Karibische Dschihadisten

Warum aus Trinidad und Tobago, 10.000 Kilometer von Syrien entfernt, überraschend viele IS-Rekruten stammen, informiert Benjamin Breitegger.

Shootingstar der Islamisten: Shane Crawford alias Abu Sa‘d at-Trinidadi reiste 2013 nach Syrien, um für den IS zu kämpfen. Das ISPropagandamedium Dabiq bat ihn 2015 zum Interview.© Benjamin Breitegger

Wenn TouristInnen auf der kleinen Insel Tobago landen, direkt neben dem türkisen Meer, die Palmen und Buchten erspähen, beginnt für sie ein karibischer Traumurlaub: Sandstrände, Korallenriffe und warme Temperaturen. Dreißig Flugminuten mit der Propellermaschine entfernt landen sie auf Trinidad, der größeren der Schwesterninseln vor der Küste Venezuelas, bekannt für die ausgelassenen Karnevalfeiern und für die Erfindung der Steel Pan, einem Schlaginstrument, hergestellt aus alten Ölfässern.

Weniger bekannt sind Trinidad und Tobagos dschihadistische Rekruten. Hier, 10.000 Kilometer entfernt von Damaskus, haben sich proportional mehr Einheimische dem IS in Syrien und im Irak angeschlossen als in jedem anderen westlichen Staat. Und Trinidad und Tobago sieht sich selbst dezidiert als „Westen“. Der Einfluss Nordamerikas ist groß, nicht zuletzt durch die gemeinsame Sprache Englisch.

Mehr als 400 Trinidadier kämpfen für die Islamisten, sagte der Oppositionspolitiker und frühere Minister Roodal Moonilal. Er bezog sich auf Sicherheitsanalysen, die ihm zugespielt wurden. Die Regierung streitet diese Zahlen ab und spricht von 130 Trinidadiern, jungen Männern, alleine oder mit Familie, mit Frauen und Kindern, die in terroristische Aktivitäten im Ausland verwickelt sind. Für die IS-Terrormiliz sind sie nützlich, da sie Englisch sprechen und so weltweit für das Kalifat werben können.

130 trinidadische Dschihadisten nach offiziellen Quellen – diese Zahl überrascht insofern, als Trinidad und Tobago nur 1,3 Millionen Einwohner zählt. Nachkommen afrikanischer und indischer Einwanderer leben hier, Minderheiten wie die syrisch-libanesische oder die portugiesische. Es gibt KatholikInnen und Hindus – und nur knapp 150.000 MuslimInnen, bis zu einem Drittel Konvertierte. Warum finden radikale Botschaften unter ihnen Anklang?

IS-Propaganda treffe hier auf eine bereits etablierte radikale und militante islamistische Gemeinschaft, schreiben die Politikwissenschaftler John McCoy und Andy Knight im Fachblatt „Studies in Conflict and Terrorism“. Der Islam wird dominiert durch die indo-muslimische Gemeinschaft, die auch die größte muslimische Organisation des Landes stellt. Schwarze MuslimInnen, also Afro-Trinidadier und -Tobagonier, fühlen sich nicht immer repräsentiert. In den vergangenen Jahrzehnten klagten sie über Unterdrückung und Benachteiligung.

„Rückkehrer“. In diesem Klima der politischen Ungleichheit entstand die radikal-islamische Organisation Jamaat al Muslimeen. Sie engagierte sich ab den späten 1970er Jahren politisch und speiste sich aus den revolutionären Ideen des Black Power Movement, der Nation of Islam sowie des Panafrikanismus.

Ähnlich der Muslimbruderschaft in Ägypten kümmerte sich Jamaat al Muslimeen um die verarmte Bevölkerung, und stand dafür, gegen Diskrimierung einzutreten. Die meisten dieser Gruppe sind zum Islam konvertiert. Sie nennen sich „Rückkehrer“, hatte doch erst der Kolonialismus das Christentum gebracht. Es geht ihnen um ein Besinnen auf ihre Wurzeln.

Im Sommer 1990, in einer Zeit der wirtschaftlichen Krise, stürmten mehr als 40 Anhänger der Jamaat al Muslimeen das Parlamentsgebäude in Port of Spain, der Hauptstadt Trinidads, und nahmen den Premierminister und sein Kabinett als Geiseln. Zur gleichen Zeit besetzten mehr als 40 Unterstützer die einzige Fernsehstation des Landes, von wo aus der Führer der Jamaat al Muslimeen, Yasin Abu Bakr, die Machtübernahme verkündete. Nach sechs Tagen musste sich die Gruppe der trinidadischen Armee geschlagen geben. Es blieb der einzig islamistisch motivierte Aufstand in einem westlichen Staat. Abu Bakr musste nie ins Gefängnis, er gilt als einflussreicher Krimineller. Mit dem sogenannten Islamischen Staat dürfte er allerdings wenig zu tun haben, denn Leute für den IS zu rekrutieren, so der Kriminologe Daurius Figueira, hielte Abu Bakr nur schlecht fürs Geschäft.

Mächtige Gangs. Es ist schwer nachzuverfolgen, woher die karibischen Dschihadisten kommen und wie sie rekrutiert werden. Jamaat al Muslimeen wandelte sich nach dem fehlgeschlagenen Aufstand in eine kriminelle Bande mit islamistischem Anstrich; dutzende Gangs kontrollieren heute einzelne Landesteile, sie organisieren den Drogen- und Waffenschmuggel und steuern den Menschenhandel aus Lateinamerika über Trinidad in die USA.

Zahlreiche Mitglieder spalteten sich auch ab, auffällig sind Überschneidungen zwischen ihnen und Terrorrekruten. Eine der radikalsten Abspaltungen stellt die Islamische Front (Wajihatul Islamiyyah) dar, die laut ihrem selbsternannten Führer Umar Abdullah, der sich heute als geläuterter Extremist gibt, 300 Mitglieder hat. Auf Trinidad aktiv sind auch Salafistengruppen, deren Mitglieder ab den 1970er Jahren in Saudi-Arabien ausgebildet wurden, den Behörden sind Moscheen bekannt, in denen radikale Prediger lehren. Und wie überall verbreitet sich die Propaganda des IS übers Internet. Das Gerücht, dass der IS pro Tag 1.000 US-Dollar Lohn zahlt, dürfte für manch verarmte Trinidadier einen Anreiz darstellen, nach Syrien zu reisen.

Der wohl bekannteste IS-Kämpfer Trinidads ist Shane Crawford, ein 31-Jähriger, der sich Abu Sa’d at-Trinidadi nennt. Wie die Mehrheit der 130 bekannten Rekruten trat er zum Islam über, im Herbst 2013 reiste er über London und die Türkei nach Syrien aus. At-Trinidadi erscheint in einem Propagandavideo, gemeinsam mit einem anderen Trinidadier, mit dem er eine Moschee frequentiert hatte. Der Imam der Moschee wiederum war am Putschversuch 1990 beteiligt.

Gezielte Propaganda. 2015 veröffentlichte der IS ein elfminütiges Anwerbevideo, das sich an Trinidadier richtet, das Kalifat als „familienfreundlich“ anpreist und „religiöse Freiheit“ verspricht. Vergangenen Sommer dann gab Crawford dem englischsprachigen IS-Propagandamagazin Dabiq ein Interview. Er richtet darin den trinidadischen MuslimInnen aus, sie hätten nun die einmalige Chance, die Ungläubigen in Schrecken zu versetzen und Blut durch ihre Straßen strömen zu lassen.

Bislang ist der IS auf Trinidad nicht verboten, Rückkehrer aus Kriegsgebieten hatten keine Strafe zu fürchten. Erst kürzlich wurde das Antiterrorismus-Gesetz angepasst, um eine Ausreise mit dem Ziel, in Kriegsgebieten zu kämpfen, künftig unter Strafe zu stellen.

Die lokalen Geheimdienste leben vor allem von Tipps von befreundeten Staaten wie den USA. Die Amerikaner trafen sich mit muslimischen Führern im Land und luden manche zu Anti-Extremismus-Workshops in die USA ein. Sie befürchten, dass über bestehende Schmuggelrouten Terroristen aus Trinidad ins Land kommen könnten. Trinidadier reisen visumfrei in der Karibik, die Bahamas liegen nahe der Küste Floridas. Der Premier Trinidads, Keith Rowley, erhielt deshalb bereits einen Anruf von US-Präsident Donald Trump.

Benjamin Breitegger arbeitet als freier Journalist in Wien. Er studierte Sozialanthropologie und besuchte die Deutsche Journalistenschule.

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