Mit wachem Geist und offenem Herzen

Die Menschen von Timbuktu konnten die historischen Handschriften ihrer Stadt vor Islamisten retten. Der Bedrohung durch Dschihadisten will die malische Oasenstadt Toleranz und Wissbegierigkeit entgegensetzen.

Von Bettina Rühl
Archivar Abdel Kader Haidara riskierte sein Leben, um wertvolle Dokumente vor Dschihadisten zu retten.

Die Krümel, die in den krausen Härchen der Filzunterlage hängen bleiben, haben die Farbe von Sand. Es sind Partikel jahrhundertealter Manuskripte. Die wertvollen Handschriften werden in einem behelfsmäßigen Archiv in der malischen Hauptstadt Bamako digitalisiert. Seite für Seite wird auf eine Filzunterlage gelegt und mit einer digitalen Kamera fotografiert. Dann werden die zerbrechlichen Blätter mit aller Vorsicht von den ArchivmitarbeiterInnen hochgehoben. Trotzdem bleiben fast immer ein paar Partikel zurück.

Die Handschriften wurden in der Oasenstadt Timbuktu am südlichen Rand der Sahara verfasst und archiviert, die ältesten davon schon im 12. Jahrhundert. Im Januar 2013 hätten radikale, al-Qaida-nahe Islamisten von der Miliz Ansar Dine („Verteidiger des Glaubens“) den Kulturschatz fast vernichtet. Doch die Menschen von Timbuktu waren schneller: Heimlich brachten sie rund 285.000 Handschriften nach Bamako, etwa 1.000 Kilometer weiter südlich. „Das war sehr, sehr gefährlich“, sagt Abdel Kader Haidara, der die abenteuerliche Rettung initiierte. Er selbst setzte damit sein Leben aufs Spiel. Jetzt steht der freundliche Archivar in einem unscheinbaren Haus in Bamako, dem eilig eingerichteten Übergangsarchiv für die wertvollen Handschriften.

Haidara und seine HelferInnen wurden von Islamisten mit vorgehaltener Waffe kontrolliert und von Armeehubschraubern beschossen. Sie flohen auf Eseln, in Geländefahrzeugen oder in einfachen Booten über den Niger-Fluss. Als die Ansar Dine-Kämpfer sich im Januar 2013 dann tatsächlich daran machten, die Bibliothek von Timbuktu in Brand zu setzen, waren fast alle Handschriften weg.

In Bamako vermeidet Haidara alles Aufsehen um den Kulturschatz, denn selbst hier  sind die Handschriften nicht absolut sicher. Haidara will sie um jeden Preis erhalten, will sie gegen Diebe, Islamisten, Feuchtigkeit und Termiten verteidigen. Ihm geht es dabei auch um seine eigene Geschichte. „Meine Familie hat eine Bibliothek mit 45.000 Manuskripten“, sagt der Archivar, der 2014 mit dem Deutschen Afrika-Preis ausgezeichnet wurde. Der Preis ehrt herausragende Persönlichkeiten aus Afrika, die sich um Frieden, Demokratie, Menschenrechte oder nachhaltige Entwicklung verdient gemacht haben.

Zu Haidaras Favoriten gehört eine Handschrift aus dem 17. Jahrhundert, in der es um die Bekämpfung von Korruption und Machtmissbrauch geht. Zudem faszinieren ihn die Abhandlungen über Astronomie, Medizin und Rechtswissenschaft. Zur Zeit sind diese Schätze zum großen Teil noch immer an verschiedenen Orten in Bamako in Metallkisten versteckt. Nach und nach werden sie aus diesen Kisten geholt und zum Schutz vor Feuchtigkeit und Zerfall in maßgeschneiderte Boxen aus säurefreier Pappe gelegt. Dann werden sie digitalisiert, um sie so der Forschung zugänglich zu machen. Das alles wird auch mit Geld aus dem Ausland finanziert, nicht zuletzt aus Deutschland.

Lokalaugenschein in Timbuktu, 1.000 Kilometer oder zweieinhalb Flugstunden entfernt von der Hauptstadt. Die Oase mit ihren 55.000 EinwohnerInnen wirkt wie aus der Zeit gefallen. Überall Lehmbauten und enge Gassen, nur in den Randbezirken steht hier und da ein Haus aus Beton. Seit 1988 zählt die UN-Kulturorganisation UNESCO den Ort zum Weltkulturerbe. In der verwaisten Bibliothek, die durch den Brand nur leicht beschädigt wurde, staut sich die Hitze. Abdoulaye Cissé wacht über das fast leere Gebäude der staatlichen Institution, die offiziell „Ahmed-Baba“-Institut heißt. Cissé ist der stellvertretende Direktor des Instituts. Während der Besatzung der Stadt campierten die Islamisten im Gästehaus des Archivs. Mitte Jänner  2013 griff die französische Armee in den Krieg in Mali ein, um den Vormarsch der Islamisten zu stoppen. Am 28. Jänner 2013 floh die Miliz vor den französischen Angriffen aus Timbuktu. Im Gästehaus des Archivs ließ sie Kleidungsstücke, Munition, Anti-Personen-Minen – und Drogen zurück. Marihuana und Kokain sind nicht nur für den eigenen Gebrauch: Die islamistischen Milizen in der Sahara finanzieren sich unter anderem durch den Schmuggel von Kokain, auch nach Europa. Und durch das Erpressen von ­Lösegeldern.

Cissé schwärmt von seiner Stadt. 99,8 Prozent der BewohnerInnen seien Muslime: „ Die Menschen streben noch nach Weisheit und Frieden.“ Nicht einmal die Islamisten hätten es geschafft, diesen Geist von Timbuktu zu zerstören.

Der Geist der Stadt zeigt sich an der Geschichte von Fatmata und ihrer Familie. Die 15-Jährige lebt in einem der typischen Häuser der Stadt: Der Hof ist von niedrigen Lehmbauten mit einfachen Zimmern eingefasst, in denen die Mitglieder der Großfamilie wohnen. Gerade bereiten mehrere Frauen und Mädchen gemeinsam die nächste Mahlzeit vor, mahlen Gewürze und Getreide. Von Kissen gestützt, liegt das Familienoberhaupt Aboubacar Aljoumat auf einer Matte im Zentrum des Hofes und liest im Koran.

Aljoumat ist Marabout, also ein islamischer Geistlicher. Mit seiner alten und heiseren Stimme erzählt er, wie die Islamisten seine damals 13-jährige Tochter Fatmata als Frau für einen der Milizionäre forderten. „Ich weigerte mich“, sagt der Alte. „Schließlich bedrohten sie mich mit der Kalasch­nikow.“

Fatmata wurde von ihrem „Mann“ in das Lager der Miliz gebracht und durfte das Haus nicht mehr verlassen. Sie war zur Untätigkeit gezwungen und fühlte sich wie im Gefängnis. Über Wochen hatte sie Angst um ihr Leben. Fatmata redet leise. Zwischendurch schaut sie immer wieder auf den Boden, ihre Finger sind rastlos, sie spielt mit einer Gebetskette. Währenddessen erzählt sie von der unerträglichen Situation mit ihrem so genannten Ehemann. „Wenn er mich etwas fragte, gab ich keine Antwort. Ich habe nie mit ihm gesprochen.“

Der Milizionär habe immer wieder getobt, weil sie sich ihm nie völlig unterwarf. Nach vier Monaten hatte er genug und brachte sie zurück. Da war Fatmata schon schwanger. Ihr Vater nahm sie mit offenen Armen auf, erleichtert, sie lebendig und gesund zu sehen. „Man kann seine Tochter oder seinen Sohn nicht verstoßen, egal, was passiert“, sagt Aljoumat.

Die Kämpfer der Ansar Dine bezeichneten sich zwar als Muslime, sagt er, hätten allerdings eine andere Religion als die Muslime von Timbuktu. „Seit jeher gibt es in Timbuktu nur eine einzige Religion: Toleranz und die Solidarität mit deinem Nächsten“, sagt der Alte.

Fatmata hat  inzwischen eine Tochter geboren, das Kind ist anderthalb Jahre alt. „Ich fühle mich in Timbuktu von niemandem abgelehnt, weil der Vater meines Kindes Islamist ist und weil ich mit ihm zusammen war“, sagt sie. „Ich schäme mich trotzdem. Ich versuche, die Scham zu überwinden, aber das ist schwer.“

Gelebte Toleranz: Wer auf die beiden herabschauen würde, würde von Ben Essayouly zurechtgewiesen werden, dem Imam der Großen Moschee von Timbuktu. „Seit Anbeginn der Zeit war Timbuktu säkular, und so wurden seine Bewohner erzogen“, erklärt der Imam seinen Widerstand gegen die radikalen Lehren.

Die muslimischen Gelehrten von Timbuktu hätten immer schon den Respekt vor allen monotheistischen Religionen gepredigt. Inzwischen ließen sich Essayouly zufolge jedoch viele junge Menschen von den radikalen Gruppen locken. Nachdem dieses Mal das wertvolle Kulturgut der Oasenstadt in Gefahr war, könnten die Islamisten auf Dauer Timbuktus andere Reichtümerbedrohen: Friedfertigkeit, Offenheit und das Streben nach Wissen. 

Bettina Rühl ist freiberufliche Journalistin für Printmedien und Radio. Sie lebt in Nairobi und bereist regelmäßig auch Westafrika.

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