Die Welt schrumpft

1857 wurde das erste Unterwasserkabel im Atlantik von Irland nach Neufundland verlegt. Heute erlebt ein Individuum in seinem Leben gleich mehrere Revolutionen im Bereich weltweiter Kommunikation. Persönliche Eindrücke einer Auswandererin.

Von Yvonne A. Kienesberger
MitarbeiterInnen eines Callcenters auf den Philippinen bedienen ihre Kunden in den USA.

Meine Eltern wanderten in den 1970er Jahren von Österreich nach Südafrika aus. Alle paar Monate konnten sie sich telefonisch zu Hause melden. Doch das war kompliziert und teuer. Ein Jahrzehnt später, wieder zurück in Österreich und schon mit einem eigenen Festnetzanschluss, stand plötzlich ein großes Ungetüm in unserem Wohnzimmer, das nicht mehr als eine Textverarbeitungsmaschine zu sein schien. Aber es konnte noch etwas anderes, für uns Kinder wie die Erwachsenen gleichsam Faszinierendes: wir versandten und empfingen damit „Telexe“, primitive Vorreiter der E-Mails. Später erreichten uns die ersten Ansätze einer „mobilen“ Kommunikation. Das erste Autotelefon meines Vaters war ein riesiges Ding, das da zwischen den Vordersitzen im PKW montiert wurde – und im Berg- und Tunnelland nur selten störungsfrei funktionierte.

In meiner Studienzeit erstand ich den ersten eigenen PC – mit einem Modem, das es gerade einmal erlaubte, Text zu versenden. Die Verbindungsgeschwindigkeit erhöhte sich mit der Zeit, die Computer selbst wurden auch schneller. Man spricht vom Mooreschen Gesetz, das besagt, das sich ungefähr alle 18 Monate die Anzahl der Transistoren pro Flächeneinheit auf einem Computerchip verdoppelt. Das Gesetz wurde 1965 formuliert, ist seither gültig und wird es „noch eine ganze Weile“ bleiben, wie einer der Hersteller, Intel, verspricht. Und was war das Bahnbrechendste im Kommunikationsbereich der letzten Jahre?

Der Geschäftsführer des argentinischen Software-Unternehmens AIVO, Martín Frascaroli, kommt mir unverhofft zu Hilfe. Auf die Frage, was für ihn persönlich die wichtigste weltverändernde Errungenschaft der letzten Jahrzehnte sei, erwartete ich die üblichen Antworten wie „Internet“ oder „E-Mail“. Er meint jedoch, ohne zu zögern: „Das begann vor fünf Jahren mit Facebook und Twitter, mit der mobilen Kommunikation über Soziale Medien …“

Der norwegische Ethnologe Thor Heyerdahl meinte einmal, unsere Zivilisation wäre von der Minute an gewachsen, in der wir unsere Kommunikation mit anderen gefunden hatten. Der anerkannte Bildungstheoretiker Robert M. Hutchins setzte diesen Gedanken fort: „Eine Weltgemeinschaft kann nur bestehen mit Weltkommunikation.“

Heute sitze ich in Argentinien und kommuniziere mit der ganzen Welt über Facebook, Twitter und Skype. So erreiche ich auch meine Familie in Österreich und Südafrika günstig, schnell und unkompliziert. Soziale Interaktion 2.0. Die neue „Social Media“-Generation wächst nicht mehr nur bildlich gesprochen im Internet auf. Eltern legen bei der Geburt ihres Kindes eine Facebook-Seite an. Der erste Zahn und die ersten Schritte werden auf Facebook dokumentiert, nicht mehr im verstaubten Fotoalbum. In den Schulen wird Teenagern in einem eigenen Social Media-Unterricht beigebracht, dass das Weitergeben von Passwörtern kein Liebesbeweis, sondern gefährlich ist. Ältere UserInnen verlassen Facebook schon wieder und sehen sich nach Alternativen wie google+ um, weil „bei Facebook jetzt auch meine Eltern sind und die nicht unbedingt wissen müssen, was ich so den ganzen Tag mache“.

Die Welt wird auch für Neue Selbständige immer kleiner. Als freie Journalistin, als Fotograf, Designerin oder Programmierer kann man von überall aus arbeiten, sitzt man in einem Büro in Wien oder liegt man in der Hängematte an einem Strand in der Karibik. Neue Technologien machen es möglich: man ist mobil und ungebunden.

Große Unternehmen nutzen das schon etwas länger und effektiver. Intel arbeitet an neuer Software im „weltweiten Team“, um nur ein Beispiel zu nennen. Kommt eine der Projektgruppen früh morgens ins Büro in Córdoba, Argentinien, findet es in der Mailbox eine aktualisierte Version der Software vor, an der „über Nacht“ Programmierer in Bangalore, Indien, gearbeitet haben. Abends wird die weiterentwickelte Version an ein Team in Nordamerika geschickt.

E-Mails haben noch einen konkreten Adressaten. Aber wen sprechen wir mit Facebook- oder Twittereinträgen eigentlich an? „Freunde“? „Follower“? Heutzutage können wir schon nicht einmal mehr sicher sein, wen wir anrufen und wo dieser Jemand sitzt.

Lateinamerikanische Staaten sind nach Indien beliebte Outsourcing-Ziele europäischer und nordamerikanischer Unternehmen. Die Liste der Dienstleistungen, die ausgelagert werden, ist so lange, dass man sich fragt, was heutzutage noch in den Ursprungsländern selbst angeboten wird. In seinem Buch „Die Welt ist flach“ gibt der US-Journalist Thomas Friedman als Beispiele unter anderem das Anfertigen von Steuererklärungen, das Bewerten von Röntgenbildern bis hin zum klassischen Call Center an.

Auch im argentinischen Córdoba, wo ich seit einiger Zeit wohne, finden sich viele solcher Telefonzentralen, in denen StudentInnen Servicegespräche mit KundInnen von Unternehmen der westlichen Welt führen. In einem Gespräch mit einem Supervisor fand ich heraus, dass Call Center-MitarbeiterInnen nur vier bis sechs Stunden pro Tag arbeiten dürfen. Es ist anstrengend, rund um die Uhr im Schichtbetrieb Anrufe zu beantworten, die hauptsächlich Beschwerden darstellen. Das kann auf Dauer „auf die Nerven“ gehen. Trotzdem ist der Job bei den StudentInnen beliebt, weil man eben weniger Stunden arbeitet und der Lohn in einer Art Kollektivvertrag geregelt ist.

Für die Staaten selbst kann sich die Ansiedelung ausländischer Unternehmen auf verschiedene Art rentieren: Das Bildungsniveau wird gehoben, da Regierungen wie Arbeitgeber in eine gute Ausbildung der Arbeitskräfte vor Ort investieren, die Länder generieren (im besten Fall) zusätzliche Steuereinnahmen.

Konnten wir bisher noch sicher sein, mit Menschen zu kommunizieren, wo auf dieser Welt diese auch sitzen mögen, so ist das heute auch nicht mehr immer der Fall. Der – noch kostengünstigere und effektivere – Trend geht zum Einsatz so genannter „Virtual Agents“, also computergenerierter Call Center-„Angestellter“, die unsere Beschwerden entgegennehmen, Fragen beantworten und mit uns kommunizieren.

In den Sozialen Medien verbreitet sich Information unglaublich schnell. Einmal in Facebook oder Twitter gepostet, weiß die Welt in Sekundenschnelle, dass sich ein tibetischer Mönch im Protest gegen die chinesische Regierung selbst angezündet hat oder dass es bei Demonstrationen zu Zusammenstößen mit der Polizei gekommen ist – auch wenn davon in den staatlichen Medien womöglich nichts erwähnt wird. Regierungen weltweit versuchen deshalb der „Bedrohungen“ aus dem Internet mit neuen Gesetzen Herr zu werden. Das Volk antwortet mit Massenprotesten online und auch auf der Straße.

Aber „Information ist nicht Wissen“, meinte schon Albert Einstein. Wir leben in Zeiten eines Überangebots und es wird immer wichtiger, gute von schlechter, wahre von falscher Information unterscheiden zu lernen. Wissensvermittelnde Berufe wie LehrerInnen und JournalistInnen sollten uns dabei helfen, einem „Social Media Burnout“ durch „Informations-Overkill“ zu entgehen. Oder aber wir „googlen“ ganz einfach nach einer Yoga-Klasse in Youtube und „downloaden“ uns Meditationsmusik und Walgesänge. Entspannung 2.0 sozusagen.

Mobile Kommunikation über Soziale Medien – DIE Revolution im Kommunikationsbereich der letzten Jahre – macht unsere Welt um vieles kleiner und wird das künftig weiter tun. Nur eines hat sich nicht geändert: Unterseekabel können auch nach mehr als 150 Jahren noch zum Thema werden. Dann nämlich, wenn wichtige Glasfaserverbindungen durch zum Beispiel einen Schiffsanker beschädigt werden, was zu regionalen Internetausfällen führt. Dort steht die Welt dann für Augenblicke still.

Die österreichische Autorin und Journalistin Yvonne A. Kienesberger lebt seit mehreren Jahren in Córdoba, im Norden Argentiniens.

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