Zum Leben erweckter Fluß

Eigentlich ist Indien ein wasserreiches Land. Dennoch steht der Subkontinent vor einer schweren Wasserkrise. Einen Ausweg bietet die Besinnung auf alte Techniken, die im Bezirk Alwar mit Erfolg wiederbelebt werden.

Von Christian Brüser
"Auch unsere Frauen sind jetzt viel glücklicher! Sie brauchen das Wasser nicht mehr von weither zu holen und haben mehr Zeit für die Kinder und Gemeinschaftsaktivitäten." Rudmal Mina, Bauer aus dem Dorf Hamirpur, ist stolz auf die Veränderungen in seinem Dorf. "Früher", erinnert er sich, "gab es im ganzen Dorf kein Trinkwasser, und auf den Feldern wuchs fast nichts". Drei Viertel der jungen Männer mußten sich in den großen Städten Arbeit suchen, im 200 Kilometer entfernten Delhi, in Jaipur oder Ahmedabad.

"Früher" - das war vor 1985, als Tarun Bharat Sangh (TBS - Vereinigung Junges Indien) begonnen hat, im Bezirk Alwar zu arbeiten.

Der Bezirk im nordöstlichen Teil des Bundesstaats Rajasthan war damals in den Karten der Wasserbehörde schwarz eingezeichnet: Das bedeutet: extreme Wasserknappheit. Die meisten Brunnen waren vertrocknet, und der Grundwasserspiegel sank Jahr für Jahr. Von den kahlen Hängen der Arawalli-Berge floß der Monsunregen ungehindert ab, spülte die fruchtbare Erde fort und Steine auf die Felder. Dabei waren die Arawalli-Berge bis in die dreißiger Jahre noch dichtbewaldet.

Der Bezirk Alwar erhält 60 Zentimeter Niederschlag im Jahr, davon fast 90% in den drei Monsunmonaten Juli bis September. 60 Zentimeter sind zwar nicht genug für eine intensive Landwirtschaft, doch die Menschen konnten von ihren Feldern, sowie von dem Weideland und den Wäldern, die gemeinschaftlich genutzt wurden, jahrhundertelang gut leben.

Die Nutzung der Dorfwälder und -weiden war klar geregelt. Manche Wälder durften zu bestimmten Zwecken immer genutzt werden, manche nur in Zeiten der Dürre und die heiligen Haine waren selbst dann tabu. Auf diese Weise blieb das ökologische Gleichgewicht über die Jahrhunderte gewahrt.

Doch unter dem Druck der britischen Kolonialmacht änderten die Herrscher von Alwar 1888 und erneut 1938 die Forstgesetzgebung. Die Kontrolle über den Wald ging von den DorfbewohnerInnen auf die Großgrundbesitzer über, die damit den Wald kommerziell nutzen konnten. Die Ausbeutung der Wälder begann.

In den vierziger Jahren übernahm schließlich die Forstbehörde des damaligen Fürstentums Alwar die Verwaltung der Wälder und versetzte dem empfindlichen Ökosystem bald den Todesstoß. Der Fürst ahnte nämlich, daß mit Indiens Unabhängigkeit auch seine Macht vorbei sein werde und verkaufte Einschlaglizenzen an Holzhändler, die die Wälder rücksichtslos plünderten. 1947 wurde Alwar Teil der Republik Indien, doch die Bürokraten, die die Macht vom Fürsten übernahmen, taten nichts, um die Schäden zu beheben.

Als Rajendra Singh, der Leiter von TBS, 1985 in die Gegend kam, gaben ihm die alten DorfbewohnerInnen einen Rat. "Wenn ihr für unsere Gegend etwas tun wollt, dann kümmert euch darum, daß das Wasser gespeichert wird!" Sie erinnerten sich an die Johads. Das sind kleine Staudämme aus Steinen und Erde. In der Regel sind sie zwei bis drei Meter hoch. Die Länge und Form variiert je nach der Geländebeschaffenheit. Manchmal sind es 30 Meter lange, hufeisenförmige Dämme an einem Hang, manchmal mehrere hundert Meter lange, gerade Dämme in einem Tal.

Ihre Funktion ist immer dieselbe: In ihnen wird der Monsunregen aufgefangen und am schnellen Abfließen gehindert. Das Wasser versickert nach und nach - über Wochen und Monate - im Erdreich. Die Bodenfeuchtigkeit steigt dadurch stark an und gleichzeitig wird das Grundwasser gespeist.

Die Johads waren früher heiliger als die Tempel, und die wichtigsten Riten, wie Initiation oder Hochzeit wurden nicht im Tempel, sondern beim Johad abgehalten.

Mit der Unterstützung von TBS bauten die BewohnerInnen des Dorfes Gopalpur 1986 nach Jahrzehnten wieder den ersten Johad. Bereits nach dem ersten Monsun war die Wirkung zu spüren. Die Brunnen führten wieder Wasser. Die Kunde davon verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Dorf um Dorf bat TBS um Unterstützung beim Bau von Johads.

Die Hilfe von TBS beschränkt sich dabei auf ein Minimum. In der Dorfversammlung (gram sabha), einer informellen Institution, bei der jede Familie eine Stimme hat, wird alles gemeinsam und einstimmig beschlossen.

Jede Familie muß ihren Beitrag an Material und Arbeitsleistung stellen. TBS, die ihre Mittel von ausländischen Gebern erhält, kommt nur für die Kosten von bezahlten Facharbeitern, Zement und Diesel sowie die Leihgebühr für Maschinen auf. Von 150 Millionen Rupien (umgerechnet ca. 57 Mio. öS) Schilling), die in 13 Jahren für den Bau von über 3000 Johads ausgegeben wurden, kamen 110 Millionen in Form von Baumaterial und Arbeitsleistung von den DorfbewohnerInnen. Bei manchen Projekten lag der Eigenanteil der DorfbewohnerInnen sogar bei 90%.

Für diese dennoch eine lohnende Investition. Überall ist der Grundwasserspiegel sehr stark angestiegen, und das bedeutet: bis zu zehnmal höhere Ernten, gesündere Menschen, gesünderes Vieh, weniger Zeitaufwand fürs Wasserholen, und geringere Kosten der Bewässerung. Natur und Wirtschaft blühen auf und damit auch das soziale Leben. Die Männer finden wieder in ihren Dörfern Arbeit und Einkommen.

Für Rajendra Singh, der letztes Jahr vom indischen Wochenmagazin "The Week" zum "Mann des Jahres" gekürt wurde, ist es entscheidend, den DorfbewohnerInnen Selbstvertrauen zurückzugeben, ihnen zu vermitteln, daß sie selbst die Möglichkeit, die Fähigkeiten und das Wissen haben, ihre Probleme zu lösen. Und daß sie nicht mehr vergeblich auf die Hilfe der Regierung warten sollen. Sein Erfolg gibt dieser Strategie recht. TBS arbeitet heute auf einer Fläche von 6500 Quadratkilometern mit über 700 Dörfern.

Mit ihren Dämmen und der Wiederaufforstung von Schutzwäldern haben die Menschen in Alwar nicht nur das Ökosystem, das Mikroklima und ihre eigene Lebenssituation verbessert.

Sie haben auch etwas erreicht womit niemand gerechnet hatte: Fünf Flüsse wurden wiederbelebt. Die 45 Kilometer lange Arwari, die lange Zeit nur wenige Tage im Monsun Wasser führte, kehrte nach und nach zum Leben zurück. Zuerst floß das Wasser bis Oktober, dann bis zum Februar und seit 1995 fließt sie das ganze Jahr.

Im Jänner 1999 haben alle Anrainerdörfer der Arwari ein Parlament ins Leben gerufen, um die Nutzung des Flusses im Interesse aller zu regeln und künftige Begehrlichkeiten seitens der Regierung gemeinsam abzuwehren.

Christian Brüser ist Journalist und leitet das entwicklungspolitische Bildungsprogramm an der Politischen Akademie.

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