SLUMS

New Internationalist-Redakteur Richard Swift wirft einen Blick in die Zukunft unserer Städte.

Sie stehen für Hoffnung – oder zumindest das Gefühl eines Neubeginns: Improvisierte Unterkünfte, die überall dort aus dem Boden schießen, wo einem niemand den Platz streitig macht. Sie sind heute ein zentrales Merkmal urbaner Landschaften. Je schwieriger es wird, von der Landwirtschaft zu leben, der typischen Existenzgrundlage im Süden, desto mehr Menschen suchen nach anderen Wegen. Und ob beim Fernsehen im Dorfladen, bei einem Gespräch mit einem Cousin oder einem Onkel, der nun in Shanghai oder Khartoum lebt, die Botschaft ist stets die selbe: „Geht in die Städte!“
Ungeduld und Unzufriedenheit macht sich breit, sogar in den entlegensten Dörfern. Zusammen mit dem neoliberalen Modell, das dem Markt und den Wohlhabenden jedes Recht und den Habenichtsen so gut wie keines einräumt, ergibt das gewaltige „Push“- und „Pull“-Faktoren: Sie werden dafür sorgen, dass 2030 voraussichtlich mehr als zwei Milliarden Menschen in Slums leben werden – in informellen Siedlungen an der Peripherie oder mitten in der Stadt, zumeist als „Squatter“, d.h. ohne schriftliche Rechtstitel für ihr Haus oder ihre Unterkunft.
Nichts anderes ist zu erwarten, meint Scott Leckie vom Centre on Housing Rights and Evictions (COHRE) – einer Organisation, die an vorderster Front für die internationale Gewährleistung sicherer Wohnrechte kämpft: „Wenn man den ärmsten 30 bis 40 Prozent einer Bevölkerung kein Recht auf eine Wohnung zugesteht, dann werden sie eben ihre eigenen Lösungen schaffen. Sie werden ihre Häuser möglichst nahe bei der Arbeit und auf einem Grund bauen, für den sich möglichst wenige interessieren. Die Städte werden von diesen Menschen und ihrer Arbeit abhängig werden. Sie werden zum Motor der Entwicklung. Das war schon seit Urzeiten so.“

Es gibt zwei entgegengesetzte Ansichten über den Umgang mit Squattern und ihren Siedlungen. Nach der einen sind sie gefährliche Schandflecke, die dem Fortschritt im Wege stehen – eine Brutstätte aller möglichen Übel, vom Drogenhandel bis zur Revolution. Die Mittel, um sie los zu werden, reichen von schwer zu durchschauenden Betrügereien bis zu unübersehbaren Planierraupen. Nach der anderen, eher vernunftbestimmten Ansicht ist ein gewisses Ausmaß an Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse und Rechtsstellung vorzuziehen, doch herrscht hier Uneinigkeit. Manche würden den Squattern Rechtstitel geben, um sie in den konventionellen Immobilienmarkt zu integrieren.
Diese Position vertritt insbesondere der peruanische Ökonom Hernando de Soto, der an die „Befreiung des Kapitals“ glaubt, das die Armen in ihre Häuser investiert haben. Andere sind dagegen, weil sie den realen ökonomischen Wert (sowohl den Verkaufswert als auch den Wert als Kreditsicherheit) notdürftiger Behausungen bezweifeln. Und außerdem, meint Scott Leckie, „ist der Rechtstitel des einen oft die Unsicherheit des anderen. Wenn man alles zur Ware macht, einschließlich der Häuser der armen Leute, dann macht man es der nächsten eintreffenden Gruppe oder der nächsten Generation umso schwerer.“
Seit 2000 sind wieder massive Zwangsräumungen im Gange. Hunderttausende wurden in letzter Zeit von ihrem Platz am Rande des urbanen Lebens in Asien und Afrika südlich der Sahara vertrieben: in Nigeria, Kenia, Äthiopien, Indonesien, Indien, auf den Philippinen, in China und zuletzt, und besonders dramatisch, in Simbabwe. Prestigeträchtige Entwicklungsprojekte, Großereignisse (einschließlich der Olympischen Spiele, ein permanenter Grund für Zwangsräumungen, 300.000 Betroffene allein in Beijing) und der Modernisierungseifer lassen wenig Raum für Slums und Squattersiedlungen.

Slums haben nichts Romantisches an sich. Das Leben dort zeigt sich oft von einer grausamen, unbarmherzigen, ausbeuterischen Seite. „Wir machen Schluss mit den Slums!“, proklamieren PolitikerInnen immer wieder. Das klingt ganz gut. Aber was wollen sie wirklich? Für sauberes Trinkwasser und eine ordentliche Kanalisation sorgen? Oder vielleicht die Wohnrechte der Menschen sichern? Viel zu oft wollen sie sich bloß der hart erkämpften Bastionen armer Menschen in einer der boomenden Megastädte im Süden bemächtigen. Tatsächlich ist der Kampf gegen Slums in der Regel nur ein Vorwand, um die Armen aus dem Weg zu schaffen.
Aber in diesen Slums leben Hunderte Millionen von uns, versuchen ständig, ihre Lage zu verbessern, im Kleinen oder im Großen. Was ein Recht auf Wohnung bedeuten würde, ist für Scott Leckie klar: „Man sollte vom ersten bis zum letzten Tag seines Lebens einen ordentlichen Platz zum Leben haben, damit man nicht vor der Wahl steht, Geld für die Wohnung oder für das Essen der Kinder auszugeben. Man wird nicht rausgeschmissen, wenn irgendwelche Schlägertypen an die Tür klopfen. Man muss nicht inmitten von Ungeziefer und Ratten leben. Man hat sauberes Wasser und Strom.“

Es wird schwierig sein, dieses Ziel weltweit zu verwirklichen. Es werden weiterhin die Menschen in den Slums selbst sein, die dabei die führende Rolle übernehmen. Es ist eine Frage der Macht. Lateinamerika etwa blieb im Großen und Ganzen von der aktuellen Welle der Zwangsräumungen verschont, weil dort PolitikerInnen und die Immobilienbranche begriffen haben, dass der Versuch, die Rechte der Armen mit Füßen zu treten, politisch kostspielig sein kann. Die Menschen lassen sich das einfach nicht gefallen.

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