Kriminelle als Wohltäter

Während die Welt auf die Bedrohung durch den so genannten Islamischen Staat blickt, sind afrikanische Terrorgruppen seit Jahren auf dem Vormarsch. Sie erhalten Zulauf von jungen Männern ohne Perspektive und verdienen mit kriminellen Geschäften prächtig.

Von Marc Engelhardt
Schwarze Fahnen, kampfbereite Islamisten: Die Symbolik erinnert an den IS. Parade von Mitgliedern der somalischen Shabaab-Bewegung (Aufnahme aus 2011).

Mohammed gehört zu denen, die vor ihren einstigen Brüdern geflohen sind. Jetzt sitzt der 26-jährige mit anderen Ex-Kombattanten der somalischen Shabaab-Bewegung in einem Haus, das eine Hilfsorganisation bereitgestellt hat. Mohammed ist nicht sein richtiger Name, aber seine Geschichte ist wahr. 2010 schloss der junge Mann sich der Shabaab an, berichtet er einem somalischen Journalisten. „Ich hatte keine Arbeit“, sagt er. „Sie versprachen mir viel Geld, ein eigenes Haus und ultimativ das Paradies.“

Nicht nur im arabischen Raum stellen dschihadistische Terrorgruppen eine große Bedrohung dar. Auch in anderen Teilen Afrikas sind solche Bewegungen immer wieder auf dem Vormarsch. Von der Shabaab in Somalia über Boko Haram in Nigeria und bis hin zu Ansar Dine in Mali: Über die Jahre haben sich Terrornetzwerke etabliert. Selbst wenn, wie etwa in Somalia, mit Hilfe von internationalen Militäreinsätzen Erfolge erzielt werden können, gelang es bisher nicht, die Gruppen zu zerschlagen.

Als Somalias notorisch schwache Regierung im September denjenigen eine Amnestie versprach, die der Shabaab abschwörten, überlegte Mohammed nicht lange. Das Paradies hat er nicht gefunden, und auch die anderen Versprechen hielt die Shabaab nicht. Er hofft auf eine bessere Zukunft, auch wenn er im Moment vor allem Angst hat – Angst, dass die Shabaab ihn findet. Denn obwohl der mächtigste Mann der auf einige tausend Mann geschätzten Bewegung, der langjährige Anführer Achmed Godane, im September von einer US-Drohne getötet wurde, und obwohl viele gerade jüngere Kämpfer das Amnestieangebot der Regierung annehmen, ist die islamistische Terrorgruppe nur geschwächt. Besiegt, da ist Mohammed sicher, ist sie noch lange nicht.

Während sich die Shabaab in letzter Zeit auf dem Rückzug befand, sind andere Organisationen, etwa die Boko Haram oder die al-Qaida im islamischen Maghreb (AQMI), überhaupt nicht unter Kontrolle zu bringen. Berichte wie die von Mohammed erklären das Erfolgsgeheimnis von Terrorgruppen wie der Shabaab, glaubt die Terrorexpertin Anneli Botha. Für das südafrikanische Institut für Sicherheitsstudien hat sie 88 ehemalige Shabaab-Kämpfer nach ihren Motiven befragt. Und die scheinen sehr weltlich zu sein: Armut und Perspektivlosigkeit, aber auch das Gefühl, Verlierer der Globalisierung zu sein. Botha stellte zudem fest, dass fast alle Befragten die somalische Regierung als korrupt und eigennützig ablehnten. Überall, wo Islamisten herrschen, füllen sie ein Vakuum, das der Staat hinterlassen hat. Das gilt in Somalia oder Nigeria ebenso wie etwa in Syrien.

Von dort berichten Flüchtlinge, dass IS-Terroristen Bedürftige finanziell unterstützen – etwas, was der Staat seit langem nicht getan hat. Auch dass ausreichend Lebensmittel zu bezahlbaren Preisen verfügbar sind, gehört zur Strategie der IS-Terroristen. Nicht anders machten es die Truppen der AQMI und ihre Verbündeten, als sie Anfang 2012 den Norden Malis einnahmen: von Algerien aus sorgten sie für ständigen Nachschub an Gemüse und Getreide, während sie arbeitslosen Jugendlichen Jobs anboten.

Das Geld der Islamisten verschaffte ihnen Sympathien en masse, denn der Norden Malis war von der Regierung im fernen Bamako jahrzehntelang vernachlässigt worden. Erst als die Besatzer mit brutalsten Methoden Andersdenkende ermordeten, schlug die Stimmung um. Doch da war die Herrschaft der AQMI bereits gefestigt.

Ähnliche Berichte gibt es aus Nigeria, wo Boko Haram seit Monaten weite Teile des Bundesstaats Borno kontrolliert. Dort sagen BewohnerInnen offen, dass sie Boko Haram nicht mehr fürchten als die Armee, die willkürlich Dörfer überfällt und plündert.

In Dschilib in Somalia, einer der letzten Shabaab-Hochburgen, ließen die Islamisten das Ende des Fastenmonats Ramadan zuletzt mit einem „Spaß-Tag“ begehen. Bilder von sackhüpfenden und eierlaufenden Männern unter der schwarzen Fahne der Islamisten (Frauen waren von den Feierlichkeiten ausgeschlossen) wirken unfreiwillig komisch, belegen aber, dass afrikanische Islamisten nicht nur Angst verbreiten, sondern auch als Wohltäter auftreten. Oft stellen sie erstmals seit Jahren überhaupt wieder einen staatlichen Rahmen her – sie gewährleisten Sicherheit, bieten eine allen zugängliche (Scharia-) Justiz und eine Polizeigewalt, die zunächst einmal als unbestechlich gilt, sich in letzter Konsequenz aber natürlich – wie die anderen Institutionen auch – der Terrorgruppe unterordnen muss. Denn: Die Islamisten sind weder Wohltäter noch Staatsgründer, sondern in erster Linie Kriminelle. Ihr Staat hat sich vor allem anderen dem Profitinteresse der Anführer unterzuordnen.

Wie das funktioniert, zeigt das Beispiel der Mitte April von Boko Haram aus dem nigerianischen Dorf Chibok verschleppten, mehr als 240 Schulmädchen. Offiziell verurteilt Boko-Haram-Anführer Abubakar Shekau in zwei Bekennervideos, dass die Mädchen überhaupt zur Schule gingen. „Die Eltern hätten sie besser verheiratet, wie es Sitte ist“, höhnt er. Geflohene BewohnerInnen der Region zeichnen jedoch ein ganz anderes Bild. Sie glauben, Shekau hätte die Schule niemals angegriffen, wenn Eltern, Lehrer und BewohnerInnen das von den Terroristen geforderte Schutzgeld gezahlt hätten.

Bukar Umar, der in Kamuyya lebt, einem nur knapp 50 Kilometer entfernten Nachbardorf, erzählt seine Geschichte, wie sie sich ähnlich in Chibok wiederholt haben soll: „Es tauchten Boko-Haram-Kämpfer in unserem Dorf auf. Sie haben uns gesagt, wir hätten zwei Monate, um 250.000 Naira Steuer zu sammeln.“ Umgerechnet sind das knapp 1.150 Euro, viel Geld in der Region. „Wir haben das deswegen auch nicht so ernst genommen“, gibt Umar zu. Als die Terroristen an einem Sonntag wiederkamen, hatten die BewohnerInnen nicht einmal die Hälfte zusammen. „Daraufhin haben sie ein Blutbad angerichtet.“ Zwanzig Menschen starben, als die Terroristen auf dem Markt das Feuer eröffneten; Dutzende wurden verletzt.

Überall im Norden Nigerias verlangt Boko Haram Steuern – von Muslimen verlangen sie die „Zakat“ genannten Almosen für Bedürftige und Sonderabgaben, etwa für den „heiligen Krieg“; von Andersgläubigen die „Dschizya“ genannte Kopfabgabe.

„Die Tatsache, dass Boko Haram kontinuierlich neue Leute ausbilden und bezahlen, neue Ausrüstung anschaffen und sonstige Kosten decken kann, beweist, dass die Organisation in der Lage ist, sich nachhaltig zu finanzieren“, denkt der nigerianische Analyst Nkwachukwu Orji. Zu den Finanzierungsquellen gehören außer Löse- und Schutzgeldern auch Erlöse, die mit betrügerischen Spam-Mails erwirtschaftet werden. Jene Kriminelle, die versuchen, mittels Mails wie sie auch in Posteingängen in Europa landen zu betrügen, sollen mit der Boko Haram kooperieren.

Auch vom Drogen- und Waffenschmuggel soll Boko Haram profitieren. Alleine 2011 wurde die Gruppe zudem für 100 Banküberfälle verantwortlich gemacht; mehr als 4,3 Millionen Euro wurden dabei erbeutet.

Auch die anderen afrikanischen Terrorgruppen kassieren ordentlich ab: Al-Qaida im Islamischen Maghreb entführt seit langem Sahara-TouristInnen und kassiert von westlichen Regierungen Lösegelder in (Euro-)Millionen-Höhe. Gleich mehrere Terrorgruppen aus der Sahara sind in den Kokainschmuggel verwickelt. Al-Shabaab presst Geschäftsleuten selbst in Gebieten, die unter Kontrolle der Regierung sind, Schutzgelder ab. Und Terrorgruppen aus dem sudanesischen Darfur wildern in der Zentralafrikanischen Republik nach Elfenbein und töten dafür hunderte Elefanten im Jahr mit Maschinengewehren.

Ein verhafteter Finanzmanager von Boko Haram sagte vor zwei Jahren aus, vier Fünftel aller Einnahmen aus illegalen Geschäften gingen direkt an Boko-Haram-Chef Shekau. Die Hälfte davon solle Shekau eigentlich an Hinterbliebene, Arme und Bedürftige weiterreichen. „Aber es hat sich niemand getraut zu fragen, wie genau das Geld ausgegeben wurde – wir hatten Todesangst.“ Wer für Boko Haram kämpft, wird mit nicht einmal 40 Euro im Monat entlohnt. Viel Geld geht in Waffenkäufe und Schmiergelder, wieviel überdies abgezweigt wird, weiß niemand. Während die Armen und Bedürftigen mit Almosen abgespeist werden, machen die Terrorbosse das große Geld.

Marc Engelhardt berichtet seit mehr als zehn Jahren aus Afrika und ist Autor von: „Heiliger Krieg, heiliger Profit“, Verlag Ch. Links, 2. Aufl.

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