„Zutiefst antifaschistische Haltung“

Von Werner Hörtner ·

Der österreichische Film-, Theater- und Fernsehschauspieler, Regisseur und Dramaturg, Buchautor und unermüdliche Friedensaktivist Dietmar Schönherr wird am 17. Mai achtzig Jahre jung. Gefeiert wird in Nicaragua, in der Casa de los Tres Mundos, seinem Lieblingsprojekt. Das Gespräch führte Südwind-Redakteur Werner Hörtner.

Südwind: Haben Sie Erlebnisse in Erinnerung, die Sie für das spätere Leben geprägt haben?
Dietmar Schönherr:
Ja, zum Beispiel den 13. März 1938 in Innsbruck, wo ich aufgewachsen bin. Am Tag zuvor in der Maria-Theresien-Straße vor jedem Haus rot-weiß-rote Fahnen, überall „Heil Österreich“, Trachtengruppen spielen: „Auf zum Schwur, Tiroler Land!“ – und einen Tag später dieselbe Straße voller Hakenkreuzfahnen, und die Leute sangen: „Es zittern die morschen Knochen“. Dieses Erlebnis war für mich unbegreiflich; ich dachte mir nur, wo haben sie so schnell diese neuen Fahnen her?

Wie sind Sie zu Ihrem Friedensengagement gekommen?
Ich war natürlich stark geprägt durch das Kriegsende. Ich war Kriegsfreiwilliger, Offiziersbewerber. Nicht nur mein Vater, auch mein Großvater war General, und ich dachte mir: Ich will auch General werden.
Erste Aktion meines Einsatzes für den Frieden war der Kain-Film, 1972, ein Film gegen Krieg und Gewalt, den ich mit Hilfe des ORF realisieren konnte; ein Bekenner-Film, wie man mir dann später sagte. Daraus ist mein Engagement in der Friedensbewegung entstanden. Einen ersten Eklat gab es bei einer Talkshow im Schweizer Fernsehen, wo ich Reagan ein Arschloch geschimpft habe – in einem Nebensatz nur, aber dennoch hat es zu meiner fristlosen Entlassung geführt, obwohl ich einen Dreijahres-Vertrag hatte.
Dann bin ich sehr aktiv geworden bei allen großen Veranstaltungen der Friedensbewegung, da war diese Politik, die man damals „das Gleichgewicht des Schreckens“ genannt hat: die sowjetischen SS-20 waren auf den Westen gerichtet, die Pershing-II auf den Osten.
Ich war bei sehr vielen Blockaden dabei, in Zusammenhang mit dem NATO-Doppelbeschluss. Damals war die Friedensbewegung sehr stark. Bei der ersten Blockade in Mutlangen waren Günter Grass dabei, Helmut Gollwitzer, Walter Jens, Heinrich Böll … Ich wurde auch weggetragen und zu 8.000 DM Geldstrafe verurteilt.

Und wie kamen Sie zu Ihrem Nicaragua-Engagement?
Nicaragua war damals, nach dem Triumph der Sandinisten über den Diktator Somoza, in aller Munde, und alle Intellektuellen haben davon gesprochen. Günter Wallraff, Franz Xaver Kroetz, Salman Rushdie, jeder fuhr nach Nicaragua und schrieb ein Buch darüber. Wie ich Ende 1984 mit dem Schweizer Autor Adolf Muschg und anderen die Stiftung „Hilfe zur Selbsthilfe“ gegründet habe, da haben wir uns überlegt, wo wir aktiv werden sollen. Zur Auswahl standen Afghanistan und Nicaragua, und schließlich haben wir uns für Letzteres entschieden.
Ich wollte sowieso nach Nicaragua, hatte Ernesto Cardenal schon vorher kennen gelernt über Hermann Schulz vom Peter Hammer Verlag.

In Nicaragua haben Sie das Land Ihrer Liebe entdeckt.
Bei meinem ersten Aufenthalt war ich acht Wochen dort, mit dem Filmemacher Werner Penzel. Wir haben zusammen einen Film gedreht. Auf der Suche nach einem Projekt bin ich nach Posolera gekommen, diesem Dorf, das ich in meinem Buch „Nicaragua, mí amor“ beschrieben habe. Wir haben dieses Dorf buchstäblich aufgebaut, die ganze Infrastruktur, eine Fabrik für landwirtschaftliche Maschinen. Und auch eine Kirche, weil die Leute sich das gewünscht haben. Ich habe einen Entwurf gezeichnet, wunderschön, in mexikanisch-kolonialem Stil, doch haben sie schließlich ein furchtbares Gebäude hingestellt.
Ich bin wahnsinnig gern in Nicaragua, empfinde es wie eine zweite Heimat.

Zu Ihrem kürzlich wieder aufgelegten Buch „Liberté“ (siehe Rezensionen; Anm.), das ja über lange Strecken hin sehr optimistisch ist und dann in einen leider realistischen Pessimismus übergeht: Wollten Sie damit die Menschen warnen vor zuviel Optimismus?
Nein, ich wollte eigentlich zeigen, wie sehr die Freiheit in Gefahr ist. Das ist natürlich eine Metapher.

Ich bin sicher, dass es bei Ihnen einen roten Faden gibt, der sich durch Ihr ganzes Leben zieht.
Das kann man ganz genau nachlesen in meinem autobiographischen Roman: es ist eine zutiefst antifaschistische Haltung. Das war mir früher gar nicht so bewusst, aber in der Summe ist es mir später ganz klar geworden.

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