Zusatz-Information

Von Roland Angerer ·

Kolumbien Titelgeschichte Nr.12/03

Habt Dank für Eure Titelgeschichte über Kolumbien im Dezember-Heft. Grundsätzlich freue ich mich, dass mein derzeitiger Wohnsitz wieder einmal Gegenstand einer ausführlicheren Berichterstattung wurde. Allerdings habe ich ein paar kritische Anmerkungen, weil ich glaube, ihr habt euch zu sehr auf den politischen Überbau konzentriert und einige essenzielle Bereiche ausgeblendet, die das Bild von Kolumbien vervollständigen könnten:
1) Drogen: Der kolumbianische Konflikt ist nicht ohne das Drogenproblem interpretierbar. Dieser Moloch ist gleichzeitig Ursache und Finanzierungsquelle für den Bürgerkrieg und durchdringt mittels Geldwäsche und Korruption weite Bereiche von Wirtschaft und Politik. Die Überbetonung der militärischen Bekämpfung des Anbaus (Pestizidbesprühung aus Flugzeugen) bei gleichzeitiger Vernachlässigung der Kontrolle auf Seiten der Nachfrage (sprich US-Drogenpolitik und „Plan Colombia“) gießt nur Öl ins Feuer.
2) Soziale und wirtschaftliche Krise: steigende Armutsraten, zunehmende Ernährungsprobleme und zwei bis drei Millionen Vertriebene im eigenen Land sind nur einige der Schlagworte, die aufzeigen, dass in Kolumbien die Kluft zwischen arm und reich – trotz anhaltenden Wirtschaftswachstums – immer weiter aufgerissen wird.
3) Kinder: Ihr habt zwar publikumswirksam zwei angsterfüllte Kindergesichter aufs Titelbild gehoben, aber in den Artikeln finde ich keine Informationen zur Lage der kolumbianischen Kinder: 11.000 KindersoldatInnen, drei Millionen im Schulalter ohne Zugang zu Ausbildung, sinkende Versorgung bei Grundimpfungen, zunehmende Kinderarbeit, 30 Prozent Jugendarbeitslosigkeit, Prostitution Minderjähriger und Kinderhandel (einschließlich Entführungen) würden viele Anhaltspunkte zum Nachdenken und Recherchieren bieten.
4) Das „andere“ Kolumbien: Wäre erleichternd, endlich auch einmal etwas Positives über dieses Land zu lesen: Die Menschenrechtsarbeit der katholischen Kirche am Atrato-Fluss zum Beispiel (dort gibt es auch Projekte des österreichischen Klimabündnisses) oder die Friedensgemeinden der afro-kolumbianischen und indigenen Bevölkerung oder Jugendliche als Baumeister des Friedens und, und, und …
5) Österreichbezug: Die engagierte Arbeit der österreichischen Botschafterin in Sachen Menschenrechte wäre ein kleines Interview wert. Und außerdem: Wo steht die österreichische Regierung im Hinblick auf die Finanzierungsgesuche Kolumbiens an Europa? Bei einem Treffen mit Geberländern im Juli in London versprach der Vizepräsident persönlich die Umsetzung der Empfehlungen des UN-Menschenrechtsbüros als Voraussetzung für Hilfsgelder. Eine NGO-Analyse sieht leichte Fortschritte bei vier von 23 Empfehlungen an den kolumbianischen Staat und Stagnation bzw. Rückschritte in den anderen Bereichen. Im März soll bei einer entscheidenden Versammlung in Brüssel der Geldhahn der EU-Länder angezapft werden. Wird Europa den „Scherbenhaufen des Patriarchen“ aufräumen helfen?
Ich weiss schon: Man/Frau kann nicht alle Themen unter einen Hut packen, aber ein bisschen breiter hättet Ihr es schon anlegen können – und vielleicht gibt es ja bald wieder einmal Platz für Kolumbien im SÜDWIND.

Roland Angerer
Bogotá

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