Zurück in die Sackgasse

Im Rahmen eines Bürgerkrieges träumen radikale Nationalisten in Côte d’Ivoire davon, die über Jahrhunderte gewachsene Vermischung der Völker Westafrikas rückgängig zu machen.

Von Dominic Johnson
Das waren noch Zeiten. 1969 erklärte Felix Houphouet-Boigny, Präsident von Côte d’Ivoire, dass seiner Meinung nach Grenzen und Staatsangehörigkeiten in Westafrika in Überwindung begriffen seien. Zum Beispiel müssten Menschen aus der Elfenbeinküste (Côte d’Ivoire), Obervolta (heute Burkina Faso) und Niger in allen drei Ländern gleiche Rechte haben. Heute, nach Jahrzehnten afrikanischer Einigungsbemühungen, werden die Grenzen undurchdringlich. Côte d’Ivoire, dieser Schmelztiegel Westafrikas, erklärt angesichts einer bewaffneten Rebellion im eigenen Staatsgebiet EinwandererInnen aus den Nachbarländern zu potenziellen TerroristInnen und zum inneren Feind.
In der Hauptstadt Abidjan, eine der kosmopolitischsten und modernsten Metropolen Afrikas, reißen Bulldozer die Hüttensiedlungen der MigrantInnen nieder, und ihre BewohnerInnen gelten offiziell als „außerhalb der Republik“. Zu Zehntausenden fliehen die Menschen zurück in ihre offiziellen Heimatländer, die sie zeitlebens nicht gesehen haben. Zurück bleibt eine Gesellschaft, die den Kunstbegriff der „ivoirité“, der Elfenbeinigkeit, als neue Heilsideologie hochhält. „Ich bin fremdenfeindlich – na und?“ stand auf Transparenten, die regierungstreue DemonstrantInnen am 2. November in Abidjan vor sich hertrugen.

Es ist eine schleichende ethnische Säuberung, die geradewegs ins Nichts führt. Denn ethnisch reine Nationalstaaten kennt Westafrika nicht. Die Parzellierung der Region in unzählige Länder ist nicht einmal eine Folge der Kolonisierung. Zu Zeiten der 1960 beendeten französischen Herrschaft waren die heutigen frankophonen Länder Senegal, Guinea, Mali, Burkina Faso, Côte d’Ivoire, Niger und Benin allesamt Provinzen Französisch-Westafrikas mit einer gemeinsamen Hauptstadt, dem senegalesischen Dakar. Innerhalb dieses Riesengebiets, das kleine Enklaven anderer Kolonialherren wie Gambia, Sierra Leone oder Ghana umschloss, wurden Provinzgrenzen hin- und hergeschoben, so dass alte französische Reiseführer aus der unmittelbaren Nachkriegszeit Ouagadougou, die heutige Hauptstadt von Burkina Faso, unter Côte d’Ivoire führen.
Erst die Unabhängigkeitsbewegungen teilten das Gebiet in einzelne Länder – ein bequemer Ausweg für die neuen afrikanischen Nationalisten, sich nicht miteinander zu verständigen, sondern stattdessen jeder in seinem Sprengel unangefochten zu regieren. Felix Houphouet-Boigny in Côte d’Ivoire, der sich für klüger hielt als all seine Kollegen und den diese als arroganten Hochstapler betrachteten, setzte mit seiner Ablehnung einer Föderation Westafrikas die Entscheidung durch, lieber die Tore seines fruchtbaren und an Kakao- und Kaffeeplantagen reichen Landes für sämtliche BewohnerInnen der Not leidenden Nachbarprovinzen zu öffnen als seine Macht mit den Herrschern der umliegenden Staaten teilen zu müssen.
Das funktionierte jahrzehntelang, weil es der gesellschaftlichen Logik der Region entsprach. Westafrikas soziale Entwicklung hängt untrennbar mit seiner Geographie zusammen, mit dem Nebeneinander des trockenen Sahelgürtels im Landesinneren und dem feucht-tropischen, einst dicht bewaldeten Küstenstreifen. Waren die Königreiche der Sahelzone noch im Mittelalter nordwärts über die Sahara Richtung Arabien gewandt, gibt es seit der Kolonialzeit eine saisonale, zunehmend auch permanente Migration nach Süden Richtung Küste, wo die Häfen und großen Städte liegen. An der Küste ist umgekehrt die permanente Angst vor einer Überfremdung durch die nördlichen, oft auch islamischen Völker eine Konstante der Politik. Das zieht sich von den Widerstandsbewegungen der Ölfelder Nigerias im Niger-Flussdelta gegen die nördlich-muslimische Militärherrschaft über die Demokratiebewegungen Benins, Togos und Ghanas bis hin zu Côte d’Ivoire, dessen einst radikale Demokraten im Süden des Landes heute die Politiker und Völker des Nordens sowie die MigrantInnen aus den nördlichen Nachbarn für das Übel schlechthin halten.

„Ivoirité“ bedeutet, dass nur Nachkommen von Leuten, die nachweislich schon immer auf dem Boden der heutigen Republik Côte d’Ivoire leben, volle Bürgerrechte bis hin zum Recht auf Grundbesitz und Erbe genießen können. Einst vom 1999 gestürzten Präsidenten Henri Konan Bédié erfunden, um seine absolutistische Herrschaft zu legitimieren, dient es seither auch dem kurzlebigen Militärdiktator Robert Guei sowie dem 2000 gewählten heutigen Präsidenten Laurent Gbagbo als einfaches Mittel, Konkurrenten aus dem Norden des Landes wie den beliebten Ex-Premierminister Alassane Dramane Ouattara aus der Politik auszuschalten. Im Namen der „ivoirité“ werden, wie MenschenrechtsbeobachterInnen beklagen, Träger nordivoirischer Namen, die es auch in Mali und Burkina Faso gibt, schikaniert und verfolgt.
Kein Wunder, dass die Herrscherclique um Gbagbo heute die bewaffnete Rebellion MPCI (Patriotische Bewegung von Côte d’Ivoire) im Norden des Landes, die mit großer Sicherheit von exilierten nordivoirischen Militärs in Burkina Faso aufgebaut wurde und unterstützt wird, als Beweis für die subversiven Neigungen aller „Nordisten“ und MigrantInnen ansieht und mit diesen entsprechend verfährt.
Als die Regierungsarmee Mitte Oktober die 200.000 EinwohnerInnen zählende Stadt Daloa von den Rebellen zurückeroberte – ihr einziger militärischer Sieg bisher – gingen Jugendmilizen in Militäruniformen und Militärwagen durch die Stadt und verschleppten Angehörige des nordivoirischen Dioula-Volkes, bei denen sie Anzeichen islamischer Religionszugehörigkeit fanden. Tausende von ihnen suchten zeitweise Zuflucht in Moscheen.

Dass die MPCI Mitte September im Rahmen eines gescheiterten Putschversuchs in Abidjan die Kontrolle über das halbe Land übernahm, ohne eine einzige Schlacht zu schlagen, hat die Regierung tief getroffen. Sie musste erkennen, dass sie faktisch keine eigene Armee hat. Der 1993 verstorbene Landesvater Felix Houphouet-Boigny hatte den Schutz von Côte d’Ivoire Frankreich anvertraut und ansonsten das in seinen Augen nutzlose Militär den Völkern des Nordens überlassen. Unter dem Putschisten Guei (1999-2000) wurden auch südliche Ethnien in die Armee rekrutiert, die zu einem Monster mit viel zu vielen Offizieren und rivalisierenden Kommandanten heranwuchs. Sie ist nun zerfallen, und ihre kampffähigen Teile bilden nun die Rebellion. Der Regierung bleibt die paramilitärische Gendarmerie, die als effektive und brutale Todesschwadron agiert, sowie die Mobilisierung der Jugendlichen in Milizen, deren Auftreten mehr als nur zufällige Ähnlichkeit mit dem der genozidalen Hutu-Milizen Ruandas aufweist.
Dazu kommt ein geradezu inbrünstig geförderter Aufstieg charismatisch-protestantischer christlicher Sekten, die vor allem bei der First Lady Simone Gbagbo auf Wohlwollen stoßen. Der Rundfunksender der Adventisten hat auf der UKW-Frequenz den Platz der gesperrten Auslandssender BBC und RFI eingenommen, und Prediger obskurer Kirchen mit Verbindungen zu Nigeria und den USA trommeln in Abidjan zum öffentlichen Gebet. Sie fördern die abstruse Logik der ivoirischen Regierung, wonach ihr Krieg Teil des globalen Anti-Terror-Krieges sei und die MPCI-Rebellen sowie die zivile Opposition um Alassane Ouattara aus Islamisten, Terroristen und Genossen Usama bin Ladens bestehe.
Auf eine politische Lösung der Krise sind diese Gruppen allesamt überhaupt nicht eingestellt. Lieber führen sie einen verlustreichen Krieg, als auch nur einen einzigen politischen Fehler einzugestehen. Der nationale Überschwang in Abidjan, samt ivoirischer orange-weiß-grüner Trikolore und Kokarden wie aus den Zeiten der Französischen Revolution, wird nicht nur mit dem Krieg gegen Bin Laden auf eine Stufe gestellt, sondern auch mit der Mobilmachung der Franzosen gegen Jean-Marie Le Pen bei den französischen Präsidentschaftswahlen im Mai.

So ganz gelungen ist die Emanzipation von Frankreichs kultureller Hegemonie, für die der Sozialist Gbagbo früher stand, nicht. Noch immer fühlt sich Abidjan Paris näher als Accra, noch immer gelten die Nachbarländer als rückständig und ihre MigrantInnen als minderwertig. Der Traum vom geeinten Afrika ist in Abidjan gestorben, und die Ivoirer können froh sein, wenn am Ende ihres Krieges zumindest noch Côte d’Ivoire wieder zusammenwächst.

Dominic Johnson ist Afrika-Redakteur der taz und besuchte im Oktober Burkina Faso und Côte d?Ivoire. In Abidjan wurde er von der Gendarmerie festgenommen, als er über die Verfolgung von ImmigrantInnen recherchierte.

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