Große DenkerInnen zum Thema Kooperation

Robert Owen (1771-1858)

„Es gibt nur einen Weg, auf dem der Mensch das immerwährende Glück, zu dem seine Natur fähig ist, empfangen kann: die Vereinigung und die Zusammenarbeit aller zum Vorteil eines jeden.“

Robert Owen, ein aus Wales stammender Industrieller, gilt als Begründer der modernen Genossenschaftsbewegung. Er war im Baumwollgeschäft erfolgreich, aber die schreckliche Armut und das Leiden der Menschen in der Zeit des frühen Kapitalismus brachten ihn auf eine andere Idee: „Gemeinschaftssiedlungen“, wo Menschen in einem gemeinschaftlichen und humanen Umfeld leben und arbeiten konnten. Er war ein echter Radikaler, attackierte die Familie, das Privateigentum, die Marktwirtschaft und die etablierte Religion, und hielt nicht viel von Konsumgenossenschaften. „Genossenschaftlicher Einzelhandel“, sagte er, „wird nicht zu den Vorkehrungen in der neuen moralischen Welt gehören.“

Er startete sein genossenschaftliches Experiment in seiner Textilfabrik im schottischen New Lanark an den Ufern des River Clyde. Es verlief erfolgreich – schließlich lebten 2.500 Menschen, darunter 500 Kinder, in seiner Baumwollfabriksiedlung, viele aus den Elendsvierteln von Glasgow und Edinburgh. Er versuchte dann, im schottischen Orbiston und in New Harmony im US-Bundesstaat Indiana ähnliche Gemeinschaften zu gründen, was aber scheiterte. Er war der Ansicht, dass Zusammenarbeit zu finanzieller Unabhängigkeit und Selbstverwaltung und mit dem langsamen Verschwinden von Konkurrenz und Kapitalismus letztlich zu einer klassenlosen Gesellschaft führen würde.

Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818-1888)

„Wer anderen hilft, hilft sich selbst.“

Der deutsche Unternehmer Friedrich Raiffeisen war ein glühender evangelischer Christ, der aus eher bescheidenen Verhältnissen stammte und wenig formelle Bildung genossen hatte. Nachdem er seine Offizierslaufbahn bald wegen eines Augenleidens abbrechen musste, war er Kommunalbeamter und Bürgermeister mehrerer kleiner Städte, erwarb später eine Zigarrenfabrik und war im Weinhandel tätig.

Während der Hungersnot von 1846-47 – Raiffeisen war damals Bürgermeister von Fallmersfeld – wurde er Zeuge des Elends und der Not der Landbevölkerung. Viele der Bauern waren eben erst aus der Leibeigenschaft entlassen worden und mussten sich zu hohen Zinssätzen bei Kredithaien verschulden. Raiffeisen sammelte Spenden, um Mehl zu kaufen, und verteilte Brot an die Armen. Schließlich brachte ihn sein Konzept der Selbsthilfe dazu, 1854 eine erste ländliche Kreditgenossenschaft zu gründen. Raiffeisen überzeugte die Bauern von der Idee und bewies, dass arme Leute kreditwürdig sind. 1913 waren mehr als zwei Millionen Menschen in Deutschland Mitglieder von Kreditgenossenschaften, die meisten in kleineren Orten. Die Idee breitete sich rasch nach Kanada, in die USA sowie in andere Länder Europas aus. Heute haben Kreditgenossenschaften schätzungsweise 186 Mio. Mitglieder in mehr als 100 Ländern.


Peter Kropotkin (1842-1921)

„Die Lektion der Evolutionsgeschichte besteht darin, dass wir einen vorzeitigen Untergang unserer Art nicht durch Vorherrschaft verhindern werden, sondern durch die Erhaltung der Umwelt, Interaktion und die Bildung von Netzwerken.“

Der russische Naturforscher, Philosoph und Anarchist war ein produktiver Autor und brillanter Denker mit weit gestreuten Interessen. In seinem Werk „Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“ (engl. Originalausgabe: „Mutual Aid. A Factor of Evolution“) versuchte Kropotkin zu zeigen, dass Arten, deren Individuen kooperieren, am ehesten überleben. Seine Überzeugung: Für die menschliche Gesellschaft ist Kooperation nicht nur vorteilhaft, sondern essenziell.

„Jene Tierarten, bei welchen der individuelle Überlebenskampf auf das geringste Ausmaß reduziert und die Praxis der gegenseitigen Hilfe am weitesten fortgeschritten ist, weisen stets die größten Populationen auf, gedeihen am besten und haben die besten Aussichten, sich weiterzuentwickeln. Der gegenseitige Schutz, der in diesem Fall gegeben ist, die Möglichkeit, ein hohes Alter zu erreichen und Erfahrung zu akkumulieren, die höhere geistige Entwicklung sowie die Erweiterung geselliger Verhaltensweisen gewährleisten das Überleben der Art, ihre Ausbreitung und weitere Evolution. Die nicht kooperierenden Arten dagegen sind dem Untergang geweiht.“


Lynn Margulis (1938-2011)

„Das Leben hat die Erde nicht im Kampf erobert, sondern durch Vernetzung.“

Als Lynn Margulis 1966 versuchte, ihr Manuskript über die evolutionäre Veränderung einzelliger Mikroorganismen zu veröffentlichen, wurde sie von sämtlichen führenden Wissenschaftsjournalen abgewiesen. Letzten Endes konnte sie jedoch publizieren, und ihre Forschungsarbeit bewirkte eine Wende in der Evolutionstheorie. Kooperation ist in der Evolution wichtiger als Konkurrenz, so die Schlussfolgerung von Margulis, Professorin für Geowissenschaften an der University of Massachusetts. Diese Erkenntnis gewann sie nicht durch die Untersuchung vollentwickelter Arten, sondern der evolutionären Veränderungen von Einzellern vor Milliarden von Jahren.

„Weit davon entfernt, Mikroorganismen auf der Leiter der Evolution zurückzulassen, sind wir komplexere Wesen nicht nur von ihnen umgeben, sondern bestehen auch aus ihnen. Neue Erkenntnisse der Biologie verändern unsere Sicht der Evolution als permanenter, blutiger Kampf zwischen Individuen und Arten … Lebensformen wurden vielfältiger und komplexer, indem sie andere kooptierten und nicht bloß umbrachten.“


Elinor Ostrom (geb. 1933)

„Es besteht kein Grund für die Annahme, dass Bürokraten und Politiker, wie gut ihre Absichten auch immer sein mögen, Probleme besser lösen können als die Menschen vor Ort, die den stärksten Anreiz haben, die richtige Lösung zu finden.“

Die Politikwissenschaftlerin von der University of Indiana erhielt 2009 im Gefolge der globalen Finanzkrise den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften – gerade zur rechten Zeit, könnte man sagen. Während der Mainstream der Wirtschaftswissenschaft von der Dominanz der Eigennützigkeit ausgeht, fand Ostrom heraus, dass Kooperation oft entscheidend für ein erfolgreiches Management gemeinsamer Ressourcen ist – Habgier ist also nicht immer gut. 1968 argumentierte Garrett Hardin in „Die Tragödie der Allmende“ (engl. „The Tragedy of the Commons“), dass gemeinschaftliche Ressourcen mit hoher Wahrscheinlichkeit übernutzt und schließlich zerstört werden. Ostrom bewies das Gegenteil. Sie zeigte, dass Gruppen durchaus in der Lage sind, gemeinschaftliche Ressourcen wie Wasser, Fischbestände, Weiden und Wälder zu nutzen und zu erhalten. Sie „stellte die übliche Ansicht in Frage, dass gemeinschaftliches Eigentum schlecht verwaltet wird und entweder von zentralen Behörden kontrolliert oder privatisiert werden sollte“, hieß es in der Würdigung der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften.

Ostroms Forschungen zeigen, dass Menschen zusammenarbeiten können, um das Gemeinwohl zu fördern. Eine wichtige Lehre gerade heute, wo so viele der dringendsten Probleme der Menschheit – vom Klimawandel und der Luftverschmutzung bis zur Erschöpfung des Grundwassers und zu globalen Epidemien – eine kollektive Lösung erfordern. Es scheint also, dass die Allmende doch nicht in einer Tragödie enden muss.


David Sloan Wilson (geb. 1949)

„Innerhalb von Gruppen kann sich Eigennützigkeit gegen Kooperation durchsetzen, aber kooperative Gruppen setzten sich gegen eigennützige Gruppen durch.“

Für David Sloan Wilson ist Kooperation die entscheidende Triebkraft in der Natur. Seine Ansichten stehen der Behauptung der VertreterInnen des biologischen Determinismus entgegen, wonach Menschen von Natur aus egoistisch sind und aus Habgier und Eigennutz handeln. Wilson ist Professor für Biologie und Anthropologie in Binghamton, New York. Sein Konzept einer „kooperativen Evolution“ auf Basis einer so genannten „Multilevel-Selektion“ ist in einigen akademischen Kreisen nach wie vor heftigst umstritten, findet aber vermehrt Anerkennung.

Seine Theorie befasst sich mit der natürlichen Selektion auf der Ebene von Gruppen, und zwar sowohl zwischen als auch innerhalb von Gruppen.

„Seit Jahrzehnten wurde uns gesagt, dass Evolution zur Gänze auf einem individuellen und genetischen Egoismus beruht und Gruppen dabei keine Rolle spielen. Ist es also ein Wunder, dass wir zahllose führende Unternehmer, Finanziers und Politiker produziert haben, für die das egoistische Streben nach dem eigenen Vorteil ein Naturgesetz und eine maßgebliche Lebensmaxime ist? Die Wahrheit ist, dass Individuen ein am Wohl ihrer Gruppe ausgerichtetes Verhalten entwickeln können und dass Kooperation die für unsere eigene Art charakteristische Anpassung darstellt. Innerhalb von Gruppen kann sich Eigennützigkeit gegen Kooperation durchsetzen, aber kooperative Gruppen setzten sich gegen eigennützige Gruppen durch.“

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