Blauer Dunst gegen grüne Natur

Wieso wir die beträchtlichen Folgen für die Umwelt, die Tabakproduktion und -konsum mit sich bringen, mehr beachten sollten. Markus Wanzeck recherchierte.

Tabakpflanzen gedeihen sowohl in Deutschland als auch, wie hier, in Ometepe, Nicaragua. Um sie gewinnbringend nutzen zu können, brauchen sie viel Wasser, Nährstoffe und Chemie, unter anderem, um Pilze und Unkraut fernzuhalten.© Christian Heeb / laif / picturedesk.com

Delhi, Indien. Inoffizielle Welthauptstadt der schlechten Luft. Man hätte sich keinen trefflicheren Ort ausmalen können für eine Konferenz im Namen des blauen Dunstes. Am 7. November 2016, einem Montag, an dem die mehr als 5.000 Schulen der Stadt wegen Smogs geschlossen blieben, kamen hier Abgesandte aus 180 Ländern zusammen, um über die weitere Umsetzung der WHO-Rahmenkonvention zur Tabakkontrolle zu beraten. Mit dieser sollen die gewaltigen gesundheitlichen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Probleme des Rauchens bekämpft werden.

Und die ökologischen. Denn was bei Debatten rund um das Rauchen oft nicht angesprochen wird: Es geht nicht zuletzt um die Umwelt.

Tabak ist, was Nährstoff- und Wasserverbrauch angeht, eine der gierigsten – und erosionsintensivsten – Nutzpflanzen überhaupt. Für das Trocknen von Tabak gehen abermals große Mengen Holz in Rauch auf. Die meisten Filter, aus biologisch nur schwer abbaubaren Kunststofffasern, vollgesogen mit diversen Giften, in Wiesen, Wäldern und den Weltmeeren. Jede Zigarette für sich: nur ein kleines Problem. Die Summe dieser Mini-Probleme ergibt ein gewaltiges von globalen Dimensionen.

Weltweit rauchen eine Milliarde Menschen. Zusammen lassen sie jedes Jahr rund 6.000 Milliarden Zigaretten in Rauch aufgehen, selbstgedrehte nicht mitgerechnet. Schätzungsweise sechs Millionen Todesfälle jährlich sind auf Rauchen oder Passivrauchen zurückzuführen – mehr als auf Malaria, Tuberkulose und Aids zusammengenommen.

„Die gesundheitlichen Auswirkungen des Tabakkonsums sind wohlbekannt“, stellt ein WHO-Bericht fest. „Weniger Beachtung finden jedoch die beträchtlichen Folgen für die Umwelt, die Tabakproduktion und -konsum mit sich bringen.“

Die Delegierten der Konferenz in ­­­­Delhi möchten das ändern, wollen bei PolitikerInnen und in der Öffentlichkeit ein Problembewusstsein schaffen. Sie wissen, das wird nicht einfach.

Kollateralschäden. Die Menge des weltweit geernteten Tabaks hat sich in den vergangenen fünf Jahrzehnten fast verdoppelt. 1963 lag die globale Produktion bei knapp 4,3 Millionen Tonnen, 2013 bei fast 7,5 Millionen Tonnen. Der bei weitem größte Rohtabak-Produzent ist China, gefolgt von Brasilien und Indien, den USA, Indonesien und Malawi.

Die Studie „Tabak: unsozial, unfair, umweltschädlich“ der Organisationen Brot für die Welt, Unfairtobacco.org und des Forums Umwelt und Entwicklung macht klar, Tabak ist durch und durch unnachhaltig: Um eine Tonne Rohtabak zu erzeugen, werden knapp 3.000 Kubikmeter Wasser benötigt. Das ist etwa mehr als doppelt so viel wie bei Mais.

Stichwort Nährstoffe: Im Vergleich zu Mais oder Reis entzieht er dem Erdreich ein Vielfaches an Kalium, Phosphor und Stickstoff. Die Böden erodieren zudem schneller als bei allen anderen Nutzpflanzen. Mehr als fünfmal so rasch wie etwa beim Anbau von Baumwolle.

Tabak ist nicht nur bemerkenswert durstig und hungrig, sondern auch anfällig für Schädlinge und Blattkrankheiten – zumal in jenen feuchtwarmen Regionen, in denen sich nicht nur Tabak, sondern auch der Blauschimmel und andere Pilzarten wohlfühlen. Viele Tabakbäuerinnen und -bauern greifen deshalb tief in den Chemiekasten, um diese fernzuhalten.

In Entwicklungs- und Schwellenländern, wo die Pflanze vorwiegend angebaut wird, sind die Umweltauflagen bezüglich Pestiziden, Fungiziden und Insektiziden vielerorts nicht besonders hoch oder werden schlicht nicht eingehalten.

Mancherorts könne man Tabak überhaupt nur anbauen, weil dort exzessiv Pflanzenschutzmittel zum Einsatz kommen, sagt Udo Kienle vom Institut für Agrartechnik der Universität Hohenheim: „Darunter sind einige Mittel, die in der EU längst verboten sind, weil sie unter Umweltschutzgesichtspunkten oder aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr tragbar waren.“

Europa exportiert Umweltprobleme, wie in anderen Wirtschaftsbereichen auch.

Kahlschlag. „In manchen Gebieten Afrikas findet tabakbedingt eine großflächige Abholzung statt“, erklärt Kienle. „Um Tabakblätter zu trocknen, werden ganze Wälder gerodet.“ Falls sie nicht schon gefällt wurden, um neue Flächen für den Tabakanbau zu schaffen.

Beidem zusammen, Anbau und Trocknung, fallen weltweit jedes Jahr mindestens 200.000 Hektar Wald zum Opfer. Waldgebiete, die einerseits beim Verbrennen große Mengen CO2 freisetzen und andererseits als Kohlenstoffspeicher nicht mehr zur Verfügung stehen, denn die Rodungsgebiete werden nicht in nennenswertem Umfang wiederaufgeforstet. Indonesien, wo auch die Palmölindustrie in großem Stil brandschatzt, zählt ebenso zu den Kahlschlaggebieten wie der Bandarban-Distrikt in Bangladesch und der Miombo in Afrik südlich des Äquators, der größte zusammenhängende Trockenwaldgürtel der Erde. Mehrere 10.000 Hektar Miombo-Wald gehen allein in Tansania alljährlich für die Tabakproduktion in Rauch auf.

Besonders rodungsintensiv ist der Virginia-Tabak, aus dem Zigaretten großteils bestehen. Während manche Tabaksorten sonnen- oder luftgetrocknet werden, benötigt Virginia-Tabak eine Trocknung im Heißluftverfahren. Dafür könnte theoretisch ein kohle-, strom- oder solarbetriebener Ofen sorgen. Auf der Webseite von British American Tobacco ist denn auch betont neutral von einer „externen Wärmequelle“ die Rede. Tatsächlich greifen die Bäuerinnen und Bauern in Afrika, Asien und Südamerika mangels Alternativen oft zum Naheliegendsten und Günstigsten: Holz. Um ein Kilogramm Virginia-Tabak zu trocknen, werden bis zu neun Kilogramm Holz verheizt.

China: Rauchen wird immer beliebter. Ab 2020 prognostiziert die WHO 2,2 Mio. chinesische Tabak-Tote pro Jahr.© STR / AFP / picturedesk.com

Problemmüll. Nach dem Anzünden, mit dem Erlöschen der Glut, wird aus dem Klimaproblem Zigarette ein Müllproblem. Die meisten Zigarettenstummel, weltweit schätzungsweise drei Viertel, werden achtlos in die Landschaft, auf den Gehsteig, aus dem Fenster geschnippt. Zigarettenstummel machen bis zu 50 Prozent der achtlos weggeworfenen Gegenstände aus. Seit Jahrzehnten sind sie die häufigsten an Stränden gefundenen Müllobjekte.

Die Filter bestehen zum größten Teil aus Celluloseacetat-Fasern und bauen sich nur sehr langsam ab. Sie sind angereichert mit Arsen, Blei, und Kadmium, beinhalten aromatische Kohlenwasserstoffe, Pestizidrückstände und natürlich Nikotin und Teer.

Fische, Vögel und Meeressäuger verwechseln Filter mit Futter und vergiften sich daran. Auch biologisch abbaubare Zigarettenfilter sind keine echte Alternative. Sie würden noch mehr RaucherInnen dazu animieren, ihre Stummel in die Landschaft zu schnippen, befürchtet Elizabeth Smith, Professorin für Sozial- und Verhaltensforschung an der Universität von Kalifornien in San Francisco. Das Problem der im Filter steckenden Giftstoffe wäre dadurch keineswegs aus der Welt.

Smith, die seit vielen Jahren über den gesellschaftlichen Einfluss der Tabakindustrie und die politischen Möglichkeiten der Tabakregulierung forscht, sieht nur eine Lösung: „Allein das Verbot von Einwegfiltern kann Abhilfe schaffen.“

Entzug. Die Abschaffung von Einwegfiltern ist auch eine der zentralen Empfehlungen des WHO-Berichts, der im Vorfeld der Delhi-Konferenz veröffentlicht wurde. Eine weitere ist, die Industrie entschiedener für die Umweltfolgen von Tabakproduktion und -konsum haftbar zu machen. Objektiv betrachtet ist dies eine naheliegende Forderung, nicht allerdings aus Sicht der Tabakindustrie. Schließlich funktioniert ihr Geschäftsmodell nur deshalb, weil der Großteil der Folgekosten für die Umwelt sowie für die Gesundheit der Raucher und Passivraucher auf die Gesellschaft abgewälzt wird.

Würden die 180 Unterzeichnerländer der WHO-Rahmenkonvention Ernst machen und der Zigarettenkonsum nähme in Folge rapide ab, wäre das für alle anderen Player global gesehen wie ein kalter Entzug: kurzfristig Nervosität und Unwohlsein, langfristig gesteigerte Lebensqualität.

Markus Wanzeck ist Reporter und Redakteur bei der Agentur Zeitenspiegel. Seine Recherchereisen führen ihn regelmäßig nach Asien und Afrika.

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