FairTrade: Luxus mit gutem Gewissen

Fair gehandelte Waren sind in Österreich beliebter denn je, vor allem Kaffee, Bananen, Schokolade und Blumen. Auch wenn ihr Umsatz im Vergleich zum gesamten Welthandel im marginalen Bereich liegt, hat die Marke Fairtrade in den vergangenen dreieinhalb Jahrzehnten enorm an Terrain gewonnen. Gleichzeitig fragen sich KonsumentInnen: Wie fair ist der faire Handel?

Von Nikolaus Scholz
„Einen fairen Mokka, bitte!“ Diese Bestellung im Café hätte vor einigen Jahren nur Verwunderung ausgelöst. Alternativer Handel wurde nicht mit modernem urbanem Leben assoziiert. Das hat sich grundlegend geändert.

Laut einer Umfrage, die Ende April 2011 bei eintausend ÖsterreicherInnen durchgeführt wurde, kennen 850 der Befragten das Logo von Fairtrade. Das mag nicht zuletzt daran liegen, dass der Trend in Richtung nachhaltigem bzw. ethischem Konsum geht. „Die Markenpositionierung von Fairtrade ist ganz klar definiert“, konstatiert auch Peter Deisenberger, Geschäftsführer der Brandingagentur brainds, „das schaffen nicht einmal professionelle Unternehmen in solcher Klarheit.“

Vielleicht ist dies einer der Gründe dafür, dass fair gehandelte Produkte in den letzten Jahren enorme Wachstumsraten von jährlich bis zu 30 Prozent verzeichnen konnten. Gleichzeitig müssen diese Umsatzsteigerungen, von denen andere Branchen nur träumen können, relativiert werden: So macht das gesamte fair gehandelte Handelsvolumen weltweit etwa 3,5 Mrd. Euro aus. Im Vergleich dazu betrug der Wert des gesamten Welthandels 2011 18.200 Mrd. US-Dollar.

Eines steht fest: Es gibt in reichen Ländern des geographischen Nordens zunehmend Käuferschichten, denen es wichtig ist, Produkte zu kaufen, die sie sich leisten und mit gutem Gewissen konsumieren können. In diesem Segment hat im vergangenen Jahrzehnt ein deutlicher Imagewechsel eingesetzt: Das so genannte alternative Gutmenschen-Image wechselte zu einem akzeptierten Luxusmenschen-Image. „Und davon wird auch Fairtrade in Zukunft profitieren“, resümiert der Wirtschaftstheoretiker Gottfried Tappeiner von der Universität Innsbruck. „Allerdings muss man leider sagen, dass dieser Imagewechsel auch durch die zunehmende Einkommensschere in Europa bewirkt wird: Seit zirka 15 Jahren gibt es immer mehr Leute, die nicht auf die Preise bei Nahrungsmitteln schauen müssen, die sich also fair gehandelte Waren leicht leisten können. Der Preis dafür ist, dass wir jetzt auch eine erhebliche Anzahl von Menschen haben, die wirklich jeden Cent umdrehen müssen und für die fair gehandelte Produkte nicht in Frage kommen.“

Wie aber werden Produkte zu fair gehandelten Produkten? Anzumerken ist, dass den erheblichen Anteil nach wie vor agrarische Rohstoffe wie Kaffee, Kakao, Tee und Bananen ausmachen, gefolgt von diversen (Kunst)handwerksprodukten.

Fairer Handel muss sich nicht auf Label-Organisationen beschränken. Es gibt eine Reihe von Initiativen, die über persönliches Engagement Produkte aus armen Ländern und von bestimmten ErzeugerInnen bei uns vertreiben. Vertrauen garantiert ohne großen Aufwand von Kontrolle und ohne Kosten für Zertifikate einen gerechten Handel. Gleichzeitig muss man die mengenmäßige Beschränkung solcher Geschäfte sehen. Und wenn persönliche Beziehungen zu Ende gegangen sind, bleibt von der Initiative häufig nichts mehr.


Jedes Produkt hat seine eigene Geschichte. Der Verkauf von Bananen mit Fairtrade-Siegel war durch den Einstieg in den Supermarkt von Anfang an erfolgreich.

Label-Organisationen wie Fairtrade haben eine Reihe von Standards definiert, die Produktion und Handel erfüllen müssen, um dabei zu sein.

Im Zentrum steht der faire Preis. Die Problematik eines fairen Preises rührt von den schwankenden Rohstoffpreisen am Weltmarkt her. Der faire Handel sichert die Preise nach unten hin ab, ein Mindestankaufspreis wird prinzipiell nicht unterschritten. Liegt der Weltmarktpreis höher, erhalten die Bauern und Bäuerinnen den notierten (höheren) Preis. Diese faire Bezahlung sichert den ProduzentInnen zu, von ihrer Hände Arbeit leben zu können.

Zusätzlich gibt es eine Entwicklungsprämie, welche die Organisationen der ProduzentInnen von den Händlern erhalten. Sie darf ausschließlich für gemeinnützige Projekte oder auch Investitionen in die Produktion verwendet werden. Darüber muss demokratisch entschieden werden.

Der faire Handel strebt auch eine Verbesserung von Arbeitsbedingungen an. Kleinbauern-Kooperativen und Plantagen müssen vorgeschriebene Sozialanforderungen einhalten. Diese basieren auf den Richtlinien der ILO (International Labour Organization) und beinhalten unter anderem das Verbot von Zwangs- oder ausbeuterischer Kinderarbeit, von Diskriminierung oder die Gestaltung von fairen Arbeitsbedingungen.

Das Label Fairtrade garantiert nicht automatisch auch Bioanbau. Dennoch werden Kooperativen und Plantagen auf umweltschonende Anbaumethoden und die Sicherheit der ArbeiterInnen verpflichtet, der Bioanbau wird durch Extraprämien gefördert.

Dies alles sind lobenswerte Prinzipien und Ziele. Wie aber wird garantiert, dass sie von ProduzentInnen und HändlerInnen eingehalten werden? Rüdiger Meyer ist Geschäftsführer von FLO-CERT, die 2004 gegründete, unabhängige Kontrollorganisation von Fairtrade International. „Wir arbeiten in der Regel nur mit lokalen Auditoren (Prüfern). Unsere Erfahrung ist die, dass man Fairtrade-Standards nur kontrollieren kann, wenn man die lokale Kultur kennt und die Sprache versteht.“ Um sich ein Bild davon machen zu können, was man einfordern kann und was schwieriger ist, müssen die AuditorInnen nicht nur die regionalen Verhältnisse genau kennen, sondern auch gut beobachten können. Besonders wichtig sind natürlich auch gesetzliche Rahmenbedingungen.

Um die Qualität und Einheitlichkeit der Zertifizierungsverfahren zu gewährleisten, sind alle AuditorInnen verpflichtet, an Schulungen teilzunehmen, bei denen Interviewtechniken oder die Sicherstellung der Einhaltung der Standards trainiert werden. In den Audits wird beispielsweise geprüft, ob die Bauern und Bäuerinnen das notwendige Know-how über die Weltmarktpreise haben oder auf Plantagen bzw. Blumenfarmen demokratisch über die Verwendung der Prämie für Bildung, Soziales oder Infrastruktur abgestimmt wird.

Die erste und manchmal schwierigste Hürde, einen Vertrag mit einer Organisation des fairen Handels zu bekommen, ist für ProduzentInnen die Fähigkeit, lesen und schreiben zu können. Denn um jede einzelne Phase der Produktion und Verarbeitung nachvollziehbar bzw. überprüfbar zu machen, ist es notwendig, jeden Schritt schriftlich zu dokumentieren. Das ist leichter gefordert als erfüllt.

Der Auditor Alfredo Pinot Escoval von FLO-CERT berichtet aus seinem Arbeitsalltag in Thailand. Bei seinem ersten Audit musste er feststellen, dass der Sekretär der Kooperative weder lesen noch schreiben konnte. Alfredo Pinot Escoval waren die Hände gebunden, denn die Funktion eines Auditors ist nicht jene eines Beraters, sondern die eines Prüfers. Und wenn bestimmte Dokumente nicht erbracht werden können, dann ist das eine „nonconformity“ – das heißt, der Betrieb entspricht nicht den Standards von Fairtrade und wird nicht als zertifiziertes Mitglied zugelassen.

Auch das Erstellen einer Mitgliederliste der Produzentenorganisation ist unumgänglich und muss schriftlich erfolgen, selbst wenn diese Anforderung beim ersten Anlauf auf unverständliches Kopfschütteln stößt.


Bei Plantagen, wie hier in Kenia in der Export-Blumenproduktion, liegt das Augenmerk auf der Verbesserung der Lebensbedingungen der ArbeiterInnen. Eine große Herausforderung.

Rüdiger Meyer berichtet, dass es in Westafrika immer wieder Probleme mit Kinderarbeit in der Kakaoproduktion gibt, ein absolutes „NoGo“ für Fairtrade: „Wenn Kinderarbeit festgestellt wird, wird die Kooperative sofort vom Vertrag suspendiert.“ In diesen Fällen sind korrekt geführte Mitgliederlisten ein probates Mittel, um Verfehlungen (Kinderarbeit) aufzudecken. Das haben Fairtrade-Kooperativen inzwischen selbst erkannt.

So wünschenswert die Förderung von Bildung bei den Betroffenen ist, ist dies nicht primär eine Aufgabe des fairen Handels. Das hat allerdings zur Folge, dass nicht die Allerärmsten der Armen im fairen Boot sitzen. Dass die Mitglieder einer Kooperative AnalphabetInnen sind, ist eher die Ausnahme. In den meisten Fällen kennen sie die Anforderungen von Audits bereits aus anderen Bereichen, so etwa bei Biozertifizierungen.

Nicht immer ist es leicht, die ProduzentInnen von den Vorteilen einer gemeinsamen und damit effizienteren Vermarktung zu überzeugen. So waren etwa lokale Kaffee- und Baumwollbäuerinnen und -bauern in Uganda gewohnt, für ihre Ware sofort in bar bezahlt zu werden, während sie in den Fairtrade-Kooperativen oft ein bis zwei Wochen auf ihr Geld warten müssen. Erst langsam begriffen sie, dass ihnen Fairtrade nicht nur Preissicherheit garantiert, sondern sie auch vor Ausbeutung durch lokale Kleinhändler schützt. Hand in Hand damit ging auch eine Verbesserung ihrer Lebensbedingungen.

Noel Oettle von Fairtrade Afrika glaubt, dass dazu mehr gehört als nur höheres Einkommen: „Die Kleinbauern, mit denen wir zusammenarbeiten, schätzen vor allem ihre Entwicklung von einer relativen Unorganisiertheit bis hin zu einem kooperativen Zusammenhalt. Das bringt zusätzlich zum besseren Preis Leistung, Stolz und Selbstbestimmung.“

Auch in der Welt des fairen Handels gibt es nicht nur Eintracht. Mittlerweile brodelt es geradezu. Weltweit agierende Lebensmittelkonzerne wollen am wachsenden Kuchen mitnaschen und nehmen vermehrt Produkte mit dem Fairtrade-Gütesiegel in ihr Sortiment auf, um neue Käuferschichten zu erreichen. Dass es ihnen dabei nur um eine Erhöhung des Umsatzes geht, nicht aber um die Idee dahinter, steht auf einem anderen Blatt.

So sind zwei Prozent der insgesamt cirka 600 Eigenmarken im Lidl-Sortiment mit dem Fairtrade-Label versehen. Eine reine Alibi-Handlung?, fragen sich KritikerInnen. Lidl verkaufe eben, was die Kunden wollten, so das Unternehmen. Und manche fragten eben auch nach Fairtrade und Öko.

Seit März 2010 schenkt die Starbucks-Kette europaweit nur noch Fairtrade-zertifizierte Kaffeegetränke aus. Schon 2009 hatte das Unternehmen insgesamt fast 18.000 Tonnen Fairtrade-Kaffee bezogen. Damit ist Starbucks bereits der weltweit größte Abnehmer von fairem Kaffee, wenngleich das Unternehmen eine Reihe von Kaffee-Produkten nicht aus fairem Handel anbietet. In Österreich haben bereits die Bäckereifirma Ströck zur Gänze und Eduscho/Tchibo teilweise den Ausschank auf fairen Kaffee umgestellt.

Allerdings entwickeln manche Konzerne eigene Gütesiegel, deren Prinzipien ebenfalls auf den Grundlagen des fairen Handels basieren sollen. Damit umgehen große Firmen nicht nur die finanziellen Beiträge an die Labelorganisation Fairtrade, sondern auch die unabhängig entwickelten und sorgfältig adaptierten Kontrollinstanzen von FLO-CERT vor Ort. Und die KonsumentInnen werden verunsichert: Welchem Gütesiegel darf man noch trauen, welchem nicht?

Auch innerhalb des international agierenden Fairtrade-Netzwerks kommt es derzeit zu Spannungen. So will Fairtrade USA dazu übergehen, nicht nur kleine Kaffee-ProduzentInnen unter ihre Fittiche zu nehmen, sondern auch Betriebe mit großen Produktionsflächen, die bis dato im fairen Kaffeegeschäft nicht zum Zug kamen. Zudem sollen Endprodukte bereits dann das Fairtrade-Gütesiegel erhalten, wenn nur zehn Prozent der Inhaltsstoffe den Fairtrade-Kriterien entsprechen. Im Gegensatz dazu müssen derzeit in gemischten Endprodukten mindestens 20 Prozent fair gehandelt sein. (Je nach Inhaltsstoffen stellt sich das Mischverhältnis etwas anders dar, siehe www.fairtrade.at)

Fairtrade USA will damit großen Lebensmittelkonzernen den Zugang zu fair gehandelten Produkten erleichtern und durch diese Maßnahme den Umsatz bis 2015 verdoppeln. Paul Rice, Chef von Fairtrade USA, will sich zur Not auch von der Dachorganisation Fairtrade International trennen, der er vorwirft, sich geänderten Bedingungen zu verschließen.

Rob S. Cameron von Fairtrade International sieht durch die geplante Aktion allerdings die fairen Standards verwässert und wehrt sich gegen den Vorstoß des amerikanischen Ablegers. Eine endgültige Entscheidung steht noch aus.

Dass auch abseits des offiziellen Fairtrade-Netzwerks fair gehandelte Produkte erfolgreich auf den Markt kommen, zeigen Projekte junger Unternehmer in Deutschland und Österreich.

„Rettung der Welt mit Eistee“ so betitelte der Spiegel einen Artikel, der zwei Hamburger Entrepreneurs porträtierte, die mit wenig Geld viel sozialen und ökologischen Nutzen schaffen wollen. Die Idee kam von dem heute 31-jährigen Entwicklungshelfer Paul Bethke, der in Sri Lanka aufwuchs. Bethke besuchte zunächst mehrere Teeplantagen auf Sri Lanka, die für den Export bereits Fairtrade-zertifizierten Tee produzierten. Er fand eine Kooperative, die ihre Prämien bereits in gute Unterkünfte, einen Kindergarten und ein Altenheim investiert hatte.

Dann holte er sich seinen Schulfreund Jakob Berndt ins Boot. „Wichtig war uns, dass wir das Thema Fairtrade entkrampfen“, sagen die beiden. Sie experimentierten mit Säften, Teesorten und Gewürzen und brachten schließlich die biologischen Limonaden „Lemonaid“ und „Charitea“ auf den Markt. „Wir wollen junge Leute für fairen Handel begeistern, die sonst nicht im Reformhaus einkaufen, sondern sich in jungen Cafés bewegen“, erklären sie ihre Strategie. Offensichtlich haben die beiden Jungunternehmer den Geschmack ihrer Zeit getroffen. Heute verkaufen sie mit steigendem Erfolg fünf Sorten Eistee und Limonade. Mit dem Gewinn (5 Cent/Flasche) unterstützen sie Sozial- und Schulprojekte in jenen Ländern, aus denen sie die fair gehandelten Rohstoffe beziehen.

Eine Gemeinsamkeit zeigen all diese Trends: Die Marke Fairtrade hat ihr Mauerblümchen-Dasein längst hinter sich gelassen und ist auch für den internationalen Markt zu einem interessanten Partner avanciert. Ob sich der damit steigende Umsatz auch für die ProduzentInnen in den Ländern des Südens positiv auswirken wird, ist letztlich nicht nur vom sozialen Gewissen der KonsumentInnen abhängig, sondern auch von der Ethik der in diesem Kreislauf involvierten Unternehmen.

Nikolaus Scholz ist freier Ö1 Hörfunk-Journalist.

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