„Zur Guerilla zu gehen war nie mein Lebensziel“

Werner Hörtner, langjähriger Redakteur des Südwind-Magazins, hat gerade sein zweites Buch zu Kolumbien fertig geschrieben. Im Interview mit Christina Bell spricht er über die Faszination Kolumbien, den laufenden Friedensprozess und Heimatgefühle.

Reisen, Projekte, Buchpräsentationen: allzu wörtlich nimmt Werner Hörtner den Ruhestand nicht.

Südwind-Magazin: Warum ein neues Kolumbien-Buch?
Werner Hörtner:
2006 ist mein erstes Kolumbien-Buch erschienen, eine Art Überblick über die Geschichte Kolumbiens, von der Zeit der spanischen Eroberung bis in die Gegenwart. Der Verlag und ich waren sehr überrascht vom großen Interesse an Kolumbien. Ich habe noch nie in meinem Leben so viele Reaktionen auf etwas bekommen wie auf dieses Buch, das sich zu einer Art „politischem Reiseführer“ entwickelt hat. Das jetzige Buch behandelt die jüngste Geschichte Kolumbiens, die letzten 30, 40 Jahre, eine Zeit, die geprägt ist vom Paramilitarismus und vom bewaffneten Konflikt. Beide Bücher setzen eine Leserschaft voraus, die Kolumbien bereits kennt. Das neue Buch thematisiert vor allem das kaum durchschaubare Geflecht zwischen der Armee, der Regierung, den Paramilitärs, dem Drogenhandel, den kriminellen Banden. Jemand, der von Kolumbien nicht viel weiß, kann sich leicht in diesem Geflecht verlieren.

Woher kommt deine Faszination für Kolumbien?
Das ist eigentlich relativ einfach erzählt: Ich bin 1971 das erste Mal durch Lateinamerika gereist, ein halbes Jahr lang, und da hab ich gleich zu Beginn in Kolumbien eine Frau kennengelernt, die dann ein Jahr später nach Österreich gekommen und meine Frau geworden ist. Das ist aber nur ein Teil dieser Bindung. Ich habe mich in Kolumbien einfach sehr wohl gefühlt und dieses anfängliche Wohlgefühl hat sich zu einem Heimatgefühl entwickelt. Mir ist dieses Land sehr ans Herz gewachsen und mir ist es auch immer gut gegangen dort. Bei meinen zwischen 20 und 30 Reisen, auf denen ich immer in Bussen kreuz und quer durchs Land fuhr, ist mir nie etwas passiert. Ein einziges Mal wurde mir eine Füllfeder gestohlen, aber sonst nichts.

Und dort zu leben ist keine Option, auch nicht im Ruhestand?
Nein. Als ich meine spätere Frau kennengelernt hatte, stand es natürlich zur Diskussion. Aber ich habe eigentlich nicht gewusst, was ich in Kolumbien tun soll. Zur Guerilla gehen? Erstens hat es dort genug geschicktere Leute gegeben, zweitens war das nie ein Lebensziel für mich. Und irgendeinen gut bezahlten Job in der Wirtschaft anzunehmen, das stand auch außer Diskussion. Ich hätte nicht gewusst, was ich in dem Land tun soll, ich hätte eher gelitten unter der Situation, dort zu leben und zu arbeiten und das Ganze noch näher mitzuerleben. Außerdem spüre ich einfach und erkenne das auch an, dass hier meine Wurzeln sind. Mit hier meine ich jetzt nicht unbedingt die Tiroler Berge,  wo ich aufgewachsen bin, sondern mehr den Mittelmeerraum.

Seit 40 Jahren beschäftigst du dich mit Kolumbien. Was hat sich in der Wahrnehmung des Landes in Österreich geändert?
Insgesamt hat sich die Wahrnehmung von Lateinamerika in den heimischen Medien schon zum Positiven gewendet. Das ist aber relativ. Der Berichterstattung wird mehr Platz zugestanden, aber die Qualität lässt immer noch viel zu wünschen übrig. An erster Stelle stehen Naturkatastrophen, Drogenhandel oder Gewalt in diesen Ländern. Positive Prozesse werden kaum dargestellt. Da gäbe es noch viel zu verbessern.

Worin siehst du die größten Herausforderungen für Kolumbien?
Ein positives Ende des derzeit laufenden Friedensprozesses. Das ist aber nur ein erster und eher kleiner Schritt zum wirklichen Frieden, zu einer Demokratisierung des Landes. Um das Land in einen dauerhaften Frieden zu führen, muss sich viel ändern. Dazu muss vor allem dieses erwähnte Geflecht, das auf regionaler und lokaler Ebene so stark ist, aufgelöst werden. Sonst können die Menschen dort nicht in Ruhe leben.

Ein großes Dilemma, vor allem für die MenschenrechtsaktivistInnen, mit denen ich zu tun habe, ist die Frage der Strafverfolgung der führenden Kämpfer bei der Guerilla, der FARC. Kündigt man während des laufenden Friedensprozesses eine strafrechtliche Verfolgung an, brechen die den Prozess natürlich ab. Und das ist eigentlich ein unlösbares Problem, wie weit man in einem Prozess von Gerechtigkeit und Frieden die normalen Rechtsvorstellungen von Strafverfolgung schwerer Menschenrechtsverletzungen hintanstellen kann, um Frieden zu erreichen.

Was wünschst du dir für Kolumbien?
Ein Land in Frieden. In Frieden und Sicherheit. Davon träume ich schon seit Jahrzehnten.

Was rätst du Leuten, die das erste Mal nach Kolumbien fahren? Womit sollen sie sich dem Land nähern? Mit deinem Buch vielleicht?
(Lacht) Ja, ich finde schon, ich will aber jetzt keine Eigenwerbung machen.
Es kommt natürlich darauf an, was sie im Land tun wollen. Auf jeden Fall würde ich sagen, sie sollen fahren.

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