Smarte Ausbeutung

Eineinhalb Handys besitzt jede Österreicherin und jeder Österreicher laut Statistik. Viele der Telefone kommen aus Südindien. Die Menschen, die sie herstellen, leben unter schwierigsten Bedingungen.

Von Nora Holzmann
Erschöpft von der Arbeit in der Handy-Fabrik: Prakash und seine Kollegen in ihrer Behausung.

Prakash ist allein. Das kommt selten vor. Zusammen mit fünf Anderen lebt der 26-Jährige auf zehn Quadratmetern. Der Raum ist kahl; es gibt keine Sessel, keine Matratzen und keine Privatsphäre. „Wir schlafen hier auf dem Boden, in Schichten. Drei von uns schlafen, während die anderen drei arbeiten. Und umgekehrt.“

Sechs Tage die Woche ist Prakash damit beschäftigt für Foxconn, einen Zulieferbetrieb von Nokia, Handy-Gehäuse herzustellen. Zwölf Jahre hat er die Schule besucht, danach noch zwei Jahre eine technische Berufsausbildung gemacht. Nun verdient er knapp über 100 Euro im Monat und kann damit gerade überleben. Denn auch seine Mutter und seine Schwester, die im 200 Kilometer entfernten Pondicherry leben, sind auf dieses Geld angewiesen. Mehr sei es gewesen, das er sich erhofft hatte, als er den Job in der boomenden Handy-Industrie annahm, sagt Prakash. Mehr Geld, mehr Chancen, eine bessere Zukunft.

Mehr als 20.000 Menschen arbeiten wie Prakash in den Handy-Fabriken im südindischen Sriperumpudur, etwa 30 Kilometer entfernt von der Metropole Chennai. Fast alle sind jung, zwischen 18 und 26 Jahre, und gut ausgebildet. Mehr als die Hälfte sind Frauen. Mit großen Hoffnungen und viel Elan kamen die meisten aus den Dörfern im Umland, um bei Nokia oder einem der Zulieferbetriebe des finnischen Handy-Herstellers zu arbeiten. Ihre Hoffnungen wurden enttäuscht. Anstrengende Fließbandarbeit, bei der stundenlang in derselben Position verharrt werden muss, und viel zu geringe Löhne sind die Realität.

Nokias Erwartungen wiederum wurden erfüllt. Das Unternehmen hat 2006 bekommen, was der indische Staat versprochen hatte: eine eigene Sonderwirtschaftszone (SWZ), mit allen erdenklichen Vorteilen. „Für die ersten zehn Jahre erhalten die Unternehmen eine generelle Steuerbefreiung. Welche Gewinne sie auch immer machen, sie dürfen sie zur Gänze behalten“, erklärt Madhumita Dutta. Sie ist Mitglied der indischen Anti-SWZ-Bewegung und erforscht schon seit einigen Jahren die Folgen der eigens für ausländische Firmen eingerichteten Zonen für die Bevölkerung. In einem ruhigen, grünen Stadtteil von Chennai liegt die alte Wohnung, die sie als Büro nutzt. Madhumita ärgert sich über die Haltung der indischen Regierung. Diese erstatte den Unternehmen zudem die Mehrwertsteuer zurück: Geld, das eigentlich für öffentliche Zwecke bestimmt wäre. „Etwa 90 Millionen Euro hat die Nokia-SWZ den indischen Staat gekostet. Der soziale Preis liegt aber viel höher.“

Diesen zahlen unter anderem jene Menschen, auf deren früherem Land nun die Handy-Fabriken stehen. Politischer Druck und falsche Versprechungen seien es gewesen, die viele von ihnen 2004 dazu brachten, ihr Ackerland zu billig – teilweise für ein Hundertstel des Marktwerts oder weniger – zu verkaufen.

Sehr günstiges Land, billige und flexible Arbeitskraft, beste Infrastruktur: Das sind die Vorteile, die Nokia hohe Gewinne in Indien garantieren. Vergangenes Jahr ging das 500-millionste Handy über das Fließband. In 130 Länder wird von hier aus exportiert, auch nach Österreich. Trotz jüngster Krisen war der Handyriese auch im vergangenen Jahr noch Weltmarktführer. Und Nokia wird alles daran setzen, dass es so bleibt.

In Prakashs Zimmer erlischt die kleine Glühbirne, die an der Decke befestigt ist. Im Raum wird es düster, nur das letzte Licht der untergehenden Sonne dringt durch die offene Tür herein. „Etwa zehn Stunden am Tag haben wir hier keinen Strom“, erklärt Prakash. „Eine Sparmaßnahme der Regierung. Aber nicht für die Fabriken, die müssen ja 24 Stunden laufen.“

Vor etwa eineinhalb Jahren reichte es Prakash. Im Oktober 2010 streikte er, gemeinsam mit über 300 Kolleginnen und Kollegen. Sie verlangten höhere Löhne, ausreichend Sozialleistungen, besseres Kantinen-Essen. Nicht alle Forderungen wurden erfüllt. Vier Tage musste Prakash damals ins Gefängnis, wegen angeblicher Beschädigung von Betriebseigentum. „In Wirklichkeit waren es Leute vom Management, die Dinge kaputt gemacht haben. Um es uns in die Schuhe zu schieben“, sagt er. Gleich muss er zur Nachtschicht. Seine Kollegen werden bald vom Wäsche waschen zurückkommen. Sie werden dann ihre Matten am Fußboden des kleinen Zimmers ausrollen und schlafen. Bis ihre Schicht in der Handy-Fabrik beginnt.

Nora Holzmann ist Redakteurin des Südwind-Magazins sowie Mitarbeiterin der Südwind Agentur und reiste im März mit ihrer Kollegin Christina Schröder nach Südindien.

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