kommen von einem Anfang her und entwickeln uns immer weiter. Es gibt einen Fortschritt in dieser Entwicklung und es gibt ein Ziel. Wer schon weiter ist als andere, hat das Recht und die Pflicht, sich durchzusetzen. Das Bild lässt sich als Pfeil zeichnen. Dieser Pfeil hat einen Schnitt im Jetzt, bis zu dem die Vergangenheit reicht, ab dem die Zukunft beginnt. An diesem Schnittpunkt endet aber auch eine Zukunft, die vergangene. Die Vergangenheit ist mehr oder weniger bekannt, die Zukunft ist ihre Fortsetzung. Der Pfeil ab dem Jetzt kann ins Endlose gedacht werden oder auch nur bis zu einem bestimmten Punkt, einem Ende der Geschichte.

Diese Sichtweise hat Wurzeln in vielen Religionen. Die Gläubigen versammeln sich am erwählten Ort. Sie erwarten den, der da wiederkommt: Quetzalcoatl, Maitreya Buddha, Christus oder den Mahdi. Die Welt wird nicht mehr sein, wie sie war. Der Pfeil hat sein Ziel erreicht. Sie erwarten ihn in Tenochtitlan, am Verbotenen Berg, am Berg Zion oder in Jerusalem. Von den großen religiösen Systemen hat nur der Konfuzianismus keinen eschatologischen Mythos entwickelt, keine Lehre von „den letzten Dingen“.
Es gibt ein anderes Bild, das des Kreises. Nietzsches These von der „ewigen Wiederkehr des Gleichen“ ist eine Variante davon; ebenso die indischen Reflexionen über „kalpas“ und „yugas“, die Wiederholung von Schöpfungen und Zerstörungen in kosmischen Zeiträumen; die Geschichte chinesischer Dynastien wurde in Zyklen dargestellt; in der griechischen Philosophie sprach Platon von dem „Großen Jahr“, nach dem diese Welt untergeht und eine neue entsteht usw. Zyklen finden sich in der Astronomie, in der Biologie, in der Ökonomie. Zukunft in einem Zyklus ist immer auch Vergangenheit und umgekehrt. Jedem Punkt in einem Kreis liegen andere Punkte vorauf, es gibt keinen absoluten Anfang, wie es auch kein Ende gibt. Jeder zukünftige Augenblick ist schon einmal da gewesen.
Es gibt auch das Bild der Spirale, das die beiden anderen vereint: Die Geschichte geht voran, aber mit Rückläufen und Wiederholungen. Auch das kann man zeichnen und sieht dann etwas Merkwürdiges – dass nämlich der Blick aus der Zukunft auf die Vergangenheit immer wieder aus einem anderen Winkel geschieht. Dass eine Vergangenheit aus der Zukunft gesehen anders sein wird als die gleiche Vergangenheit aus der Gegenwart gesehen. Weil das aber immer wieder so sein wird, erübrigt sich die Frage nach dem endgültigen Blickwinkel: Es gibt ihn nicht.
Die drei Dimensionen Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft sind nicht selbstverständlich. Schon die bloße Vorstellung von einer „Zukunft“, jedenfalls von einer entfernten Zukunft, stellt eine kulturelle Leistung dar, die anscheinend nicht in allen menschlichen Gesellschaften erbracht wurde. Im 20. Jahrhundert, als die Frage nach afrikanischer Philosophie diskutiert wurde, hat man „kaum einem inhaltlichen Problem mehr Zeit gewidmet“ als dem Problem der Zeit – und da wiederum der Frage, ob und wie weit im traditionellen Denken afrikanischer Gesellschaften das Konzept einer Zukunft überhaupt entwickelt worden sei, wie der Philosoph Kwasi Wiredu feststellt.
Wie immer wir aber die Zeit im Ganzen sehen, Georg Christoph Lichtenberg, deutscher Physiker des 18. Jahrhunderts, dürfte jedenfalls recht gehabt haben, wenn er sagte: „Der Mensch, der an drei Stellen lebt, im Vergangenen, im Gegenwärtigen und in der Zukunft, kann unglücklich sein, wenn eine von diesen Dreien nichts taugt.“

Ein alter Traum ist es, die Zukunft zu kennen, und vielfältig sind die Wege, die dazu begangen worden sind. Ich übergehe jetzt Astrologie und Orakel. In Utopien wird Zukunft entworfen und es fällt auf, dass das deutsche Wort „Zukunft“ eine Geschichte hinter sich hat, die von einer räumlichen Bedeutung – wir sagen heute „Ankunft“ oder „Herkunft“ – zur zeitlichen ging. Auch Utopia lag zunächst in der Ferne im unentdeckten Ozean, aber es existierte jetzt. Alle seine Wissenschaften und Vernünftigkeiten waren bekannt, sie waren nur eben in den Ländern der Menschen nicht leitend. So blieb das Land Utopia lange Zeit: Jemand kann dorthin kommen und von dort auch wieder zurückkehren. Später liegt das Land der Träume oder der Albträume oft in der Zukunft: Die „sozialistischen“ Utopien entwerfen das, aber auch Mary Shelley, deren „Frankenstein“ zugleich eine der ersten „schwarzen“ Utopien ist. Utopia ist hier; es ist mehr oder weniger weit weg in der Zeit.
Die Ferne im Raum und die Ferne in der Zeit verschwimmen in Utopien des vergangenen Jahrhunderts: In der „Star Wars Saga“, bei Stanislaw Lem und Doris Lessing ist das Weltall der Ort des Utopischen. Menschlich-irdischer Raum, menschliche Vergangenheit und Zukunft spielen keine große Rolle mehr. In Lems „Solaris“ kommt es sogar zu einem Experiment, um herauszufinden, ob es das Jetzt und das Dann überhaupt gibt.
Eine utopische Miniatur des 21. Jahrhunderts geht scheinbar wieder ganz zurück: Der Ort ist wieder eine Insel im Pazifik, die Zeit unbestimmt, könnte aber nicht weit weg vor uns liegen. Nur die Akteure sind neu, Schöpfungen der Wissenschaft: Cyborgs. In dieser Episode des Romans „Furie“ von Salman Rushdie beginnt die Geschichte noch einmal mit Wesen, denen ihr Erschaffer weitgehende Unbestimmtheit mitgegeben hat. Das kostet ihn zwar die Herrschaft, aber er könnte es getan haben, um zu sehen, wie nun diese neuen Lebensformen den ewigen Kampf zwischen Licht und Dunkel, Hirn und Herz, Geist und Materie bewältigen würden. Sie tun es nach alten Mustern, mit denen auch schon die alten Propheten gerechnet haben.
Diese sind zwar nicht immer leicht zu verstehen und widersprechen einander, aber man muss ja nur auf die richtigen achten. „Höre auf die wahren Propheten“, rät mir Ibn Khaldun, der große arabische Historiker und Geschichtsphilosoph des Mittelalters: „Sie wissen um die Zukunft wie die Bienen um den Wabenbau.“ Und er meint, diese echten Propheten seien auch klar zu erkennen.
Friedrich von Schlegel hätte ihm wohl zugestimmt, aber er hätte eine janusköpfige Wissenschaft an die Stelle der alten Prophetien gerückt, denn für ihn ist der „Historiker … ein rückwärts gekehrter Prophet“. Und Lord Byron, ein Romantiker auch er, fügt hinzu: „Der beste Prophet der Zukunft ist die Vergangenheit.“ Da wir die Vergangenheit kennen, können wir auch über die Zukunft Bescheid wissen. In einem Gedicht des 20. Jahrhunderts „Über Geschichte“ lauten die beiden letzten Zeilen, nachdem der ewige Kampf um Recht und Gerechtigkeit skizziert ist: „Das Lied ist nicht zu Ende / Wenn im Osten anbricht der Tag.“ Es stammt von Mao Zedong und drückt entschlossene Hoffnung aus: Weil er die Geschichte kennt, will er die Zukunft gestalten.
Die marxistische „Gesellschaftsprognose“ und die nichtmarxistische „Futurologie“ sollten Prophetismus, Wahrsagerei und Utopismus auf wissenschaftliche Weise überwinden. Erstere, indem sie die „Bestimmung, Entscheidung und Lösung aller heutigen Aufgaben“ in Angriff nahm, allerdings „vom prognostisch fixierten Ziel der entwickelten sozialistischen Gesellschaft her“; zweitere, indem technische, wirtschaftliche und soziale Trends in komplexen Modellen hochgerechnet wurden. Trotz einiger Erfolge ist die Zukunft in den meisten Fragen ein Geheimnis geblieben.


Das neueste Buch des Autors: Globalität und Philosophie: Studien zur Interkulturalität. Verlag Turia + Kant, Wien 2003.

Franz M. Wimmer lehrt an der Universität Wien mit dem Forschungsschwerpunkt interkulturelle Philosophie.

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