Zurück zum Waldgarten

Von Joachim Milz · · 2014/02

Der gesamte Kakaoanbau steckt in einer tiefen ökologischen Krise. Doch es gibt Auswege.

Der Kakaobaum ist ein Regenwaldbewohner. Er stammt aus Süd- und Zentralamerika und wächst natürlich vor allem im Uferbereich großer Flussläufe – im sogenannten Unterbau. Er wird von Bäumen unterschiedlicher Höhe beschattet.

Der kommerzielle Kakaoanbau wurde im Zuge der Kolonisierung von Lateinamerika nach Afrika und Asien ausgeweitet und erfolgte dort zu Beginn überwiegend in großen Plantagen. Als der Kakaopreis in den 1970er Jahren einen historischen Höchststand erreichte, wurden die Anbauflächen weltweit enorm ausgeweitet und großflächig Urwälder gerodet. Als Folge dieser Entwicklung kam es in den späten 1980er Jahren zu einer Überproduktion und einem Einbruch des Weltmarktpreises. Der großflächige Plantagenanbau, wie er zu dieser Zeit noch in Malaysia und Brasilien praktiziert wurde, war nicht mehr rentabel. Heute werden über 90 Prozent des Kakaos von Kleinbäuerinnen und -bauern produziert.

Die niedrigen Weltmarktpreise führten zur Vernachlässigung der Pflanzungen, die zudem meist schattenlos waren. In allen Anbauländern nahmen spezifische Kakaokrankheiten massiv zu und ließen die Erträge konstant sinken. Dem Zeitgeist der grünen Revolution entsprechend wurden zur Lösung dieser Probleme chemische Krankheits- und Schädlingsbekämpfung, der Einsatz von Unkrautvernichtungsmitteln sowie der Anbau von neuen sogenannten Hochleistungssorten empfohlen und durch staatliche Entwicklungsprogramme und die Kakaoindustrie gefördert. Nach bestenfalls kurzfristiger Verbesserung der Erträge verstärkten all diese Maßnahmen jedoch die Krise.

Durch die Vernichtung großer Waldgebiete für den Anbau von Kakao, Kautschukbäumen, Ölpalmen, Zuckerrohr und Soja kommt es zu schwerwiegenden regionalen Klimaveränderungen. Dazu zählen die Veränderungen der Niederschlagsregime, höhere Windgeschwindigkeiten und vor allem häufigere Extremwetterereignisse, die sich auf die gesamte landwirtschaftliche Produktion negativ auswirken. Zusätzlich zur Problematik des großflächigen Anbaus in Monokulturen kommt noch die traditionelle Praxis der Brandrodung, die bei der Kleinbauernschaft immer noch üblich ist.

Da ihr wichtigster Rohstoff knapp wird, ist auch die Kakaoindustrie besorgt. Nachhaltigkeit soll vor allem durch Zertifizierungen von Organisationen wie Utz und Rainforest Alliance gefördert werden. Diese fordern im Wesentlichen nicht mehr als die korrekte Anwendung von Pflanzenschutzmitteln unter Verwendung von Schutzkleidung sowie das Pflanzen von weniger Bäumen pro Hektar. Diese Maßnahmen lösen die zugrundeliegenden Probleme jedoch nicht.

Eine echte Alternative ist der naturnahe Anbau von Kakao. In Brasilien und Bolivien wurden hierzu in den 1980er und 1990er Jahren systematische Anbauversuche durchgeführt und mit Bauernfamilien getestet. Dabei geht es nicht nur um den Kakaoanbau, sondern generell um eine Veränderung der landwirtschaftlichen Praxis des gesamten Betriebes.

Dazu zählt der Anbau in Form eines Waldgartens. Der Boden wird hierbei durch eine Vielzahl von unterschiedlichen Pflanzen bedeckt gehalten und somit vor direkter Sonneneinstrahlung und Regen geschützt. Durch regelmäßigen Schnitt wird der Lichteinfall reguliert und die Bodenoberfläche mit organischem Material angereichert. Auf diese Weise werden auch bereits ausgelaugte Böden wieder fruchtbar. Als Baum des Regenwaldes eignet sich Kakao hervorragend für Waldgärten. In diese Waldsysteme lässt sich eine Vielzahl von Nahrungspflanzen integrieren. Nebenbei erzielt der Kakao höhere Erträge als vorher – ohne jeglichen Einsatz von Düngemitteln oder anderer Agrochemie.

Im Rahmen eines auf 20 Jahre angelegten schweizerischen Forschungsprojekts der Forschungsanstalt für Biologischen Landbau (FIBL) in Zusammenarbeit mit dem Ökologischen Institut der Universität von La Paz, der Beratungsfirma Ecotop sowie der Kakaogenossenschaft El Ceibo werden organische und konventionelle Kakaoanbausysteme mit unterschiedlicher Beschattung sowie das Waldgartensystem wissenschaftlich untersucht und verglichen.

In der Elfenbeinküste werden zur Zeit im Rahmen eines Kooperationsprojektes zwischen der schweizerischen Kakaofirma Barry Callebaut und Ecotop über 1.000 Kleinbäuerinnen und -bauern für standortgemäßen und nachhaltigen Anbau beraten und ausgebildet. Die Berater sind erfahrene bolivianische Techniker und alle selbst Kakaobauern. Dieses Modell der Süd-Süd-Beratung ist ein erster Schritt zur grundsätzlichen Lösung der vielfältigen Probleme im Kakaoanbau.

Joachim Milz ist Agraringenieur mit eigenem agroforstlichen Betrieb in Bolivien, wo er auch Kakao anbaut. Seine Beratungsfirma Ecotop arbeitet international mit einem Schwerpunkt auf nachhaltigem Kakaoanbau.

Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Medienkooperation mit der Zeitschrift Südlink / Berlin.

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