Mobilität: Zwang und Freiheit

Es scheint, als könne man heute dank intensivierter Mobilität an mehreren Orten gleichzeitig sein. Doch Mobilität und die Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, sind ungleich verteilt.

Von Oliver Hinkelbein
Viel unterwegs: In Japan wird weltweit am meisten mit der Bahn gefahren.

Osman Engin, deutsch-türkischer Satiriker, erhielt vom Radiosender Funkhaus Europa den Auftrag, etwas über das Thema Mobilität zu schreiben. Anlass war der 50. Geburtstag des Anwerbeabkommens zwischen Deutschland und der Türkei, das türkische GastarbeiterInnen ins Land holte. Das Ergebnis präsentierte Engin vor kurzem in einer Lesung. Demnach vergehe kaum ein Tag, an dem in der Öffentlichkeit nicht über Einwanderinnen und Einwanderer gesprochen wird. „Wir sind Reisende, die nie ankommen. Seit 50 Jahren nennt man mich hier nun ‚Einwanderer‘. Ich bin wirklich sehr gespannt, wie man sich das praktisch vorstellt. Denkt man etwa, ich steige jeden Morgen irgendwo im Ausland in meinen grasgrünen, 68er Ford-Transit ein, und wandere dann in einer Endlosschleife Tag für Tag nach Europa ein?!“, las er dem schmunzelnden Publikum vor und fuhr fort: „Sogar meine Tochter Hatice wird immer noch konsequent Einwandererkind genannt, obwohl die Kleine in acht Jahren nur drei Mal für wenige Wochen ihre Heimatstadt Bremen verlassen hat. Aber Dank unserer schwarzen Haare zählen wir zu der mobilsten Gruppe in Deutschland, die nie zur Ruhe kommt und immer wieder ständig aufs Neue einwandert.“ Das Resümee Engins lautet, dass man als Einwanderer zur mobilsten Gruppe in Deutschland gehört, „noch vor Zugschaffnern, Taxi- und Busfahrerinnen“.

„Nein, Osman, ich wollte diesmal ausnahmsweise mal nichts mit Ausländern haben“, habe seine Redakteurin genervt gerufen, „es geht bloß um moderne Mobilität. Von mir aus mit deinem Einwandererwagen Ford-Transit!'“, ließ Engin seine amüsierten ZuhörerInnen wissen. Doch: Was könnte seine Redakteurin mit moderner Mobilität gemeint haben? Worauf wollte sie hinaus?

Die Auseinandersetzung mit dem Thema offenbart, dass Mobilität kein neues Phänomen des 21. Jahrhunderts ist – wenngleich man das aufgrund ihrer Omnipräsenz in öffentlichen Diskursen annehmen möchte. Schon der römische Philosoph und Poet Lucretius setzte sich in seinem Werk „Über die Natur der Dinge“ vor etwas mehr als 2.000 Jahren mit dem Phänomen auseinander. Aus seiner Sicht bestand die Welt aus einer konstanten Bewegung menschlicher Körper und mechanischer Dinge. Heute setzt sich die Wissenschaft aus verschiedenen Perspektiven mit der Frage auseinander, welche Motive und Gründe Menschen dazu bewegen, sich auf den Weg zu machen, um ihr Glück kurz- oder langfristig an anderen Orten zu finden. Zwar hat sich die Intensität sowie die Art und Weise, wie Menschen mobil sind, im Verlauf der Zeit stark verändert, aber das Phänomen als solches ist so alt wie die Menschheit selbst. Retrospektiv zeigt sich, dass viele wesentliche Entwicklungen der Geschichte eng damit verbunden sind: Die großen Wanderungen in den Wärme- und Kälteperioden auf der Erde, Eroberungszüge, Völkerwanderungen und die Entdeckung der neuen Welt sind nur einige Beispiele dafür.

Bis heute entwickeln Menschen eine Vielfalt an Werkzeugen, die es ihnen ermöglichen, mobil zu sein. Genauso mannigfaltig sind die Formen, die Mobilität annehmen kann. Arbeits- und Bildungsmobilität sowie geistige, vertikale und horizontale Mobilität sind hierfür wichtige Beispiele. Eines der augenscheinlichsten Ergebnisse aus der Wissenschaft ist die Erkenntnis des Soziologen John Urry, der herausgefunden hat, dass sich Menschen in unseren Breitengraden heute täglich fünfmal so weit bewegen wie noch vor 60 Jahren. Das verdeutlicht den kontinuierlichen Wandel, der dem Phänomen zugrunde liegt.

Wie wir vom eingangs zitierten Osman Engin erfahren, steht Mobilität heute in einem engen Zusammenhang mit Migration und den dazugehörigen kulturellen Praktiken. Jenseits von Einwanderungsdiskursen dient der Begriff aber auch zur Beschreibung eines „Lifestyles“. Es vergeht heute kaum ein Tag, an dem nicht neue technische Geräte und Dienstleistungen auf dem Markt angepriesen werden, die das mobile Leben vereinfachen sollen. Immer mehr Menschen sind mit Mobiltelefonen, Laptops oder MP3-Playern ausgestattet. Die Autoindustrie entdeckt langsam die Elektromobilität und Transportunternehmen werben mit dem Slogan der Mobilität für neue Kunden. Junge Menschen aus der westlichen Welt gehen auf Weltreise und ziehen mit dem Rucksack durch ferne Länder. Es scheint so, als sei eine freiere Welt entstanden, in der man sprichwörtlich an mehreren Orten gleichzeitig sein kann, denkt man etwa an die sozialen Netzwerke im Internet. Diese Entwicklungen führen dazu, dass Menschen in immer komplexeren Beziehungsgeflechten miteinander verbunden sind. Der Soziologe Manuel Castells hat dafür den Begriff der Netzwerkgesellschaft geprägt. Andere sprechen gar von einem Weltbürgertum oder einer Weltgesellschaft (siehe Artikel S. 33).

Mobilität ist dabei nicht nur menschlichen AkteurInnen vorbehalten, sondern findet sich auch in der materiellen Welt wieder. Denken wir zum Beispiel an die Güter des täglichen Bedarfs. Kaffee etwa ist zu einem stetigen Begleiter des täglichen Lebens geworden. Während wir einen Cappuccino genießen, denkt kaum jemand an die Kaffeebäuerinnen und -bauern fernab Europas, die unter schwierigen Bedingungen in Hochlandgebieten Kaffee kultivieren. Über ZwischenhändlerInnen, Frachtunternehmen, Schiffe, Importunternehmen, Röstereien und Vertreiber gelangt das wohlschmeckende Luxusgut irgendwann in unsere Tassen. Es hat bis dahin einen weiten Weg zurückgelegt und verbindet materielle Dinge und AkteurInnen aus unterschiedlichen Teilen der Welt auf komplexe Art und Weise. Ein anderes Beispiel ist ein Teil des von uns produzierten Mülls, der durch die Geschäfte von Unternehmen über Transporter und Frachtschiffe seinen Weg nach Südeuropa, Asien und andere Orte der Welt nimmt, um dort weiterverarbeitet oder vernichtet zu werden (siehe SWM 06/09). WissenschaftlerInnen wie der Ethnologe Arjun Appadurai haben globale Prozesse wie diese untersucht. Er proklamiert, dass für deren Analyse und das Verständnis der Phänomene nicht nur die eigentlichen Verbindungen zwischen Menschen ausschlaggebend sind, sondern auch die Bewegungen innerhalb der Sphären von Wirtschaft, Politik, Medien, Finanzen, Ideen und der materiellen Welt. Diese Ebenen sind durch permanenten Austausch und Mobilität eng miteinander verflochten. Nicht zuletzt darin findet Globalisierung ihren Ausdruck.

Mit moderner Mobilität verbinden wir heute viele Vorstellungen und Bilder, die wir oft mit dem vagen Begriff der Globalisierung verknüpfen: überfüllte Flüchtlingsboote, die an Italiens oder Spaniens Küsten landen, Arbeitskräfte aus dem globalen Süden, die in den wohlhabenden Ländern ihr Glück suchen, chinesische WanderarbeiterInnen, aber auch TouristInnen an allen erdenklichen Orten der Welt, Flugzeuge, Bahnhöfe und mobile Geräte, die das Kommunizieren und Arbeiten unterwegs erleichtern. Auch eine zunehmende Zahl binationaler Ehen in vielen Ländern, junge EntwicklerInnen aus Indien in internationalen Softwareschmieden, mit internetfähigen Tablet-Computern ausgestatte BloggerInnen in den Ländern des arabischen Frühlings sowie AustauschstudentInnen, international tätige WissenschaftlerInnen und KünstlerInnen aus Ländern dies- und jenseits des Äquators sind mit diesen Vorstellungen verbunden. Während Mobilität für uns im globalen Norden und einige Bevölkerungsgruppen aus anderen Teilen der Welt Lifestyle und scheinbar grenzenlose Freiheit bedeutet, darf nicht vergessen werden, dass sie für Menschen v.a. im globalen Süden sehr oft einen immensen Zwang darstellt. In vielen Ländern führen Kriege, Verfolgung, Armut, fehlende Bildungsmöglichkeiten, Hungersnöte und der Klimawandel dazu, dass Menschen ihre Heimat verlassen müssen. Nach Schätzungen der International Organization for Migration (IOM) leben heute weit über 200 Millionen Menschen an Orten, die nicht ihre ursprüngliche Heimat sind. Das sind etwa drei Prozent der Weltbevölkerung. Diese Zahl wird in Zukunft weiter ansteigen. 60 Millionen Menschen befinden sich laut UN-Flüchtlingshochkommissariat auf der Flucht, innerhalb oder außerhalb ihres Heimatlandes.

Aber auch in den Ländern des globalen Nordens ist Mobilität zunehmend mit gesellschaftlichen, kulturellen und ökonomischen Zwängen verbunden. Von ArbeitnehmerInnen wird heute verlangt, mobil zu sein. Sie müssen täglich große Strecken zurücklegen, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Familien leben während der Woche getrennt, weil der tägliche Weg zur Arbeit zu weit ist, um nach Hause zurückzukehren. Junge Menschen sind auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt, wenn sie keine Auslandserfahrung haben. Und die Welt wird in regelmäßigen Abständen von Wirtschaftskrisen heimgesucht, weil die Mobilität der Finanzen auf den weltweiten Handelsmärkten so komplex geworden ist, dass sie nicht mehr kontrollierbar sind und dadurch zum Spekulationsobjekt werden – auch das hat etwas mit Mobilität zu tun.

Wirtschaftliche Zwänge, Hoffnung auf Bildung, Hunger, Kriege und Vertreibung gehören also in der Gegenwart zu den Hauptmotiven, warum Menschen mobil sind. Diese Entwicklungen führen dazu, dass für viele Menschen weltweit eine bestimmte Nation als alleiniges Referenzsystem zunehmend an Bedeutung verliert. Während etwa noch vor einem halben Jahrhundert für die meisten EuropäerInnen eine Übereinstimmung des geografischen Raumes einer Nation mit dem Sozial- und Kulturraum den grundlegenden Referenzrahmen ihres Lebens darstellte, so beobachten wir heute eine zunehmende Entkoppelung von Sozial- und Kulturraum einerseits und geografischem Raum der Nation andererseits. Ähnliche Beobachtungen können wir auch auf anderen Kontinenten machen. Dieses Phänomen wird vom Soziologen Ludger Pries als Transnationalisierung der sozialen Welt bezeichnet, denn immer mehr Menschen gestalten heute ihr Leben über nationale Grenzen hinweg. Dabei wird die Transnationalisierung durch unzählige AkteurInnen und deren individuelle Entscheidungen erzeugt.

Mobilität und Transnationalisierung prägen heute das Gesicht vieler Metropolen wie Paris, Berlin und New York, aber auch von Istanbul, Mumbai oder Nairobi. Während vor allem in Europa die Generation der GastarbeiterInnen mit dem Traum gelebt hat, nach dem Pensionsantritt zurück ins Heimatland zu gehen, sieht das bei der zweiten und dritten Generation völlig anders aus. Die meisten haben nicht den Traum, in die Heimat ihrer Eltern und Großeltern zurückzukehren. Vielmehr sind sie ein wesentlicher Bestandteil der in den letzten Jahrzehnten entstandenen transkulturellen Lebenswelten, die durch vielfältige soziale und kulturelle Einflüsse gekennzeichnet sind. Bei einer genaueren Betrachtung ihrer kulturellen Praktiken, so divers diese auch sind, fallen viele Gemeinsamkeiten auf. Rituale wie das gemeinsame Ansehen bestimmter Fernsehsendungen aus der „Heimat“, das regelmäßige Telefonieren mit der Familie im Herkunftsland, die Zubereitung von Mahlzeiten, das Mitbringen bestimmter Lebensmittel aus dem Herkunftsland oder das Hören von Musik, die an die Heimat erinnert und natürlich das Pendeln zwischen den kulturellen Kontexten, die das Leben dieser Menschen prägen, sowie das Festhalten an religiösen Festen und Zeremonien sind hier nur einige Beispiele. Befragt man Menschen nach der Rolle dieser Rituale und Praktiken, wird schnell deutlich, dass sie ihnen Bezüge ermöglichen, die in einem durch Mobilität gekennzeichneten Leben nicht immer einfach zu halten sind. Musik, Filme, Zeitungen, Literatur, Lebensmittel, Kleidung und andere materielle sowie immaterielle Dinge sind folglich wichtige Werkzeuge der Mobilität und bestimmende Faktoren kultureller Praxis gleichermaßen. Und längst ist in diesem Zusammenhang auch das Internet zu einem zentralen Moment der Mobilität geworden. Menschen nutzen es, um die Kommunikation mit den verschiedenen Bezugspunkten aufrecht zu erhalten, die ihre Lebenswelt bestimmen. Durch Anwendungen wie E-Mail, Chat und Facebook bieten sich preisgünstige Möglichkeiten, um am Alltag der Familie und der Freunde teilzuhaben, die an anderen Orten der Welt leben. Das Internet wird aber auch dazu genutzt, um kostengünstige Reisemöglichkeiten ausfindig zu machen, Fotos zu tauschen oder geliebte Musik und Filme zu finden. Zudem bietet es die Möglichkeit, sprachliche Barrieren zu überwinden und sich über aktuelle Entwicklungen in Politik, Kultur und Sport im Herkunftsland zu informieren.

Während sich für viele Menschen, deren Lebensalltag von Mobilität geprägt ist, die Lebenssituation durch das Wagnis, ihre Heimat zu verlassen, verbessert hat, darf nicht vergessen werden, dass dies nicht auf alle zutrifft. Vor allem Flüchtlinge und AsylwerberInnen sind in ihrem durch Mobilität geprägten Leben paradoxerweise auffällig immobil. Oft müssen sie in beengten Massenunterkünften über Monate oder Jahre leben, dürfen den Ort nicht verlassen, an dem sie registriert sind und es ist ihnen untersagt, eine Arbeit aufzunehmen. Flüchtlinge leben oft in sozialer Isolation, die psychische Störungen sowie psychogene Krankheiten mit sich bringt. Aufgrund dieser tief greifenden Folgen muss bei der Auseinandersetzung mit Mobilität auch immer das Phänomen der Immobilität samt seinen negativen Folgeerscheinungen mitgedacht werden. Auch stellt sich hier die grundlegende Frage, wie gerecht der Zugang zu Mobilität und den daraus resultierenden Möglichkeiten verteilt ist.

Abschließend kann festgehalten werden, dass Mobilität ein vielschichtiges Phänomen ist. Sie prägt das Leben vieler Millionen Menschen weltweit, symbolisiert Lifestyle und ist gleichzeitig für nicht wenige mit ökonomischen, gesellschaftlichen und politischen Zwängen verbunden. Der eingangs zitierte deutsch-türkische Satiriker Osman Engin hat vielleicht gar nicht so unrecht, wenn er sagt, dass sich MigrantInnen in einer Endlosschleife des Einwanderns befinden. Freilich meint er damit nicht, dass MigrantInnen tatsächlich jeden Tag von neuem einwandern, sie aber durch öffentliche und politische Diskurse zu Dauereinwanderern gemacht werden. Mobilität ist insofern ein Phänomen, das den Einen als Stigma zugeschrieben wird und für die Anderen Ausdruck eines postmodernen Lebens ist.

Oliver Hinkelbein ist Lektor am Institut für Ethnologie und Kulturwissenschaft an der Universität Bremen. Seit vielen Jahren lehrt und forscht er zu den Themen Migration, Mobilität, neue Medien und Technologien.

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