„Sicher nicht reine Nächstenliebe“

Per Internet ging KONY2012 um die Welt. Wie reagierte man in Uganda auf den Film, der zur Ergreifung von Joseph Kony, dem international gesuchten Kriegsverbrecher, aufruft?

Von Patricia Otuka-Karner
KritikerInnen von KONY2012 verbreiten dieses Foto im Internet: Mitglieder von „Invisible Children“, darunter Jason Russell (im schwarzen T-Shirt), posieren mit Raketenwerfern und Kalaschnikows. Sie nennen sich „The Army of Peace“.

Anfang März stellte die amerikanische Nonprofitorganisation „Invisible Children“ einen knapp halbstündigen Film ihres Mitgründers Jason Russell online. Ziel ihrer Kampagne KONY2012 ist die Bekanntmachung und Festnahme des ugandischen Anführers der Lord’s Resistance Army (LRA) Joseph Kony. Seit 1987 hat die LRA geschätzte 70.000 Kinder entführt und zu SoldatInnen gemacht. Die Kampagne KONY2012 nutzt die Macht von Internet und Social Media. Bereits in den ersten zwei Wochen wurde das Video weltweit mehr als 80 Millionen Mal angeklickt. Der Film weckte international großes Interesse und viel Kritik – auch in Uganda. „Alle Menschen, die bei vollem Verstand sind, erkennen, dass das Hauptmotiv für die Macher des Films von Invisible Children Online-Geldmacherei war und sicher nicht reine Nächstenliebe“, schreibt Mwitangwe Kanzira aus Kampala in einem LeserInnenbrief in der nationalen Tageszeitung „Sunday Vision“ am 25. März.

KONY2012 hat nicht nur weltweit für Schlagzeilen, sondern auch in Ugandas Medien und politischer Landschaft sowie in der Zivilgesellschaft für Aufsehen und Empörung gesorgt. Einheitlich äußert sich die ugandische Regierung in einer von der Informationsministerin Mary Okurut unterschriebenen zweiseitigen Stellungnahme in der „Sunday Vision“ am 18. März sowie in einer auf YouTube veröffentlichten Videobotschaft des Premierministers Amama Mbabazi. In beiden heißt es: „Wir nehmen mit großer Sorge die schwerwiegende Verdrehung der Tatsachen durch diese Dokumentation zur Kenntnis.“ Und weiter: „Diese Dokumentation ist bevormundend in der Art, wie sie Uganda als hilflos im Angesicht des Konfliktes darstellt und Ugander als unfähig, sich um die Lösung ihrer eigenen Probleme zu kümmern.“ In der Folge wird sowohl auf die militärischen Strategien zur Konfliktlösung als auch auf die diversen Friedensverhandlungen verwiesen.

Der Film beginnt mit dem Satz: „Nichts ist stärker als eine Idee, deren Zeit gekommen ist …“ Warum jetzt? Warum nicht vor sieben, zehn oder 15 Jahren?, ist der Grundtenor vieler Artikel, Diskussionen und Stellungnahmen von UganderInnen. Außerdem mokiert man sich über die falsche Darstellung der Fakten. Im Gegensatz zu dem, was im Film suggeriert wird, befinden sich Kony und die LRA bereits seit 2006 nicht mehr in Uganda, sondern treiben im Südsudan, in der Demokratischen Republik Kongo und in der Zentralafrikanischen Republik ihr Unwesen.

Von Regierungsseite heißt es, Kony2012 flöße den ZuseherInnen Angst ein. FreundInnen Ugandas, potenziellen TouristInnen und InvestorInnen würde ein Bild vermittelt, das Land sei im Kriegszustand. Dabei genieße Uganda seit einigen Jahren absoluten Frieden.

Angelo Izama, ugandischer Journalist, schreibt auf seiner Website: „Diese Kampagne eine falsche Darstellung zu nennen ist eine Untertreibung.“ Der Höhepunkt des Konflikts sei zwischen 1999 und 2004 gewesen. Auch das in KONY2012 verwendete Filmmaterial wurde bereits 2003 aufgenommen. Er weist darauf hin, dass es heute andere aktuelle Themen gibt, die Aufmerksamkeit erfordern. Die heutigen „unsichtbaren Kinder“ seien jene geschätzten 4.000, die an „Nodding Disease“, einer Art Schüttellähmung des Kopfes, erkrankt sind. Die Krankheit ist in den ehemals am stärksten vom LRA-Konflikt betroffenen Distrikten Kitgum, Pader und Gulu ausgebrochen und bedeutet für viele Kinder den Tod. Sie ist zwar seit Jahren bekannt, medizinisch jedoch kaum erforscht.

Die ugandische Journalistin und Schriftstellerin Mildred Barya schätzt, dass der Film die Diskussionen rund um den langjährigen Terror der LRA aber auch die Rolle der ugandischen Regierung und der Armee neu aufgerollt hat. „Wenn sie [die Armee] Kony hätten fangen wollen, hätten sie dies auch vor langer Zeit geschafft, aber sie haben nicht.“ Im Unterschied zum Film hinterfragt sie die Herangehensweise der ugandischen Regierung, behauptet aber nicht, sie sei untätig gewesen. Dass der Film auf einer militärischen Lösung beharrt, greift auch Mahmood Mamdani, der ugandisch-indische Professor an der Columbia University in New York und Direktor des Makerere Institute of Social Research in Kampala, in diversen Beiträgen an. „Die LRA ist eine Gruppe von wenigen Hundert, unzureichend bewaffnet und untrainiert. Kurz, die LRA ist keine militärische Macht. Das Problem LRA bedarf keiner militärischen Lösung.“ Mamdani stellt den Aufruf zur bewaffneten Lösung am Ende des Films – und wem diese Mobilisierung letztlich hilft – stark in Frage. „Die LRA dient als Ausrede für eine Militarisierung der Region.“

Barya hofft, die FilmemacherInnen teilen sich das Bett nicht mit Dritten, deren latente Motive unerwähnt blieben: „Wir haben jetzt Öl, Brüder und Schwestern!“

Aller Diskussionen zum Trotz ruft Premierminister Mbabazi zum Ende der Videobotschaft der Regierung alle ZuseherInnen auf, Uganda zu besuchen und sich selbst ein Bild zu machen. Er ist stolz darauf, dass der internationale Reiseführer „Lonely Planet“ – eine weltweit führende Autorität für Tourismus – Uganda gerade zum besten Urlaubsziel 2012 ernannt hat.

Und auch die MacherInnen von KONY2012 bleiben nicht untätig. Anfang April reagierten sie auf die heftige Kritik mit einem zweiten Film, der einiges richtig stellen und Hintergründe erklären soll. Die Zahl der Klicks auf „KONY2012 Teil 2“ hält sich allerdings in Grenzen.

Patricia Otuka-Karner ist Theaterwissenschaftlerin und forscht zu afrikanischen Kulturen.

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