Zwischen den Fronten

Von Sagar Bishwakarma ·

Sagar Bishwakarma widmet sein Leben der Dalit-Bewegung in Nepal. Er erzählt seine Geschichte.

Die 4,5 Millionen Dalits in Nepal waren immer die Ärmsten der Armen. Seit der jüngsten Eskalation des neunjährigen Bürgerkriegs sind sie außerdem noch zwischen die Fronten geraten: Die maoistischen Rebellen betrachten sie als logische Verbündete, während die Armee von König Gyanendra ihnen die Unterstützung der Maoisten vorwirft und hart gegen sie vorgeht.
Sagar Bishwakarma ist Präsident des Dachverbandes der Dalit-Organisationen in Nepal und Gründer und Direktor der Dalit Human Rights Organisation.


Ich stamme aus einem sehr entlegenen Teil Nepals, aus dem Grenzgebiet zu Tibet im Westen des Landes. Meine Familie gehört zur Kaste der Schmiede – mein Vater und mein Großvater machten landwirtschaftliche Werkzeuge für Leute aus den höheren Kasten. Ich war der erste in meiner Familie, der in die Schule ging.
Selbst als kleines Kind war ich sehr auf meine Rechte bedacht. In meiner Schulklasse gab es vier Dalits. Die Lehrer erklärten uns das gesellschaftliche System in der Regel, indem sie sagten: „Ihr seht also, Hr. Sagar stammt aus einer Kaste von Schmieden – er kann nicht den Tempel besuchen oder gemeinsam mit Menschen aus höheren Kasten essen. Hr. X dagegen stammt aus einer höheren Kaste … .“ Wir litten unter der selben Diskriminierung wie alle Dalits. Wir durften weder das selbe Wasser trinken noch die selbe Seife benutzen wie die Leute aus höheren Kasten und auch nicht den Tempel besuchen.
1990 wurde im Dorf Dassain gefeiert, ein nationales Fest in Nepal. Es wurde von den Brahmanen organisiert, und alle wurden gebeten, einen Beitrag zu leisten. Die höheren Kasten wurden gebeten, Ghee (Butterfett) zu spenden, während man den Dalits sagte, sie sollten ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen. Ich beschloss, mir das nicht länger gefallen zu lassen, und zusammen mit meinen vier Freunden und meinem älteren Bruder forderten wir, dass die Dalits auch Ghee spenden sollten. Ich war 17. Es gab gewaltigen Ärger und wir wurden verprügelt.

Ich glaube, dass ich zu diesem Zeitpunkt beschloss, mein Leben der Dalit-Bewegung zu widmen. Am Anfang unterstützte mich meine Familie nicht. Sie hatten Angst um mich. Aber mein Vater begriff dann, dass meine Tätigkeit wichtig war, und erlaubte mir, weiterzustudieren. Ich hielt mich mit verschiedenen Jobs über Wasser, studierte Jus und ging schließlich nach Kathmandu, um einen Universitätsabschluss zu machen. Aber dort stieß ich auf andere Formen der Diskriminierung. Einmal schrieb ich einen Artikel für eine landesweit erscheinende Zeitung, den sie nicht veröffentlichten, weil ich ein Dalit war. Also gründete ich meine eigene Zeitung.
1995 gründete ich eine Organisation, die Dalit Human Rights Organization. Von internationalen Agenturen erhielten wir eine kleine Förderung, und wir begriffen, dass die Dalits eine politische Vertretung brauchten, weil wir sonst nichts in der Hand hätten. 2003 rief ich die Dalit NGO Federation ins Leben, um die verschiedenen Gruppen zusammenzubringen, die sich mit dem Thema befassten. Dalits sind kaum politisch repräsentiert, im Unterhaus überhaupt nicht, und im Oberhaus gibt es nur wenige. Ich war fest entschlossen, das zu ändern.

Die aktuelle Situation in Nepal mit der de-facto Suspendierung der Demokratie ist für Dalits sehr schwierig. Wir fühlen uns sehr unsicher und trauen uns nicht, den Mund aufzumachen. In den Dörfern wurden Leute verprügelt, festgenommen und umgebracht. Bisher wurden 22 Dalit-AktivistInnen verhaftet. Einer meiner Kollegen wurde zusammengeschlagen. Rund 50.000 Menschen wurden aus ihren Dörfern vertrieben und leben unter schrecklichen Umständen. Nicht einmal ihre elementarsten Menschenrechte sind gewährleistet, ihre Kinder können nicht in die Schule gehen, und sie können nicht arbeiten. Was es an Hilfe gibt, bekommen außerdem die Leute aus höheren Kasten und nicht die Dalits. Nach einer aktuellen Studie erreichen nur zwei Prozent aller Mittel, die für Dalits bestimmt sind, tatsächlich die Dalit-Gemeinschaften.
Das einzige Gute an der derzeitigen Situation ist, dass sie uns hilft, die internationale Aufmerksamkeit auf die Lage der Dalits in Nepal zu lenken und Bündnisse mit anderen pro-demokratischen Gruppen im Land zu schließen. Ich glaube, dass die Rechte der Dalits in meinem Land, ebenso wie die Rechte der Frauen und der indigenen Völker, eng mit der Demokratie zusammenhängen. Ohne Demokratie können wir nicht für unsere Rechte eintreten. Ohne Demokratie gibt es für Dalits keine Hoffnung auf Veränderung. Und ich glaube, dass eine Veränderung möglich ist.

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