Zurück zum Menschenzoo?

Die ethnischen Minderheiten in Südostasien geraten mehr und mehr ins Blickfeld des nationalen und ­internationalen Tourismus. Gegen Eintrittsgeld werden sie zur Schau gestellt. Eine kritische Besuchsreise von Alexander Trupp.

„Ethnischer Themenpark“ in der chinesischen Millionenstadt Shenzhen.

Die ethnischen Minderheiten Südostasiens bedienen die Sehnsüchte von Reisenden: mit ihrem exotisch anmutenden Aussehen, durch Kleidung, Kopf- und Halsschmuck sowie ihre kulturelle Praxis. Zusätzlich zu den klassischen ethnotouristischen Destinationen in abgelegenen Gebieten hat sich eine besonders fragwürdige Ausprägung touristischer Attraktionen entwickelt, die sich meist in oder in der Nähe von großen Städten befinden. Gegen ein Eintrittsgeld werden Angehörige von ethnischen Minderheiten zur Schau gestellt. Solche Einrichtungen, die u.a. in China, Laos, Thailand, Burma oder Indonesien vorzufinden sind, werden auch als ethnische Themenparks, ethnische Dörfer oder Menschenzoos bezeichnet.

Der Begriff Menschenzoo oder Völkerschau geht zurück auf die späte Ära des Kolonialismus. Damals wurden in Europa und Nordamerika außereuropäische Bevölkerungsgruppen im Rahmen von Weltausstellungen und anderen Veranstaltungen wie etwa Jahrmärkten oder Volksfesten ausgestellt. In fast allen europäischen Städten hatten Schaustellungen von Indigenen aus Afrika, den Amerikas und Asien großen Publikumsandrang. Dass die Ausgestellten dabei Kleider, Tänze oder Rituale vorführen mussten, die gar nichts mit ihrer Kultur zu tun hatten, war zweitrangig. Wichtig erschien es, die BesucherInnen zu unterhalten. Dabei war das oberflächliche Interesse an Differenz, Exotik und Fremdheit gepaart mit der Demonstration von westlicher Überlegenheit gegenüber den politisch oder wirtschaftlich beherrschten BewohnerInnen dieser Gebiete. Diese Ausstellungsform endete in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als die kolonialen Mächte an Einfluss verloren, das Publikum kritischer wurde und sich mit dem Fernsehen eine neue Form der Massenunterhaltung entwickelte.

Heute, ca. 100 Jahre später, lassen sich einige dieser kolonialen Strukturen in Bezug auf wirtschaftliche und politische Abhängigkeiten im modernen Ethnotourismus wiederfinden. In Thailand gibt es mehrere so genannte ethnische Dörfer, in denen Frauen ethnischer Minderheitengruppen gegen ein Eintrittsgeld von umgerechnet zehn Euro bestaunt und fotografiert werden können. Bekanntestes Beispiel dafür sind die Kayan-Frauen, die in der Tourismuswerbung als Long-Neck-Karen oder Giraffenhalsfrauen bezeichnet werden. Die Kayan sind ab den 1980er Jahren vor der Militärregierung in Burma geflohen und leben nun teilweise mit unsicherem Aufenthaltsstatus in Thailands inszenierten Tourismusdörfern. Die meisten dieser Dörfer befinden sich in den nördlichen Provinzen Chiang Mai und Mae Hong Son, aber auch in Sattahip, nahe am bekannten Strand- und Sextourismuszentrum Pattaya.

Für die Provinz Mae Hong Son wurden die exotisch anmutenden Bilder der Kayan sogar zum touristischen Aushängeschild der Region. Gleichzeitig jedoch ist es den Frauen aufgrund ihres unklaren Aufenthaltsstatus gesetzlich verboten, ihre Provinzen und Bezirke in Thailand zu verlassen und anderswo einer Arbeit nachzugehen oder eine Ausbildung zu machen. Der thailändische Staat verhält sich ambivalent. Er vermarktet die Flüchtlinge und ethnischen Minderheiten und ignoriert gleichzeitig deren Grundrechte.

In Thailand werden die Ethnodörfer von privaten Unternehmen geführt. In China sind die groß angelegten ethnischen Themenparks im Besitz einer staatlichen Organisation, die diese Parks errichtet und betreibt. Der Themenpark China Folk Culture Villages in der Millionenmetropole Shenzhen wurde bezeichnenderweise an Chinas Nationalfeiertag eröffnet und beherbergt 24 inszenierte Minderheitendörfer, in denen täglich verschiedenste kulturelle Darbietungen dem überwiegend chinesischen Publikum vorgeführt werden. Die Widersprüchlichkeit von Chinas Themenparks besteht darin, dass sie zwar Vielfalt zur Schau stellen, jedoch nationale Einheit demonstrieren sollen.

TouristInnen reagieren sehr unterschiedlich auf diese Attraktionen: Während sich die einen beeindruckt von der exotischen und fremden Kultur zeigen, kritisieren die anderen solche Tourismusformen und rufen dazu auf, solche Attraktionen überhaupt zu boykottieren. Die betroffenen Minderheiten haben meist kaum Alternativen. So wollen viele Kayan trotz Freiheitseinschränkungen lieber in Thailand bleiben als nach Burma zurückkehren. In diesem Land hat in den letzten Monaten ein unerwarteter Öffnungsprozess begonnen. Doch bis sich die Situation in den oft abgelegenen Minderheiten- und Grenzgebieten spürbar verbessert, wird es wohl noch dauern.

Der Autor ist Assistent am Institut für Geographie und Regionalforschung der Universität Wien und Redakteur bei der Österreichischen Zeitschrift für Südostasien-Studien (ASEAS).
www.seas.at/aseas

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