Globalisierungsgewinner Yoga

Der Export von Indien in den Westen hat Yoga möglicherweise vor dem Vergessen gerettet. Allerdings zum Preis einer radikalen Uminterpretation.

Von David Signer
Yoga goes Pop: Die Beatles in Begleitung bei Maharishi Mahesh Yogi, 1968.

Die Globalisierung führt nicht einfach zur Verallgemeinerung des westlichen Lebensstils, sondern manchmal auch zu überraschenden Umkehrungen. So ist Yoga heute in Europa und den USA populärer als in Indien, wo es herkommt. Zwar hat das moderne Yoga, von Prominenten wie Madonna, Lady Gaga oder Wolfgang Joop propagiert, „Power-Yoga“ oder „Business-Yoga“ kaum noch etwas mit dem ursprünglichen indischen Yoga zu tun. Aber dass alles im Fluss ist, lehrte schon Buddha. Der historische Wandel macht auch vor Religion und Spiritualität nicht halt. Und wäre Yoga nicht in den Westen exportiert und dort transformiert worden – wer weiß, wie lange es überhaupt noch existiert hätte.

Die Ausbreitung von Yoga in den Westen erfolgte über einen Zeitraum von rund hundert Jahren. Das ist nichts im Vergleich zum Alter dieser Tradition. Der Begriff „Yoga“ und gewisse Stellungen und Atemübungen als Hilfsmittel der Meditation werden zum ersten Mal ca. 500 v. Christus in den altindischen Upanishaden, einer Sammlung philosophischer Schriften des Hinduismus, erwähnt. Vor etwa 2.000 Jahren systematisierte der indische Gelehrte Patanjali die Yoga-Grundsätze.

Nach Europa gelangte Yoga zuerst in Form von phantastischen Erzählungen über schmerzunempfindliche Fakire, Gurus, die in eisigen Höhlen im Gebirge lebten und wochenlang ohne Essen auskamen oder Meistern, die Blutdruck, Herzfrequenz und Körpertemperatur willkürlich steuern konnten. So berichtete der Journalist Paul Brunton in seinem Werk „Von Yogis, Magiern und Fakiren“ – nach seinem Erscheinen 1934 ein Kultbuch – von einem Guru in Kalkutta, der sich in Trance versenkte und, mit Ärzten als Zeugen, Karbolsäure, Zyankali und eine Handvoll Scherben verschluckte, ohne irgendwelche Schäden davonzutragen. Brunton selbst zog sich nach seinen Erfahrungen zu einem Meister nach Südindien zurück und wurde bekannt als erster „weißer Yogi“.

Eine Schlüsselfigur bei der modernen Uminterpretierung der Yoga-Philosophie war der Inder Selvarajan Yesudian. Er kam als junger Mann nach Europa, um Medizin zu studieren, und eröffnete zuerst 1939 in Budapest und dann 1948 in Zürich die ersten Yogaschulen. Jene in der Schweiz wurde zur bekanntesten Westeuropas, weitere folgten bald. Die Schweiz war ein fruchtbarer Boden für seine Bewegung: Nicht nur die Lebensreformbewegung schwärmte nebst Freikörperkultur und Vegetarismus für Yoga, auch C.G. Jung und Birchermüesli-Erfinder Max Oskar Bircher-Benner hielten Sessions ab. 1935 traten sogar im Zirkus Knie Yogis auf.

Yesudians Klassiker „Sport und Yoga“ erschien 1941 auf Ungarisch und erreichte, übersetzt in zwanzig Sprachen, eine Gesamtauflage von über vier Millionen. In diesem Werk und in seinem Unterricht favorisierte er das Hatha-Yoga, jene Spielart, die sich vor allem auf Körperübungen („Asanas“) stützt, und die heute für die meisten Leute synonym geworden ist mit Yoga überhaupt, obwohl es ursprünglich nur einen Teil des ganzen Yoga-Komplexes ausmachte. Yesudians Werk diente als Brücke: Einerseits stand es noch ganz in der zivilisationsfeindlichen Tradition, andererseits finden sich darin Sätze wie „Die einzige Glückseligkeit ist, sich selbst zu finden“, die auch aus einem Coelho-Buch stammen könnten.

Definitiv Eingang in die westliche Populärkultur fand Yoga, als die Beatles 1968 Maharishi Mahesh Yogi in seinem Aschram im indischen Rishikesh besuchten. In den folgenden Jahren pilgerten tausende Hippies nach Osten, und Yoga hatte fortan seinen Platz zwischen Raucherstäbchen, Joint, Pink Floyd und Tarotkarten. Als dieser Lebensstil langsam als uncool galt, fiel auch Yoga in Ungnade – bis es vor ein paar Jahren von der Wellness-Generation wieder entdeckt wurde: Als Technik zum Entspannen und „Auftanken“. Davon zeugen all die neuen Bücher von „Baby-Yoga“, „Lach-Yoga“, „Hormon-Yoga“ bis zu „Yoga für Dummies“ und „Besserer Sex durch Yoga“. Dank all der Hollywoodstars, Models und ModedesignerInnen, die heute Yoga propagieren, erscheint es als perfektes Mittel, um sich fitter, erfolgreicher und sexier zu machen. Das zeigt sich schon an all den Spiegeln, die die modernen Yoga-Studios zieren. Wie es jedoch das Sanskritwort Yoga (wörtlich „Joch“) signalisiert, ging es ursprünglich um das Gegenteil: Um Askese und Rückzug, um die Vorstellung, dass alles Weltliche bloß Leiden, Illusion und Vergänglichkeit sei, um die Abtötung der Begierden und die Auslöschung des Ich. In der Bhagawad Gita, einer der maßgeblichen Schriften des Hinduismus, heißt es: „Der Yogi soll beständig sich mühen in der Einsamkeit, allein bezähmend Sinn und Selbst, nichts hoffend, ohne Besitz.“ Die Ironie der Geschichte will es, dass man inzwischen im Westen Yoga fast schon praktizieren muss, um „in“ und „dabei“ zu sein.

David Signer ist Journalist, Ethnologe und Schriftsteller. Er lebt in Zürich.

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